Donnerstag, 26. Februar 2009

Giur (4) - 613 Gebote oder Bin ich vielleicht verrueckt?

Es gibt 613 Gebote im Judentum, 248 positive und 365 negative, also was man nicht machen sollte. Kommentar der meisten nicht-juedischen Menschen dazu: wie kann man sich das Leben nur so schwer machen?

Ich hatte mir vorgenommen, ganz genau alles zu pruefen und auf keinen Fall irgendetwas mechanisch umzusetzen, von dessen Logik ich nicht voellig ueberzeugt war. Aber wo sollte ich anfangen? Es war so unendlich viel, dass ich den Ueberblick verlor.
Rabbi Amitai empfahl mir als erstes das Buch : "Wie Juden leben" von Israel Meir Lau. Es ist einfach zu lesen und gibt eine Menge an detaillierten Beschreibungen des juedischen Lebens, wenn man am Anfang steht.
Ich bestellte mir auch den Siddur ( Gebetbuch) "Schma Kolenu" ( zu dt. "Hoere unsere Stimmen"), der im G-ttesdienst benutzt wird, um zuhause nach zu lesen, was fuer Gebete und Psalme gesprochen wurden. Er war mit deutscher Uebersetzung, so dass es mir auch moeglich war, den Inhalt zu erfassen.
Ich begann, das sehr kurze Morgen-und Abendgebet fuer Kinder zu beten, um einen nicht zu schwierigen Anfang zu bekommen. Wie ich fand, war das auch passend, denn ich fuehlte mich ja wie ein kleines Kind im Judentum und musste noch viel lernen.
Die Kashrutgesetze (juedische Speisegesetze) erschienen mir so differenziert und verwirrend, dass ich zunaechst einmal beschloss, mit ein paar groben Regeln zu beginnen, um mich dann nach und nach weiter zu arbeiten - vorausgesetzt natuerlich, jede einzelne Regel hielt meiner "Logik-pruefung" stand. ( Wie sinnlos dieser Entschluss damals war, stellte ich erst spaeter fest).

Ich nahm mir vor, von nun an zunaechst einmal kein Schweinefleisch mehr zu essen, was ich bis dahin getan hatte. Und ich wollte versuchen, nicht mehr fleischig und milchig in zeitlicher Naehe zu genießen. Das sollte erst einmal reichen.
Gelesen hatte ich, dass neueste medizinische Erkenntnisse zeigten, dass das Trennen von Milch und Fleisch gesund war und bekoemmlicher fuer den Koerper. Daher konnte ich mir selbst eine Erklaerung liefern fuer den Grund meines Handelns.

Ich fragte mich fast taeglich, wie ich ueberhaupt darauf gekommen war, mich mit dem Judentum zu beschaeftigen. War ich nicht bereits auf dem besten Wege zu einer Konvertierung? War ich verrueckt oder war das so eine neue Laune? Wie sollte ich meine Veraenderung einordnen?
Wie kam man mit Mitte 40 auf die Idee, seinen Religion zu wechseln?

Es war anders, als alles, wofuer ich mich bisher interessiert hatte, denn ich spuerte die Verbindung zu G-tt. Und ich spuerte sie anders als frueher, im Christentum.
Bildete ich mir das alles nur ein?

Es war frustrierend, diese Gedanken und Gefuehle mit niemandem teilen zu koennen, denn ich kannte keinen Menschen, der das gleiche durchmachte. Da stieß ich im Internet beim Lernen auf eine Giur-Group. Sie war fuer Menschen, die sich fuer einen Uebertritt interessieren, oder bereits dabei waren, Giur zu machen. Man konnte Fragen stellen, die die "Profis" beantworteten, oder diskutierten. Es ging um saemtliche Themen, die das Judentum betreffen, um Speisevorschriften und um Gebete, aber auch um spirituelle Fragen, oder den Austausch der Erfahrungen, die der einzelne mit seiner Umgebung gemacht hatte.
Die meisten Teilnehmer waren juenger als ich, weshalb ich mir noch exotischer vorkam. Warum erst jetzt?
Die Teilnahme an der Group hat mir sehr geholfen, und das nicht nur bei allen Verstaendnisfragen. Ich konnte mich auch wiederfinden in dem, was in den anderen vor sich ging. Wir alle teilten eine schwierige Phase unseres Lebens und jeder ging anders mit seiner Umgebung um, hinsichtlich der Gestaltung seines juedischen Lebensalltags. Manche hatten ihre Kollegen am Arbeitsplatz nicht eingeweiht, da sie Abwertung befuerchteten und andere erzaehlten von den negativen Reaktionen ihrer Eltern. Es war kein leichter Weg, den wir uns ausgesucht hatten, und er konnte einsam sein und einsam machen, weil niemand so richtig nachfuehlen konnte, was wir empfanden.
Doch in diesem Kontext konnten wir uns austauschen, spuerten, dass wir nicht allein waren mit dem was in uns vorging.

Giur (3) - Der Kusari

In den naechsten Wochen saugte ich wie ein Schwamm alles neue Wissen dankbar auf. Abgesehen von dem, was wir lernten, hatte ich in der Gegenwart des Rabbiners ein starkes spirituelles Gefuehl. Ohne große Erklaerungen schaffte er es, mit ein oder zwei Worten uns dem Himmel naeher zu bringen. Ich kann es nicht erklaeren, er war wie ein Katalysator und zog uns gleich mehrere Ebenen mit sich hinauf. All die Jahre ist es mir immer wieder so gegangen, dass die Naehe des Rabbiners Antworten gab auf unsere Fragen.

