Freitag, 21. November 2014

Shabbat shalom und moege Frieden sein im Land

(Bild: Breslev)

18.11.2014 Har Nof Terrorist attack


Har Nof - Massaker


Schwer zu verdauen

Vorhin habe ich etwas gelesen ueber die Opfer des Massakers von dieser Woche. Im Grunde konnte ich es mir denken, aber ich wollte das Schreckliche nicht wahrhaben. Warum nimmt man eine Axt mit, zusaetzlich zur Pistole? Warum ein Fleischermesser?
Ja, sie wurden nicht nur erschossen, sondern es wurden ihnen auch die Gliedmassen abgehackt. Ich tue mich schwer, das zu schreiben, ich tat mich schwer, es zu denken, es mir vorzustellen. 
Nicht umsonst sagen die Mitarbeiter des MDA (Magen David Adom, das israelische Pendent zum Roten Kreuz), dass sie so etwas Schlimmes noch nie gesehen haben. 
Genauso die Mitarbeiter des Zak´a (Identifizierung von Katastrophenopfern), die die ehrenvolle Aufgabe haben, Menschen zu identifizieren, auch Teile von Menschen zu identifizieren, was hoch anzurechnen ist, denn diese Bilder wird man nicht so schnell wieder los.Und doch sind sie immer wieder als Volontaere vor Ort, um Leichenteile zuzuordnen, "einzusammeln". 
Die Tatsache, dass in der gesamten Woche immer wieder ueber das Unvorstellbare berichtet wird, sagt auch einiges darueber aus, wie sehr wir bemueht sind, es irgendwie zu verdauen. 
Und mal ganz ehrlich - ich bin weit davon entfernt, das verdaut zu haben. 

Donnerstag, 20. November 2014

Drei Soldaten ueberfahren vor zwei Wochen - doch geplanter Anschlag

Anfangs hat man der Version des arabischen Autofahrers geglaubt, der sich der Polizei gestellt hatte und beteuerte, die drei Soldaten an der Zomet HaGush nicht absichtlich ueberfahren zu haben. Es sei ein Unfall gewesen. 
Inzwischen hat er gestanden, und es stellt sich heraus, dass auch dieser Anschlag vorgeplant war. Einer der verletzten Soldaten hatte von anfang an seinem Vater erzaehlt: "Ich habe ihm ins Gesicht sehen koennen, dem Autofahrer und er hat keine Anstalten gemacht, zu bremsen. Das war kein Unfall!"
Nun ist es klar und der Anschlag reiht sich in eine lange Reihe von Terrorattacken ein, die unser Land erschuettern.

Oeffentlichkeit "mehr rechts" als alle Politiker?

Eine Aussage des Buergermeisters von Ashkelon, Itamar Shimoni erregt die Gemueter. 
Auf die grosse Sorge der Eltern hin, gibt er bekannt, alle israelischen Araber von Baustellen an Kindergaerten und Schulen entlassen zu wollen.
Die Eltern laufen Amok und haben Panik um die Unversehrtheit ihrer Kinder in nicht beaufsichtigten Schulen und Kindergaerten, spaetestens nach dem Massaker in einer Synagoge. 
"Wer vor Betenden nicht halt macht, dem sind auch Kinder ein willkommenes Ziel fuer Terroranschlaege.." behaupten sie. 
Itamar Shimonis Aussage erregt die gesamte Bevoelkerung. Die einen bezichtigen ihn des Rassismus, die anderen - und das ist erstaunlicherweise die Mehrheit, laut Umfrage - begruesst sein Vorhaben. 
Ganz unerwartet geht gegen dieses Vorhaben Premierminister Netanyahu vor, sowie der absolut Rechte Naftali Bennet, Zipi Livni sowieso einschliesslich des neuen Staatspraesidenten. 
Naftali Bennt: "Wir zeigen NULL Toleranz gegenueber jeglicher Art von Rassismus und Ungleichbehandlung."
Netanyahu gibt an, dass die meisten der israelischen Araber nicht Terroristen sind und friedlich ihr Leben leben wollen. 
Wer haette das gedacht, Bibi?
Ich finde es erst einmal gut, dass das so klar hier gesagt wird. 

Ob ich mich mit der Entscheidung wohl fuehlen wuerde, wenn ich ein Kind im Kindergarten haette, weiss ich nicht. Schon waehrend des Krieges hatten sich alte Menschen mir gegenueber angstvoll geaeussert in Anbetracht der Tatsache, dass sich neben ihrem Haus eine Baustelle befindet, und somit viele Araber, die manchmal abends aus Bequemlichkeit nicht nach Hause fahren, sondern im Rohbau uebernachten. Alte Menschen allein im Haus haben durchweg Angst, es passieren einfach zuviele Verbrechen gegenueber alten Leuten. 
Ich bin gespalten zwischen "Selbstverstaendlich kann man Arabern nicht ihre Arbeit nehmen. Natuerlich moechte ich jedem arabischen Israeli unvoreingenommen begegnen. Ich laechle ihn an, sie an. Vor mir steht ein Mensch, der im Antlitz G-ttes geschaffen wurde, wie ich, wie du. Ich moechte nicht den Terroristen mit der Putzfrau meiner Freundin gleichsetzen"

