Sonntag, 8. November 2009

Tagesstruktur oder "ich bin zufrieden"

Tagesstrukturen sind wichtig. Ein Vor-sich-hin-doesen sollte moeglichst nicht zu lange dauern in einem neuen Land.
Ich bin froh, ueber meine kleine Wochenstruktur, die ein paar Verpflichtungen beinhaltet. Fuenf Tage in der Woche bin ich morgens zwei Stunden bei Sharon, an zwei Tagen zwei zusaetzliche Stunden am nachmittag.
An zwei anderen Tagen bin ich nachmittags fuer je drei Stunden im Ulpan und an einem Abend zur Parashat HaShavua (ein Beitrag zum Wochenabschnitt) in der Synagoge nebenan.
Das bedeutet, an vier Tagen je vier bis fuenf Stunden verplante Zeit, an einem Tag nur zwei und am Freitag und Shabbat frei.
Das fuehlt sich gut an. Ich lebe nicht einfach in den Tag hinein, und dennoch bleibt noch ausreichend Zeit, um mich um eine Arbeit fuer die restlichen Stunden des Tages zu kuemmern.
Manchmal fahre ich abends mit dem Bus zurueck nach Hause, an anderen Abenden geniesse ich die laue Luft, den Jasminduft und die schoene Nachbarschaft zu Fuss.
Und - ich bin zufrieden.

"Warum denn hierher?.."

Es gibt Menschen, die muessen unbedingt das Gesicht verziehen, als haetten sie gerade in eine Zitrone gebissen, wenn sie hoeren, dass jemand aus Deutschland nach Israel eingewandert ist. Aufgefallen ist mir, dass die meisten dieser Menschen nicht religioes leben. Nur mal so nebenbei bemerkt.
Es scheint in ihren Augen einfach "nicht vernuenftig" zu sein. Was willst du in Israel? Was ist in Deutschland so schlimm? Falls du dich nicht wohl gefuehlt hast in deiner Stadt, gibt es doch genuegend Orte in Deutschland, wo es schoener ist....oder? Du wirst sicher - wie alle - schnell wieder zurueck gehen nach Deutschland.
Jeder darf seine Meinung zum Thema Einwandern nach Israel haben, jeder darf sie mir auch kundtun. Dann jedoch moege er schweigen und mich einfach leben lassen. Man muss mich nicht bewundern, aber bitte auch nicht verurteilen oder mir immer wieder deutlich machen, wie abwegig diese Entscheidung war. Aeussere ich mich in dieser Deutlichkeit ueber meine israelischen Mitmenschen, die sich danach sehnen, in Deutschland zu wohnen?
Jeder muss seinen Weg allein finden und ja, es kann sein, dass ich eines Tages hier stehe und sage: Israel war nicht mein Ding.
Dann werde ich erneut Entscheidungen treffen muessen, aber bis dahin - bitte lasst mich einfach vor mich hinleben, liebe israelische Mitbuerger.

Geschichten um die deutsche Staatsbuergerschaft

Ich habe nun einige sehr unterschiedliche Geschichten um die Beibehaltung, bzw. Wiedererlangung der deutschen Staatsbuergerschaft gehoert.
Unter anderem berichtet eine junge deutsche Frau, sie habe eine Arbeit in einem israelischen Orchester begonnen, als Violinistin. Sie sei ca vor drei Monaten eingewandert, habe das Dokument unterschrieben, worin man auf die israelische Staatsbuergerschaft (zunaechst) verzichtet um anschliessend einen Antrag bei der Deutschen Botschaft zu stellen, auf Beibehaltung der deutschen St.
Da man in diesem Antrag 1. seine bestehenden Beziehungen zu Deutschland ausfuehrlich darstellen muss, 2. begruenden sollte, warum man beabsichtigt, die israelische St. anzunehmen, hat sie fuer Punkt 2 ein Schreiben von ihrem Orchester bekommen, dass es fuer ihre Arbeit notwendig ist, die israelische St. zu haben. Bestehende Bindungen gibt es zur Familie in Deutschland. Ihr Antrag ist genehmigt worden.
Der zweite Fall stellt sich ganz anders dar, ist aber nicht weniger interessant. Diese Bekannte hat naemlich die israelische St. vor 3 Jahren angenommen und sofort die deutsche verloren.
Nun, ein paar Jahre spaeter hat sie den Antrag auf Wiedererlangung gestellt. Auch ihr Antrag ist bewilligt worden.