Dienstags beim Shiur ( Unterricht) war ich in der ersten Zeit die einzige Frau und die einzige Nicht-juedin. Ich fuehlte mich sehr geehrt und reich beschenkt dadurch, und bin bis heute unendlich dankbar, dass ich daran teilnehmen durfte. Wir sprachen ueber das Buch "Der Kusari"(Hagalil: Der Kusari). Es handelt vom Chazarenkoenig, der mit seinem gesamten Volk zum Judentum uebergetreten sein soll, nachdem er von dessen Richtigkeit und Schluessigkeit beeindruckt worden war. Das Christentum und der Islam hatten zuvor den Koenig nicht zufriedenstellend von der Wahrheit ueberzeugen koennen. Das komplette Buch stellt eine Diskussion dar, zwischen dem Kusari und einem juedischen Philosophen, der Rede und Antwort steht auf die Fragen des Koenigs.
Entscheidend und besonders wird die Gemeinschaft zwischen G-tt und seinem Volk beschrieben. Schliesslich waren 600.000 Menschen damals am Berg Sinai dabei, als G-tt seinem Volk die Tora gab. Sie alle haben die Stimme G-ttes gehoert und trugen die Verbindung zum Himmel weiter in ihrer Seele.
Auch wird von Jehuda Halevi die Wissenschaft nicht etwa als kontraer zur Religion dargestellt. Als es um die juedische Zaehlung der Jahre seit Erschaffung der Welt geht ( wir sind demnach jetzt im juedischen Jahr 5769) lernen wir, dass die Wissenschaft keinesfalls im Gegensatz zur juedischen Religion stehen muss.
Diese Zahl ist von den Weisen ausgerechnet worden anhand der Altersangaben in der Tora von den wichtigsten Personen und anhand der Generationen, die zwischen einem und dem naechsten "Hauptdarsteller"liegen.
Aber wie konnte es dann sein, dass mehrere Millionen Jahre einer Zahl von 5769 gegenueber steht?
Nun, auch dafuer gab es eine Erklaerung, die mich faszinierte. Es gibt naemlich noch die ersten sieben Tage der Weltschoepfung, wo voellig unklar ist, wie lang ein g-ttlicher Tag war, moeglicherweise war er 1000 Jahre lang .....
Kann man sich vorstellen, dass sich das gesamte juedische Volk auf EINE Zahl einigt? Diese Frage wird - nicht ohne ein Schmunzeln - gestellt. ( Wo es doch schon schwierig ist, dass sich ZWEI Juden einig sind...)

Es waren die besten Dienstage, die ich in den letzten Jahren erlebt hatte und die mich am meisten bereicherten. Oft haben wir stundenlang, bis zur Erschoepfung philosophiert und unser kleiner Rabbi schien nie muede zu werden. Und wie es typisch juedisch ist, kam er von einem Stichwort auf tausend andere, die er zum Thema unbedingt erklaeren musste, bis wir nicht mehr wussten, wie wir ueberhaupt zu diesem Punkt gekommen waren. Es bauten sich regelrechte philosophische Gedanken-gerueste auf. Und so manches Mal hatten wir am Ende der Stunden nur EINEN EINZIGEN Satz besprochen.
Ich fuehlte, dass mein Geist wieder gefordert war, manchmal fast ueberfordert, so tief ins Detail ging die Philosophie.

Meine Begeisterung war geweckt und ich war fest davon ueberzeugt, dass dieser Weg richtig war.



Schwierigkeiten mit den Behoerden

Liebe LeserInnen,

der Titel über diesem Artikel ist verlinkt mit einem interessanten Artikel aus der Haaretz, einer englischsprachigen Tageszeitung in Israel, den ich zugeschickt bekam. Ich moechte euch daran teilhaben lassen. Lest den Artikel einmal, dann werdet ihr einen kleinen Einblick bekommen, wie schwierig es manchen Menschen gemacht wird, in Israel zu leben. Es sei dahingestellt, ob die Behoerden in manchen Faellen vielleicht auch zurecht eine Alyia erschweren. Mir steht es jedenfalls nicht zu, darueber zu befinden. Und das ist gut so.
Noa

Giur (2) - Ich will lernen!

Als ich nach Gemeinden und Synagogen suchte, ging mir auf, dass es scheinbar große Unterschiede gab, zwischen orthodoxen, liberalen, konservativen und Massorti-Juden. Meine Guete, musste ich mich da etwa schon fuer eine Richtung entscheiden?
Ich kannte ja nicht einmal die wichtigsten Grundlagen des Judentums.
Orthodox - das war sicher sehr streng und wenn ich mir das Bild der orthodoxen Juden in Israel ins Gedaechtnis rief - nein, das wuerde mein Weg nicht sein. Damals war mir nicht klar, dass es selbst innerhalb der Stroemungen noch große Unterschiede gab. Was ich fuer orthodox hielt, war schon Ultra-orthodox.
Ich erkundigte mich also telefonisch nach einer liberalen Gemeinde in der Naehe. Es gab eine, die jedoch zu weit entfernt lag. Und dann erfuhr ich, dass man in liberalen Gemeinden nicht hebraeisch betet, sondern in der jeweiligen Landessprache.
Obwohl ich gerade erst angefangen hatte, ein paar Worte hebraeisch zu lernen, war mein Widerstand gegen einen deutschsprachigen G-ttesdienst groß, denn ich fand die Tatsache, in jeder Synagoge der Welt mitbeten zu koennen, wenn ich erst einmal hebraeisch gelernt hatte, faszinierend. Es war etwas so existenziell Verbindendes zwischen allen Juden und erschien mir fuer mich selbst von großer Wichtigkeit.
So fuhr ich zunaechst in die "Einheitsgemeinde" der naechsten Stadt, 20 km entfernt. Man sagte mir, hier waeren alle Stroemungen willkommen, jeder kann kommen.
Ich war schon darauf gefasst, weiter zu suchen, falls ich mich auch dort nicht wohlfuehlen wuerde.
Nun, ich kann sagen, dass der erste G-ttesdienst mich bereits ganz tief in meiner Seele beruehrte. Der Kantor betete und sang gemeinsam mit der Gemeinde in einer kleinen, sehr ansprechenden Synagoge. Frauen saßen oben auf der Empore und auch wenn ich viele boese Zungen gehoert hatte, die sich ueber diese "Diskriminierung" erregten, fuehlte ich mich keineswegs so. Ich erinnerte mich an eine Zeit, als ich mit meinem Vater in die Kirche ging und ca. 8 Jahre alt war. Damals war es auch in Kirchen ueblich, dass Maenner und Frauen getrennt saßen. Es war nichts vollkommen Neues fuer mich und ehrlich gesagt, fand ich es sogar sehr angenehm.