Und dann : "Wie muessen sich Eltern fuehlen, wenn sie wissen, dass jeder Araber sich mit einem Mal zum "Killer" entschliessen kann, die Axt, die Pistole, das Schlachtemesser nimmt und los geht. Denn jeder hat die Chance Shahid zu sein. Woher weiss ich als Mutter, dass nicht unter den 30 Bauarbeitern nebenan doch einer ist, der mit dem Gedanken liebaeugelt, Juden zu toeten, egal ob Betende, oder Kinder.."
Einer der Terroristen vom Dienstag, der mit brutaler Grausamkeit Betende abgeschlachtet hat, war jahrelang nebenan im Laden beschaeftigt, man kannte ihn, er kannte die Nachbarn, die dort einkauften. Er war nicht arbeitslos und ohne Hoffnung und Perspektive, sondern verdiente sein Brot. Was hat ihn dazu veranlasst, ploetzlich diese Nachbarn, die er jeden Tag beim Einkauf sieht, mit der Axt zu attackieren? Was um alles in der Welt ist in seinem Gehirn vor sich gegangen, dass er daran Gefallen fand?

Die angsterfuellten Eltern kann ich verstehen. Genauso, wie ich nicht sagen moechte: "Alle Araber sollen entlassen werden, die in der Naehe von Kindern arbeiten."
Was soll man bloss tun?

Eine alte Dame, die ich heute in Har Nof besuchte, erzaehlte mir vom Dienstag morgen. Wie sie aufwachte, spaet am Morgen, weil auf der Strasse so viel Laerm war, Krankenwagen, Polizei, Geschrei, Schuesse. 
Sie ging in den Hausflur um zu fragen, was passiert ist. Dort fand sie zwei Nachbarinnen, die sich gegenseitig im Arm hielten, und weinten. Die alte Dame war entsetzt und fragte, was denn nur los sei. Man sagte ihr, etwas ganz Schlimmes sei passiert, in der Synagoge, gegenueber. 
Meine alte Dame kehrte in ihre Wohnung zurueck und stellte den Fernseher an, musste das Allerschlimmste mit ansehen, was sie seit langem gehoert hatte. 
"Ich fuehlte mich an die Shoa erinnert, an die ersten Jahre hier im Land mit meinen Eltern, es gab ein Massaker in Hebron, aehnlich wie dieses, ich kann mich nicht erinnern, dass das mal aufgehoert haette, immer mussten wir in Angst leben, immer waren wir gehasst und verfolgt, wollte man uns toeten, ausloeschen. Kannst du mir sagen, warum?"
Nein, ich weiss es selbst nicht. 

Weiter sagte sie: "Weisst du was? Ich kann keinen Hass fuehlen, in mir ist so ein Gefuehl einfach nicht. Und ich moechte die Araber nicht hassen.Aber das viele Blut, die unschuldigen Menschen, wieso kann jemand so etwas machen?"

Auch darauf weiss ich keine Antwort. 
In jedem Falle ist das Vorhaben von Itamar Shimoni, keine arabischen Bauarbeiter mehr an Kindergaerten und Schulen zu beschaeftigen, eindeutig nicht mit dem Gesetz vereinbar. PUNKT. 
Aber koennte genau das zum Sicherheitsrisiko werden?
Rami Levi, der vor zwei Tagen ebenfalls angekuendigt hatte, evtl. seine arabischen Mitarbeiter zu entlassen, wird dies nicht tun. So hat er entschieden. Und schon gehen die Proteste in den sozialen Netzwerken gegen ihn los. 
Was soll man tun?
Uebrigens will die Gemeinde, in der das Schreckliche geschah, die arabische Reinigungskraft NICHT entlassen. Der Mann ist schon Jahre in dieser Synagoge taetig.

Itamar Shimoni sagte, er wuerde lieber als Rassist beschimpft, als eine Grabrede auf der Beerdigung eines Kindes sprechen zu muessen. 
Was sollen wir bloss tun?
Was ist richtig? 
Und wie koennen wir uns schuetzen und gleichzeitig Rassismus vermeiden, die unschuldigen Araber nicht treffen mit unseren Vorkehrungen?
Das leichte Miteinander, was es trotz aller Spannungen in der heiligen Stadt immer gab, ist raus. Man schaut erschreckt auf, wenn ein Bagger ein wenig schneller auf einen zukommt, ein Auto nicht frueh genug bremst, ein arabisch aussehender junger Mann neben einem im Bus sitzt. Wir koennen nicht in die Herzen schauen und muessen vorsichtig sein. Und doch wollen die wenigsten von uns hassen. 
Was sollen wir tun?