Hilfe von allen Seiten

Zurzeit kann ich mich nicht ueber mangelnde Hilfe beklagen. Ein wahrer Segen von Angeboten regnet auf mich herab.
Zunaechst einmal werde ich wohl ein Fernsehgeraet geschenkt bekommen, von der netten Studentin, in deren Wohnung ich die erste Zeit wohnen konnte. Da sie einen riesigen Fernseher hat, der wohl zu gross fuer meine kleine Ein-Zimmer-wohnung waere, hat sie ihren Bruder gefragt, ob er seinen kleinen gegen ihren grossen eintauschen moechte. Den kleinen wuerde ich dann bekommen.
Heute war ich mit ein paar Dokumenten, die ich fuer die Deutsche Botschaft benoetige im Irgun Jotzei Mercaz Europa (eine Organisation, die sich um eingewanderte Juden aus Deutschland und Westeuropa kuemmert), wo ich den Leiter schon seit Jahren kenne und immer einen Besuch abstatte. Oft hat er gute Ideen, so auch dieses Mal. Ich benoetige fuer diese Dokumente eine notarielle Beglaubigung und Y. wusste gleich Rat. Er schickte mich zu einem sehr entgegenkommenden Rechtsanwalt und Notar, der mir die Beglaubigungen glatt umsonst machte. Dafuer haben wir dann darueber gesprochen, wie man so verrueckt sein kann, nach Israel auszuwandern. Er selbst ist in Israel geboren, sein Vater aber und die Generationen davor, in Deutschland.
Es war ein lustiges, angenehmes Gespraech und er sagte mir, das, was ihn am meisten an der deutschen Mentalitaet stoert, ist der fehlende Humor.
Ansonsten liebt er Deutschland, faehrt oft dorthin um sich Opernauffuehrungen anzusehen.
Es kann sein, dass ich ein paar Schreibarbeiten in der Zukunft fuer ihn erledigen darf und mit ihm von Zeit zu Zeit deutsch sprechen werde, da er niemanden hat, der ihn verbessern koennte.
So faengt die Woche recht entspannt an. Ich werde gleich meinen Antrag auf Beibehaltung der deutschen Staatsbuergerschaft mit allen angeforderten Dokumenten zur Botschaft nach Tel Aviv schicken und dann darauf warten, einen Termin fuer ein persoenliches Gespraech dort zu bekommen.

Donnerstag, 5. November 2009

Wie gut, dass es den Shabbat gibt!

... gerade in der momentanen Situation ist er ein Segen, da er immer Innehalten und Ruhe beinhaltet. Es gibt an ihm nichts zu erreichen, oder nach etwas zu suchen. Im ganzen Wirrwarr des neuen Anfangs tut es unendlich gut, eine Pause zu haben, die wieder zur Spiritualitaet zurueckfuehrt. Schliesslich ist diese Spiritualitaet ein wichtiger Grund gewesen, hierher umzusiedeln.
Bei all der Buerokratie tritt das leider manchmal in den Hintergrund.
Aber ich spuere auch ein ruhiger werden. Langsam organisiere ich mich, lebe auch Alltag und freue mich einfach, hier zu sein. Was fuer ein Geschenk.
Ich weiss nicht, ob sich jemand vorstellen kann, wieviel Unsicherheit am Anfang im Kopf und im Herzen ist. Und wie wohltuend es ist, wenn man sich ein wenig organisiert hat, einen Fortschritt sieht und sich einrichtet in seinem neuen Leben. Ich weiss, dass noch lange nicht die schwierigste Phase der Integration ueberwunden ist, und dennoch spuere ich so langsam ein erstes Aufatmen. Falls man mit Unverstaendnis die Stirn runzelt bei meiner ganzen Aufregung moege man einen kurzen Augenblick Nachsicht ueben, denn - ich bin auch keine zwanzig mehr!