Ich bekam ein Heftchen in die Hand gedrueckt, mit dessen Hilfe ich dem G-ttesdienst in Lautschrift folgen konnte und so wurde mir auch die Moeglichkeit gegeben mitzusingen.
Ich zog es vor, den Gesang auf mich wirken zu lassen und war sicher : Hier wuerde ich bleiben, hier war mein Zuhause von nun an.
Ich stand auf, wenn die Gemeinde aufstand und setzte mich wieder hin, wenn alle sich setzten. Warum man so oft aufstand, war mir nicht klar, aber das wuerde ich mit der Zeit schon begreifen.
Der kleine rundliche Rabbi, der noch sehr jung erschien, machte einen freundlichen, lebensfrohen Eindruck. Was er nach dem G-ttesdienst in der Synagoge zum Wochenabschnitt sagte, war auf die Gegenwart bezogen und was wir aus diesem Abschnitt fuer unser Leben mitnehmen koennen.
Ich traute mich, als alle den Raum verließen, ihn anzusprechen. Ich stellte mich vor und sagte ihm, dass ich lernen wolle. Ich erinnere mich genau an meine Worte: "Von Uebertritt will ich noch nicht reden, weil ich noch gar nicht weiß, worum es geht. Aber ich moechte lernen."
Von vielen hatte ich gehoert, dass Rabbiner sehr abweisend sein koennen anfangs. Das war bei ihm ganz und gar nicht der Fall. Er war sehr freundlich und ich fuehlte mich willkommen. Aufmunternd laechelte er mich an: "In Ordnung! Herzlich willkommen. Kommen Sie zu den G-ttesdiensten und gern auch dienstags zum Shiur fuer Studenten. "
Ich kann gar nicht sagen, wie gluecklich ich war. Endlich wuerde ich eine Richtschnur haben, endlich ging es weiter. Es gab keinen Stillstand mehr und schlagartig war das Unwohlsein fort. Meine Seele und mein Koerper atmeten auf.

"Kommen Sie mit hinunter zum Kiddush?" fragte mich Amitai. Der Rabbiner kam aus Israel und lebte nun hier in der Gemeinde, nachdem er vorher in Russland Gemeinderabbiner war.
Aber auch wenn es Einheitsgemeinde hieß, der Rabbiner war orthodox. All das war im Moment unwichtig, ich wusste nur, dass ich mich wohl fuehlte.

Das "Shalom aleichem" vor dem Kiddush nahm ich mit nach Hause, ich trug die Melodie mehrere Tage lang mit mir und freute mich wie ein Kind auf den Dienstag.

Mittwoch, 25. Februar 2009

Giur (1) - Wer bin ich?

Wie fing alles an? Wann habe ich mich veraendert und warum? Auf viele dieser Fragen gibt es auch fuer mich keine konkrete Antwort. Ich kann den Zeitpunkt und den Ausloeser nicht mehr ausmachen, aber in diesem Punkt scheint meine Geschichte sich nicht wesentlich von den anderen Giur-Geschichten zu unterscheiden.
Wer meinen Beitrag "Hebraeisch - die Sprache ALLER Juden?" gelesen hat, wird gemerkt haben, dass es dort bereits deutliche Anzeichen gab fuer eine seelische Veraenderung. Meine große Unzufriedenheit beim Vergleich des hebraeischen Urtextes mit der deutschen Uebersetzung hatte Auswirkungen. Ich spuerte, dass man uns etwas erzaehlt hatte, was nicht der Wahrheit entsprach.
Die Wahrheit - es lohnte sich, sich auf die Suche nach ihr zu machen. Doch wie konnte ich weitermachen? Wo fuehrte der Weg hin? Wenn ich nur wuesste, wie ich weiterkomme, dachte ich damals. Und mit diesem Gefuehl fuhr ich im Jahr 2005 im November fuer 2 Wochen nach Israel. Dieses Mal nicht, um als Volontaerin zu arbeiten, nein - es war ein reiner Urlaub, in dem ich Freunde besuchen wollte und das Sein im heiligen Land einfach genießen wollte.
Wieder hatte ich mich im Pilgerhaus in Jerusalem angemeldet. Ich uebernachtete dieses Mal nicht im Haupthaus, sondern hatte mich aus Geldmangel im Gartenhaus " Beit Rut" einquartiert. Das Gartenhaus hatte eine Besonderheit. Es konnte sein, dass man sich mit mehreren Frauen das Zimmer teilen musste, dafuer war es unglaublich guenstig. Da ich immer an chronischem Geldmangel leide, aber dennoch damals nicht auf Israel verzichten wollte, hatte ich mich damit abgefunden.
Die ersten Tage war ich allein. Das war Luxus pur und ich genoss die Zeit. Es gab einen Unterschied zu meinem letzten Aufenthalt. War ich im Mai noch sehr haeufig zur Grabeskirche gegangen - ich war schließlich Christin - so fuehrte mich dieses Mal mein erster Weg direkt zur Westmauer, der Kotel. Ich stand dort, lehnte meine Stirn an die alten Steine und das einzige, was mir klar war, war die Tatsache, dass diese Mauer der Ursprung fuer Christen UND Juden ist.

Ich versuchte, herauszufinden, wo meine Wurzeln lagen, der Boden unter mir schien wegzubrechen. Da ich mit dem "Sohn G-ttes" erzogen worden war, dachte ich ueber ihn nach und kam zu dem Schluss, dass er schließlich auch Jude war. ( Ich habe im Laufe der Zeit registriert, dass die meisten Christen das nicht so gern hoeren, dass er Jude ist, aber da gibt es ja nun nichts dran zu ruetteln, das ist Geschichte, und nicht mehr Religion...). Wenn er also Jude war, - so dachte ich - dann hat er doch wie alle Juden auch zu dem EINEN und EINZIGEN G-tt gebetet. Wenn er wirklich ernsthaft Jude war, kann er doch nicht den Wunsch gehabt haben, dass man aus ihm heraus eine neue Religion macht..... dass man dann letztendlich IHN anbetet.
Das waren meine ersten Gedankengaenge, noch als Christin. Wenn ich mir IHN als Vorbild nehmen wuerde, dann muesste ich doch logischerweise wie ein Jude leben. Ein Christentum gab es ja damals noch nicht.
Dazu kam, dass mein bester Freund Jitzchak mir erzaehlte, er habe in Italien mit einem katholischen Pfarrer gesprochen, der ihm gegenueber zugab, dass selbst das "Alte Testament" , wie die Tora von den Christen genannt wird, bewusst geaendert worden war, um den Uebergang zum "Neuen Testament" leichter zu machen.

So etwas hatte ich mir schon gedacht, nachdem ich begriff, dass jede Uebersetzung das Original mehr oder weniger veraendert hatte. Mich ließ die Frage nicht los, warum man ganze Buecher der "Bibel" in ihrer Reihenfolge veraendern musste, was das fuer einen Sinn machte.
Und ich folgerte daraus: Wenn schon angefangen wurde, in der Reihenfolge etwas zu aendern, dann waeren mit Sicherheit noch andere Aenderungen vorgenommen worden.
Ich war ploetzlich nicht mehr an dem Punkt, an dem ich einst gestanden hatte. Und an einem neuen Punkt war ich auch noch nicht angelangt, - wo war ich aber dann?