Angst in den Stadtteilen, die an arabische Bezirke grenzen

Vor allem Eltern in den Stadtteilen Giv´at Zarfatit, oder Armon haNaziv sorgen sich um ihre Kinder. "Wenn es jetzt schon Massaker in der Synagoge gibt, dann sind unsere Kinder in den Schulen und Kindergaerten auch nicht mehr sicher."
Es sollen Kindergaerten und Schulen mit Security ausgestattet werden, sowie Kinos (vor allem grosse wie Cinema City) und Theater. Die Angst vor neuen Anschlaegen geht um. 
"Die Kinder gehen nirgendwo mehr allein hin, nicht mal auf den Spielplatz!" sagen die Eltern. 
Da einer der Terroristen im kleinen Laden neben der Synagoge arbeitete, hatte Rami Lev (von der Rami-Levi-Supermarktkette) vor, alle arabischen Mitarbeiter zu entlassen. Ob er das wirklich umsetzt, weiss ich nicht. Klingt rassistisch? Ja, da habt ihr recht. 
Aber zu solchen Panikmassnahmen wird man hier getrieben, aus purer Angst. Natuerlich sind nicht alle Araber Terroristen. Das ist uns allen klar. Die meisten sogar wollen einfach nur ihre Ruhe haben und normalen Alltag leben. Davon bin ich fest ueberzeugt. Und genau sie werden unter dem leiden, was Terroristen sich so ausdenken, um Juden zu toeten. Schade, dass es so kommen muss. 
Aber zurzeit fuehlt sich wohl niemand an keinem Ort mehr sicher. Woher weiss ich, dass der arabische Mitbuerger neben mir nicht gerade einen Anschlag plant?
Vabanquespiel - jeden Tag.

Ich zitiere Ruth aus dem Blog "Blick auf die Welt von Beer Sheva aus", die einige traurige Tatsachen der Vergangenheit zusammenstellte:


Alaa Abu Dhein, der vor 6 Jahren acht Jeschiwaschueler in der Talmudschule Mercaz Harav ermordete, arbeitete als Fahrer bei einem Lieferservice. Daher kannte er die Gebaeude der Jeschiwa. Seine Waffe versteckte er in einem Karton. Vermutlich wurde er nicht kontrolliert, weil er als Angestellter der Lieferfirma bekannt war.
Nadal Amar arbeitete in einem Restaurant in Bat Yam mit Tomer Hazan zusammen. Er lockte seinen Kollegen ins Westjordanland und ermordete ihn dort.
Mutaz Hijazi, der Rabbi Glick ermorden wollte, war im Restaurant Terassa im Beginzentrum angestellt, und hatte daher die allerbeste Ausgangsposition, um Veranstaltungen und Teilnehmer im Beginzentrum auszukundschaften.
Einer der beiden Cousins, Uday und Ghassan Abu Jamal, die gestern das Massaker in der Synagoge angerichtet haben, war im Lebensmittelladen an der Ecke gegenueber der Synagoge beschaeftigt. Auf diese Weise kannte er die Gebetszeiten und konnte den Anschlag planen.

In den letzten Tagen haben sich mehrere Hundert Menschen gemeldet, die bereit sind, der Polizei zu helfen beim Schutz der Buerger. Es wird auf eine Art Buergerwehr hinauslaufen. 
Und all der hochgefahrene Sicherheitsstatus wird den naechsten Anschlag nicht verhindern. 
Zur falschen Zeit am falschen Ort - und das war´s.

Ein Patient aus Har Nof sagte mir gestern: "Beten hilft." "O.k.", sagte ich zu ihm, "aber genau das hat den letzten Opfern auch nicht geholfen. Mitten im Gebet...."
Da meinte er: "Ja, was das Merkwuerdige in der Synagoge war, ist die Tatsache, dass es Menschen gab, die noch nie in dieser Synagoge beten, aber gestern kamen sie, um mit jemandem etwas zu besprechen. Andere wiederum beten jeden Tag hier, aber ausgerechnet gestern sind sie in eine andere Synagoge gegangen, oder einer gar hatte verschlafen, und ist so dem Massaker entgangen. Es war, als ob die, die ermordet wurden auch da sein sollen. "
Gruselig. Aber wenn wir das Urteil an Yom Kippur ernst nehmen, ist alles vorgeplant und wir koennen sowieso nichts dagegen unternehmen. 

Es gibt einige arabische Mitarbeiter in Kindergaerten und Schulen (in der Kueche, oder Reinigungskraefte etc) Die Angst geht um und koennte zu weiteren Panikentscheidungen fuehren. 
Aber was ist jetzt richtig? Welche Entscheidung ist vernuenftig? Es herrscht einfach nur eine grosse Ratlosigkeit im Land, und besonders in Jerusalem. 
Ich werde gleich losgehen und hoffen, dass der Tag fuer uns alle friedlich verlaeuft.