Sharon und ich

Sie ist gesundheitlich fit, immer freundlich, entgegenkommend und hoeflich, meine Sharon. (hier nenne ich sie Sharon, um ihren wahren Namen nicht preiszugeben). Sie hat eine Philippinin, die 24 Stunden mit ihr zusammen wohnt und sie lebt in einer recht schoenen Nachbarschaft. Demenz - in jedem Falle eine furchtbare Krankheit, besonders aber, wenn man sieht, wie intelligent und vielseitig interessiert sie einst gewesen sein muss. Ein Jammer! Ihre Buecher erzaehlen von einer Zeit geistiger Bluete.
Viele geschichtliche Werke ueber Jerusalems Strassen besitzt sie, Bildbaende und andere interessante Buecher.
Sie ruehrt mich sehr oft und ich habe sie bereits tief in mein Herz geschlossen. Sie erinnert sich nicht an meinen Namen, wenn ich in der Tuer stehe, freut sich aber und fragt am Sonntag, wo ich denn am Wochenende war.
Ein paar Zaehne fehlen ihr, und das faellt auf, wenn sie mit ihrer tiefen Stimme laut lacht. Meist ueber die Stellen, die ich schon kenne. Manchmal benutze ich die eingespielten Dialoge bewusst, um sie lachen zu sehen.
Jeder vierte Satz von ihr ist: "Aber ich bin beeindruckt von deinem Hebraeisch. Meine Guete, was sagen denn die Leute, wenn sie dich reden hoeren? Sicher fragen sie, ob du hier geboren bist, oder?"
Dann fragt sie noch einmal nach, wie lange ich im Land bin. Darauf folgt unser Dialog ueber "Mameloshen" (Muttersprache auf jiddisch. Mame= Mama, Loshen kommt von Lashon= Zunge oder Sprache).
Sie hat mir das Wort beigebracht. Gehoert hatte ich es schon, wusste aber nicht, was es bedeutet.
Und so weiss ich inzwischen schon, worueber sie am liebsten lacht.
Wir lesen Teile aus der Zeitung und sie kommentiert auf ihre eigene Art das Tagesgeschehen.
So reden wir entspannt und ich versuche vergeblich, sie Tag fuer Tag davon zu ueberzeugen, wie schoen es doch waere, wenn wir einen Spaziergang machen wuerden, einen Cafe im Strassencafe trinken. Nein, sie habe genug Bewegung, wenn sie tagtaeglich morgens zum Schwimmen geht, meint sie. (Ihre Tochter sagt, sei sei frueher tatsaechlich regelmaessig schwimmen gegangen, aber seit langem stimmt dies nicht mehr)
Schlimm wird es, wenn jemand anruft, der ihr eine Zeitung verkaufen will oder um eine Spende bittet fuer eine Organisation. Dann scheint es so, als wuerden ihr ihre eigenen Defizite auffallen und sie wird fahrig und nervoes, laeuft durch das Zimmer mit dem Telefon und sucht die Telefonnummer ihres Ehemannes, der seit Monaten tot ist. Fuer sie lebt er noch und jeden Tag fragt sie wo er ist. Mit der Tocher haben alle, die mit ihr umgehen eine Absprache, ihr zu sagen, er sei in Tel Aviv und kaeme morgen zurueck. Das ist die Antwort, die sie beruhigt.
Es tut fast weh, sie so zu erleben, wie sie ins Schleudern kommt und versucht, hoefliche Floskeln anzubringen und das Gegenueber nicht vor den Kopf zu stossen. Wahrscheinlich versucht sie auch ihr eigenes "Vergessen" so zu ueberspielen.

Heute hat ihre Tochter es geschafft, sie zum Friseur zu bringen. Dort habe ich sie dann abgeloest und darauf gewartet, dass sie fertig wurde. Sie hat den Laden wirklich unterhalten, leider hatten die Menschen dort nicht ganz so viel Humor fuer sie. Spaeter sind wir eingehakt zu ihr nach Hause gegangen und leider war sie auch dieses Mal nicht zu einem Cafe in der Sonne zu ueberreden.
Wenn ich mich verabschiede, gibt es auch eine Art Ritual. Jedes Mal sagt sie, sie muesse sich unbedingt meine Adresse und Telefonnummer aufschreiben und nun steht in der ganzen Wohnung sicher schon 10 mal wo ich wohne.
Warum sie mein Herz ruehrt, kann ich nicht sagen, aber sie hat ein ganz besonderes Wesen, was es sehr leicht macht, mit ihr umzugehen. Aber das ist es nicht nur...

Post und Haushaltskleinkram

Wie oft werde ich noch Dinge kaufen wie Eimer, Putzlappen, Hammer und Naegel? Bald bin ich relativ gut ausgestattet, was die Basiseinkaeufe betrifft.
Wie schoen ist es, wenn man den Briefkasten oeffnet und es flattert wieder eine Karte auf den Boden? Danke Moenlein!
Hier hat Post wieder eine ganz wichtige Bedeutung. Es ist die Verbindung zu den Lieben.