Diese Zeit ist in meiner Erinnerung die schlimmste Zeit des ganzen Giur-Prozesses gewesen. Das Gefuehl, was damals in mir war, warf alles durcheinander und machte mein Leben in keinem Fall einfacher.
Mit diesem Gefuehl saß ich an der Kotel ( http://www.thekotel.org/) und stellte meine verzweifelten Fragen in Richtung Himmel. Wo waren meine Wurzeln?
Eine Frau kam im Gartenhaus an und wurde in meinem Zimmer untergebracht. Sie war aus Deutschland und studierte an der Uni am Scopusberg ein Semester lang. Sie war Christin und wir unterhielten uns nicht oft, aber an einem Abend erzaehlte ich ihr, dass ich mir nicht mehr sicher bin, was es mit G-ttes angeblichem Sohn auf sich hat. Sie sagte folgendes: " Ich kann das gut verstehen, dass man gerade in Jerusalem oft tiefe Verunsicherungen spuert, was die Religion betrifft. Mir ging es einmal aehnlich, und mit diesem Gefuehl ging ich in die Grabeskirche, wo ein Moench mich ansprach, der fragte, ob er mir helfen koenne. Ich teilte ihm meine Zweifel mit und er sagte, er koenne mir bei diesem Thema leider auch nicht helfen, aber ich solle doch mal ihn fragen, naemlich G-ttes Sohn selbst... und damit war ich wieder zu meinem Glauben zurueck gekommen. Das hatte mir geholfen. "
Leider konnte ich mit ihren Ausfuehrungen nichts anfangen, und ich fuehlte mich auch nicht verstanden. So einfach war die Sache nicht. Ich konnte niemanden fragen, den ich selbst in Frage stellte.
Am Ende meines 14 taegigen Aufenthaltes wurde mir bewusst, dass ich nicht einmal in eine Kirche gegangen war. Es passte nicht mehr.

Ich fuehlte mich koerperlich und geistig in dieser Phase sehr unwohl. Man kann sagen ich fuehlte mich "in meiner Haut" nicht mehr wohl. Aber wohin die Reise ging, das wusste ich auch noch nicht. Diese Zeit war die schlimmste. Es war die Zeit, die mich am meisten verunsicherte. Es gab kein vorwaerts und kein zurueck. Was konnte ich tun, um klarer zu sehen?

Nach meiner Rueckkehr aus Israel fuehrte mich der Weg direkt zu einer juedischen Gemeinde. Ich wollte einen G-ttesdienst besuchen.
In dem Ort wo ich wohnte, gab es eine kleine juedische Gemeinde. Dort rief ich an und fragte, ob ich einfach am Freitag abend kommen koenne. Man sagte mir, es sei gut dass ich anrufe, da es Sicherheitsvorkehrungen gebe.
Ich erschien dort am Freitagabend nach meiner Arbeit und verstand kein Wort. Auch, dass alle dort durcheinander redeten, verunsicherte mich sehr. Die Frauen bei denen ich saß, hatten alle etwas anderes zu tun als aktiv am G-ttesdienst teil zu nehmen und ich war unzufrieden.
Das fuehrte aber nicht dazu, dass ich aufgab. Ich fuehlte, dass es noch etwas anderes geben musste, und nahm mir vor, die naehere Umgebung nach anderen Gemeinden abzusuchen. Irgendwo musste mein Weg doch weitergehen.
Und so forschte ich, welche Stadt in meinem naeheren Umkreis auch ein juedisches Gemeindeleben hatte.
Eines war mir klar: Ich wollte nicht eher aufgeben, bis ich eine Gemeinde gefunden hatte, wo ich mehr ueber das Judentum lernen konnte.
Denn ohne zu wissen, was juedisches Leben wirklich bedeutet, wuerde ich niemals entscheiden koennen, wie mein Weg weiter geht.

Dienstag, 24. Februar 2009

Alyia nach Giur

Jeder Jude und jede Juedin auf der ganzen Welt hat das sogenannte Rueckkehrrecht. Wir haben eine Heimat in Israel und duerfen jederzeit dort einwandern, Alyia machen. Alyia kommt vom hebr. Wort AUFSTIEG.
Man steigt also auf, wenn man nach Israel einwandert. Ist man von einer juedischen Mutter geboren worden, dann ist man halachisch ( Halacha ist das juedische Gesetz) juedisch und gibt es dann noch Papiere darueber, hat man kein Problem jederzeit nach Israel einwandern zu duerfen. Man setzt sich einfach mit der zustaendigen SOCHNUT - der Jewish Agency, Abgesandte oder Vertretung des Staates Israel im Ausland, in Verbindung und beantragt dort seine Alyia.

Menschen, die durch einen Giur zum Judentum konvertiert sind, - wie ich - haben zwar das gleiche Recht, aber es gibt ein paar Besonderheiten. Hat man den Giur abgeschlossen ( ueber den gesamten Giur-Prozess werden ich noch berichten) muss man noch ein ganzes Jahr lang aktives Mitglied in einer juedischen Gemeinde sein, und zwar in dem Land, wo der Giur stattfand. Ich weiss nicht genau, was das Ganze soll, und viele bezeichnen es einfach nur als Schikane. Erklaert wird es jedoch damit, dass man verhindern will, dass der Konvertit nur deshalb Giur macht, um ins Land Israel einwandern zu duerfen und sich dann wieder absolut unjuedisch verhaelt. Man will sehen, ob der Wunsch ernst gemeint war, ob man tatsaechlich ein juedisches Leben auch nach dem Uebertritt fuehrt.
Nach diesem Jahr kann sich auch der konvertierte Jude an die Jewish Agency wenden ( www.jewishagency.org) und den Antrag stellen. Es werden dann viele Dokumente angefordert und ein paar Formulare ausgefuellt mit dem Antragssteller. Man fragt nach Familie, Heirat, Kindern, Krankheiten, Beruf etc. Wenn man geschieden ist, braucht man seine Scheidungspapiere. Eine Kopie vom Reisepass mit einer Auflistung von allen bisherigen Aufenthalten in Israel auf den Tag genau und Lebenslaeufe moeglichst auf englisch. 5 Passbilder werden benoetigt und das Datum, wann man ungefaehr plant, zu fliegen.
Alle Tipps und Informationen gibt auch eine Organisation namens "Noam" auf ihrer homepage bekannt ( www.noam.org.il).

Nach ca. 2 Monaten wird man benachrichtigt, dass man einwandern darf ( wenn alles akzeptiert wird). Dann kann man der Jewish Agency mitteilen, ob man naechste Woche oder naechsten Monat oder wann auch immer fliegen will.
Sie uebernehmen den Flug (oneway) und man ist berechtigt 60 kg Gepaeck mit zu nehmen.

Bei der Ankunft am Flughafen Ben Gurion wird man dann in einen Raum gefuehrt, wo man seinen ersten Ausweis ( ein vorlaeufiger, bis man nach 3 Monaten einen richtigen bekommt) erhaelt, sofort Mitglied einer Krankenkasse wird, ( die Beitraege werden auch fuer ein halbes Jahr uebernommen) und die erste Rate SAL KLITA bekommt, die Unterstuetzung fuer Einwanderer (sie betraegt umgerechnet ca. 3000 Euro und wird aufgeteilt auf 7 Monate gezahlt auf ein Bankkonto, was man am naechsten Tag moeglichst schnell eroeffnen muss). Sal Klita muss nicht zurueck gezahlt werden.
Man entscheidet sich in Deutschland, in welcher Stadt man wohnen moechte in Israel und dementsprechend suchen die Mitarbeiter der J.A. einen Platz im MERCAZ KLITA ( eine Art Heim fuer Einwanderer). Ohne Problem laeuft das meist bis zu einem Alter von 30 - 35 Jahren ab. Wenn man aelter ist, gibt es Probleme, da man sich meist dann alleine eine erste Unterkunft suchen muss.
Im Mercaz Klita ist meist auch ein Ulpan angegliedert, das ist ein sehr intensiver Hebraeisch-Sprachkurs, der auch kostenlos ist.
Da dieses Mercaz Klita oft ueberlaufen ist, muss man sich sehr oft nicht nur die Wohnung, sondern auch das Zimmer teilen und sehr sauber ist es auch nicht, nach dem was mir Menschen erzaehlten, die dort gewohnt haben.
Man kann sich auch seine Integration in einem Kibbutz aussuchen, dafuer gibt es spezielle Programme, bei denen man dann die ersten 7 Monate im Kibbutz verbringt.
Es gibt Verguenstigungen beim Kauf von Kuehlschraenken, Waschmaschinen und mehr.

Nach ca. 6-7 Monaten bekommt man die israelische Staatsbuergerschaft, und wenn man nicht VORHER in Deutschland die Beibehaltung der deutschen Staatsbuergerschaft beantragt hat, UND die Genehmigung erhielt, verliert man sie automatisch.
In der Regel wird die Beibehaltung genehmigt, wenn es Bindungen zu Deutschland gibt ( ein Unternehmen, Eigentum aber auch Eltern oder Kinder hier).

Da das Geld der Unterstuetzung nicht reicht, um zu ueberleben, muss man dafuer sorgen, etwas Geld zu sparen, wovon man dann am Anfang lebt, bis man eine Arbeit gefunden hat. Auch halten sich viele Einwanderer mit Putzjobs oder Kinderbetreuung ueber Wasser.
Bei vielen Jobs, sogar bei den Putzjobs, ist es von großem Vorteil, hebraeisch zu sprechen, so haben mir einige Olim Chadashim ( Neueinwanderer) berichtet.
Daher ist es immer sinnvoll, die letzten Monate VOR der Alyia bereits die Sprache zu lernen.







Mercaz haRav

VIDEO
Ich erinnere mich an letztes Jahr und an mein Gefuehl, unmittelbar nach dem Terroranschlag auf die Jeshiwa "Mercaz haRav". Ein Attentaeter war am Rosh Chodesh Adar (der Monatsanfang des juedischen Monats Adar) in eine Jeshiwa (Toraschule) in Jerusalem gegangen und hatte dort wahllos um sich geschossen, 8 Jeshiwa-Studenten um die 20 Jahre waren ihm zum Opfer gefallen. Unschuldige Jugendliche, die nichts anderes getan hatten, als Tora und Talmud zu lernen. Man hatte die juedische Seele bis ins Mark getroffen.
An diesem Abend rief mich ein Freund aus Israel an und sagte, ich solle im Internet die Nachrichten anschalten. Ich saß wie gelaehmt und tief betroffen am Bildschirm, waehrend ich die Einzelheiten verfolgte, die dort berichtet wurden, und am naechsten Morgen in deutschen Tageszeitungen einen winzigen Artikel wert waren. Die meisten Menschen um mich herum, hatten ihn ueberlesen und wussten nichts von diesem Attentat, waehrend ich mich unendlich einsam fuehlte mit dem Schmerz, den ich mit den meisten Israelis und den hier lebenden Juden teilte. Die einzigen, die meine Gefuehle ohne Worte teilten, waren die Menschen in meiner Gemeinde. Es war einer der Augenblicke, in denen ich mir wuenschte, in Israel bei meinen Schwestern und Bruedern des Glaubens sein zu koennen.
Ich denke in diesen Tagen an die Opfer und deren Familien.

Montag, 23. Februar 2009

Hebraeisch - die Sprache ALLER Juden?

Ja, der gute Eliezer Ben-Yehuda.... ihm haben wir es zu verdanken, maßgeblich, dass hebraeisch nach fast 2000 Jahren wieder eine gesprochene lebendige Sprache wurde. Ein Volk - eine Sprache, das war seine Idee. Er machte ein paar "updates" und schon gab es auch Ausdruecke der neuen Zeit in hebraeischer Sprache. Sein erster Sohn war der erste, der ausschließlich hebraeisch als Muttersprache hatte.
Ich - wie wahrscheinlich viele andere - bin ihm unendlich dankbar dafuer. Obwohl ich noch vor 4 Jahren kein einziges hebraeisches Wort kannte. Ich kann mich erinnern, an meinem ersten Abend in Israel im Hotel in Tel Aviv vor dem Fernseher gesessen zu haben, und mit großem Bedauern den Nachrichten folgte, von denen ich kein einziges Wort verstand. Es war mir selten so gegangen, dass ich nichts auch nur in irgendeiner Art ableiten oder erahnen konnte von dem, was da erzaehlt wurde. Niemals, dachte ich damals, wuerde ich auch nur einen Teil von dem, was berichtet wurde, verstehen.
Heute bin ich der Ueberzeugung, es kommt bei allem, was wir lernen wollen, nur darauf an, wieviel Motivation in uns liegt, wieviel Liebe und Leidenschaft wir in etwas legen, und wenn der Drang groß genug ist, ist es moeglich jede Sprache der Welt zu lernen, bis ins hohe Alter.

Ausgerechnet mein bester Freund Jitzchak, ein saekularer Jude, war es, der mir die ersten Buchstaben hebraeisch beibrachte und das, nachdem wir zusammen auf dem Boden seiner Wohnung in Deutschland saßen und die Thora mit dem, was Christen "die Bibel" nennen verglichen.
Auch wenn Jitzchak nicht religioes lebt, absolut unkosher isst und seit seiner Kindheit kaum eine Synagoge von innen gesehen hat, sagt er: Also, wenn du mich fragst, was ich auf eine einsame Insel mitnehme, dann sage ich ganz klar Die Tora. Und warum? Weil jedes andere Buch auf der Welt irgendwann ausgelesen ist. Man kann es dann noch einmal und noch einmal lesen, aber spaetestens nach dem 4. Mal wird es uninteressant. In der Tora wuerde ich jahrelang Neues entdecken, nie wuerde es langweilig werden.
Wir verglichen die deutsche Uebersetzung mit dem hebraeischen und Jithchak erklaerte mir moeglichst genau die deutsche Bedeutung der Saetze.
Mir ging damals auf, dass ja jede Uebersetzung der Tora, die in ihrem Original hebraeisch geschrieben ist, eine Abaenderung ist, selbst wenn man sich ganz nah am Original bewegt. Alle Menschen, die hebraeisch als Muttersprache hatten, hatten einen entscheidenden Vorteil mir gegenueber, sie waren die Einzigen, die WIRKLICH wussten was dort steht. Alle Uebersetzungen, egal in welcher Sprache, koennen nur ein Versuch sein, sich dem Original anzunaehern. Und ploetzlich war ich unzufrieden.
Es kann sein, dass dies bereits der Grundstein war, zu meinem neuen Weg. Mit einem Mal hatte ich das ganz starke Beduerfnis, die Tora in ihrer Originalschrift lesen zu koennen. Als wir dann an die ersten Fehluebersetzungen kamen, die bereits damit anfangen, dass die Ordnung der Buecher im Tanach ( TaNaCH ist eine Abkuerzung von T-ora, N-eviim und CH-tuvim = Tora, Propheten und Schriften, also das, was Christen "die Bibel" nennen) bei der dt. Uebersetzung umgestellt wurde, war meine innere Empoerung groß. Ich fuehlte mich regelrecht betrogen in meiner bisherigen christlichen Erziehung. Wollte man uns fuer dumm verkaufen?

An dieser Stelle moechte ich versichern, dass alles, was ich in dieser Hinsicht von mir gebe, MEINE Erkenntnisse sind und keinesfalls ein Versuch, zu missionieren. Ich habe gemerkt, dass es Menschen gibt, die meine Ausfuehrungen zutiefst verunsichern und ich habe von meinem Rabbiner gelernt, dass religioese Menschen unterschiedlicher Religionen im Zweifelsfall besser nicht diskutieren sollten, da einer moeglicherweise rhetorisch die schlagkraeftigeren Argumente haben koennte, und der andere aufgrund dieser Tatsache zu dem Schluss kommen koennte, dass er "das Falsche" glaubt.
Ich habe Respekt vor jeder Religion, erwarte aber auch Respekt mir und meiner Religion gegenueber. Nur eine Einschraenkung mache ich, dass keine Gewalt im Namen der eigenen Religion ausgeuebt wird, und Gewalt faengt bei mir schon an, wenn man mich absolut von einer anderen Einstellung ueberzeugen will, und mich nicht so sein laesst, wie ich bin.
Ich moechte also niemanden dazu herausfordern, mit mir ueber das, was "richtig" ist, zu diskutieren, sondern lediglich beschreiben, was in mir vorging und wie ich zu dem gekommen bin, was ich heute bin, wie ich Juedin wurde. Man kann es interessant finden und lesen oder aber denken : Wenn sie wuesste, dass sie total falsch liegt. Nur sollte man immer im Auge behalten, dass es MEIN Weg ist.

Ich habe mir also von Jitzchak die erste Seite der Tora ( das sind die 5 Buecher Moses) kopieren lassen, und fasziniert die Buchstaben betrachtet. Mein erster Satz, den ich nachsprach war
בראשית ברא אלוקים את השמים ואת הארץ
Am Anfang schuf G-tt den Himmel und die Erde

Sind sie nicht wunderschoen, diese Buchstaben? Als mir spaeter ein Rabbiner erzaehlte, dass die hebraeischen Buchstaben in der Kabbala heilende Wirkung haben sollen und selbst wer sie nicht lesen kann, diese Wirkung erfaehrt, sobald er mit den Fingern ueber sie faehrt, konnte ich mir das sehr gut vorstellen.
Jitzchak gab sich sehr viel Muehe, mir zunaechst das hebraeische Alef Beit ( das Alphabet) auf zu schreiben. Er versah sogar alle Buchstaben mit kleinen Pfeilen , um mir zu zeigen, in welche Richtung man sie schreibt.
Schliesslich war es eine komplett neue Sprache fuer mich, mit ganz fremden Schriftzeichen und dazu von rechts nach links geschrieben.
Ich stellte fest, dass es wenig Sprachkurse gibt, die hebraeisch vermitteln, und wenn es Kurse gibt, enden sie spaetestens nach dem Anfaengerkurs.
Daher besorgte ich mir ein Langenscheidt Lehrbuch hebraeisch, mit CD, um zu hoeren, wie die Worte ausgesprochen wurden, und machte mich an die Arbeit. Wenn ich etwas nicht verstand, fuehrte ich stundenlange Telefonate mit Jitzchak, der G-tt sei Dank hier in Deutschland arbeitete und seine Familie in Israel alle 6 Wochen besuchte. So hielten sich meine Telefonkosten in Grenzen.
Bisher gab es niemanden, der mit mir so ausfuehrlich ueber hebraeische Ausdruecke, deren Urspruenge und Verbindungen diskutiert hat und dafuer werde ich ihm wohl immer dankbar sein.
Ab diesem Zeitpunkt lief einiges parallel und ich begann, auf verschiedenen Ebenen zu lernen. Ich hatte den festen Vorsatz, mehr "bibel-hebraeisch" zu lernen, was sich nicht wesentlich, aber doch in einigen Ausdruecken vom modernen gesprochenen "Ivrit" unterscheidet. (nicht umsonst wird gesagt: wuerde Moshe (Moses) heute nach Israel kommen und um ein Stueck Brot bitten, wuerde man ihn verstehen...)
Gleichzeitig bemuehte ich mich, Ivrit zu lernen in Wort und Schrift.
Und es gab noch etwas : bis ich es irgendwann schaffen wuerde, die Tora in ihrer Originalschrift lesen zu koennen, wollte ich eine deutsche Uebersetzung besitzen, die moeglichst nah am Originaltext war.
Nach meinen Nachforschungen kam die "Buber-Rosenzweig" - Uebersetzung "Die Schrift" am naechsten ans Original. Das ging oft auf Kosten einer etwas holperigen gewoehnungsbeduerftigen deutschen Ausdrucksweise. Gern nahm ich das in Kauf zugunsten einer hohen Genauigkeit.
Ich moechte ein Beispiel dafuer geben, dass auch die beste Uebersetzung nicht annaehernd das Verstaendnis fuer Zusammenhaenge und Verbindungen geben kann, was im hebraeischen Original so offensichtlich ist.
Der erste Mensch hiess Adam ( hebraeisch אדם = Adam) weil er von der Erde ( hebr. אדמה = Adama) stammt.
Adam von Adama.
zu deutsch: Adam von Erde.
In der deutschen Uebersetzung gibt es dabei keinerlei Verbindung des Wortstammes.
Spaetestens jetzt duerfte dem interessierten, nicht hebraeisch sprechenden Leser klar werden, was gemeint ist, wenn gesagt wird, dass jede Uebersetzung einen unglaublichen sprachlichen und somit auch inhaltlichen Verlust darstellt.
Ist deshalb hebraeisch die Sprache ALLER Juden? Leider ist dem nicht so. Denn es gibt unzaehlige Juden, die nicht hebraeisch sprechen, obwohl sie vielleicht im G-ttesdienst hebraeisch beten, dazu aber mehr in einem anderen Blog.
Ich persoenlich finde die Vorstellung faszinierend, dass ich in jede orthodoxe Synagoge der Welt gehen kann, und dort gemeinsam mit den anderen Juden in der gleichen Sprache bete.




Ueberfall am Oelberg

Ich kam Anfang Mai ins Pilgerhaus, um dort mein erstes Volontariat zu starten, wie Ihr wisst. Am 3. Tag hatte ich meinen Rucksack gepackt und machte mich auf den Weg in Richtung Oelberg. Es gibt dort eine Kirche "Dominus flevit", was soviel heisst, wie "der Herr weinte". Von dort aus hat man einen Panoramablick ueber die Altstadtmauern. Es ist eine Perspektive, die meist gezeigt wird, wenn Korrespondenten im Fernsehen aus Jerusalem berichten. Ich wollte mich dort hinsetzen und in Ruhe etwas nachlesen. Eine Flasche Wasser, die Tora und meine Lesebrille, mehr nahm ich nicht mit.

Mein Weg fuehrte mich vorbei am Garten Gethsemane, den Oelberg hinauf. Auf dem Weg liegt die russisch-orthodoxe Kirche mit den goldenen Tuermchen und der große juedische Friedhof. Nach einer Kurve kann man links abbiegen zur Kirche "Dominus flevit".

Ich verbrachte einige Zeit dort mit Lesen und ließ den Blick ueber Jerusalem auf mich wirken. Bevor dann nach der Mittagspause alle Touristen wieder diesen Platz belagern wuerden, machte ich mich um ca. 14.30h auf den Rueckweg. Niemand war auf dieser Straße, die hinunter fuehrt, jedoch kam von oben eine kleine Gruppe, die zur Kirche einbog.

Als ich die Kurve erreichte, in der sich einer der Eingaenge zum juedischen Friedhof befindet, saßen dort auf den Grenzsteinen 2 junge Maenner im Alter zwischen 25 und 30 Jahren. Sie schauten den Weg hinunter, dann zu mir und irgendetwas kam mir komisch vor. Als ich mich der Kurve naeherte stand einer der beiden auf und kam langsam auf mich zu. Da war ich sicher, dass jetzt etwas passiert. Leider sah ich keine Moeglichkeit weg zu laufen, auszuweichen oder aehnliches, da abgesehen vom Eingang zum Friedhof, wo der andere Typ noch saß, keine Fluchtmoeglichkeit bestand, es sei denn ich waere den Berg zurueck wieder hoch gelaufen. Rechts und links dieses Weges sind hohe Mauern, so dass auch niemand mich sehen oder hoeren wuerde.

Er kam direkt auf mich zu und sagte nichts, fasste mich am Oberarm, fixierte mich mit starrem Blick und hielt ploetzlich ein Kuechenmesser ueber seinem Kopf, was in meine Richtung zeigt. Ich kann mich an dieses Messer noch ziemlich genau erinnern. Es war ein ganz profanes Schaelmesser mit orangefarbenem Griff. (Merkwuerdig, dass man sich an manche Dinge in allen Einzelheiten erinnert)

Ich war wie gelaehmt, haette laengst anfangen koennen, laut zu schreien, denn im Nachhinein waren die Blicke der beiden doch auch sehr verunsichert. Der eine hatte die Straße im Blick, konnte sowohl abchecken, wer von oben, als auch, wer den Berg hinauf kam.

Ich weiß genau, dass in diesen Sekunden in meinem Kopf war : War es das jetzt? Weil ich nicht sicher war, ob das Messer im naechsten Augenblick in meinem Hals steckt. Wie hypnotisiert habe ich nur dieses Messer angeschaut. Wir drehten uns im Kreis, ich begriff gar nicht, was er von mir wollte, fuehlte nur mein Leben bedroht.... bis ich ploetzlich schrie "father!!!". Das klingt vielleicht jetzt etwas komisch, und ich weiss bis heute nicht was ich genau bezweckte. Es war etwas in meinen Gedanken, dass er denken sollte, ich sei mit einer Gruppe da oder so aehnlich.. jedenfalls rief ich noch einmal "father". Nun drehte er mich mit der Hand und versuchte den Rucksack zu erreichen. Da endlich begriff ich und habe ihm fast freiwillig diesen bloeden Rucksack ueberlassen, den er gierig an sich riss, waehrend ich mich fast ueberschlug, so schnell rannte ich den Berg hinunter. Ich haette nicht rennen brauchen, weil sie ja hatten, was sie wollten, aber rationales Denken war nicht mehr drin... nur noch Flucht, raus aus dieser Situation, weg von dem Messer.

Erst unten am Garten Gethsemane kam ich wieder atemlos zum Stehen. Dort stand ein Araber am Tor, der vermeintlich schockiert auf mich zurannte und mich mit in den Garten nahm. Er fuehrte mich zu einer kleinen Ecke, in der eine Couch stand, und fragte mich was passiert sei.

Dann griff er zum Handy und sagte, er wuerde die Polizei rufen. Inzwischen liess er mir von einem anderen Araber ein Glas Wasser bringen und meinte, ich solle mich erholen.

Zwei Minuten spaeter sagte er kopfschuettelnd, dass es doch immer das selbe sei, die Polizei wuerde nicht kommen und ueberhaupt wuerde sich niemand dafuer interessieren, wenn Touristen etwas passiert. Ich war wie ferngesteuert und wollte nur noch weg. Irgendwohin, wo ich jemandem erzaehlen konnte, was passiert war. Ich brauchte dringend etwas Trost, lief zu Fuß in die Altstadt und ging in das Restaurant eines Arabers, den ich kannte. Nachdem ich alles erzaehlt hatte, schlug er vor, zusammen mit mir noch einmal zum Oelberg zu fahren, denn wie er meinte "stank diese Geschichte bis zum Himmel". Er war der festen Ueberzeugung, dass die "Gethsemane-Araber" mit den beiden unter einer Decke steckten und erklaerte mir, dass es am Oelberg mehrere Banden gebe, die immer wieder Touristen, die allein unterwegs sind, abfangen und bestehlen. Sie kaemen aus dem Dorf oben am Berg und seien meist drogenabhaengig. Die Gethsemane-Leute haetten wahrscheinlich schon als ich dort hoch ging den beiden Bescheid gegeben, dass jemand allein unterwegs ist und fuer Deckung von unten gesorgt. Da in der Mittagszeit eh kaum Gruppen unterwegs sind, hatten sie freies Spiel. Auch vor den Kamelleuten ganz oben an der Aussichtsplattform warnte er mich und es gab eine weitere Gruppe an dieser Strecke, die versuchte, Poster an den Mann zu bringen. Ich hatte selbst schon beobachtet, wie sie aggressiv wurden, als ein Mann ablehnte, ihnen etwas abzukaufen.

Dass die Polizei nicht kommt, wenn eine Touristin ueberfallen wird, koenne auch auf keinen Fall sein, so war seine Meinung, daher vermutete er, dass der Mann gar nicht angerufen habe. " Und weisst du, dass an der Ecke gegenueber dem Garten Gethsemane eine kleine Polizeistation ist? Wieso ist er nicht mit dir dahin gegangen?"

Das alles machte mich natuerlich noch stutziger. Seiner Meinung nach war es ungefaehrlicher, am spaeten Abend im Dunkeln durch die verlassene Altstadt zu gehen, als den Oelberg allein hinauf zu spazieren. Denn in der Altstadt seien alle 10 Meter Cameras installiert, die doch etwas abschrecken. Ob ich denn noch nie davon gehoert habe, dass am Oelberg sehr oft jemand ueberfallen wird?

Als ich wieder ins Haus zurueck kam, habe ich erstmal alle jungen Maedchen gewarnt und ihnen meine Geschichte erzaehlt. Viele von ihnen waren schockiert, weil sie wohl auch schon oft allein dort einen Spaziergang gemacht haben. Und als ich dann wieder zur Ruhe kam, dachte ich: "Und jetzt? - jetzt bist du gleich am 3. Tag ueberfallen worden. War es das jetzt mit der Israel-Liebe?"

Nein, mir war klar, dass ich mir von solchen Typen nicht meinen Aufenthalt kaputt machen lassen wollte. Ein paar Tage spaeter habe ich mich gefragt, wie ich es geschafft habe, so schnell dieses Ereignis verkraftet zu haben.

Aber es war etwas, was mir auch in jeder deutschen Stadt haette passieren koennen. Es hatte nichts mit Israel zu tun. Einen wirklichen Verlust, ausser dem Schreck, hatte ich auch nicht erlitten, denn mein Geld steckte in der Hosentasche am Koerper und nicht in der Tasche. Mein Handy hatte ich im Zimmer gelassen und was im Rucksack war - daran wuerden die beiden sicher keinen Spass haben, es war .....eine Tora und eine Flasche Wasser.

Sonntag, 22. Februar 2009

Mein erstes Volontariat in Jerusalem

Als ich zum ersten Mal nach Israel kam, im Dezember 2004, hatte ich ganz tief in meinem Innern das Gefuehl, die Heimat meiner Seele gefunden zu haben. Es war keine Reise wie alle davor, sondern eine ganz besondere Erfahrung, die mein weiteres Leben vollkommen veraenderte. Wie kann ich beschreiben, was in mir vorging? Es war wie die Gewissheit, nach Hause gekommen zu sein, meine Wurzeln gefunden zu haben, obwohl es in meiner Familie nicht einen einzigen Hinweis auf dieses Land gibt. Ich verbrachte 5 Tage in Tel Aviv, 4 Tage in Jerusalem, 4 Tage am See Genezareth und die letzten 5 Tage in Ein Gedi am Toten Meer.

Die meisten Leute rieten mir zu einer Gruppenreise, was jedoch so gar nicht mein Ding ist. Und als ich sie dann beobachten konnte, die Touri-busse ( "in 10 min. bitte alle wieder am Bus"), da war mir klar, dass ich das nicht haben muss. Wenn man sich so gar nicht traut, aber unbedingt einmal Israel sehen will, dann ist es wohl ratsam solch eine Gruppenreise zu tun, anstatt das Unternehmen ganz aufzugeben.

Jerusalem war es, das mich am eindruecklichsten gepraegt hat, was mich nie mehr losliess. Von da an dachte ich Jerusalem, atmete Jerusalem, traeumte Jerusalem.
Ich habe dort in einem Pilgerhaus fuer Christen gewohnt, gegenueber dem Damaskustor, in Ost-jerusalem. Und gleich waehrend meines ersten Aufenthaltes dort fragte ich die Schwestern, die dort wohnen, ob es moeglich sei, im kommenden Mai ein Volontariat zu machen. Ich war ueberrascht, dass das auch in meinem "hohen" Alter von damals 46 Jahren noch moeglich war. Bis dahin hatte ich immer nur von sehr jungen Volontaerinnen gelesen, die in den unterschiedlichsten Einrichtungen in Israel arbeiten. Meist waren es Maedchen nach der Schule, die ein Jahr im Ausland verbringen wollten, um neue Erfahrungen zu sammeln. Aber auch Zivildienstleistende konnten hier ihren Ersatzdienst leisten.
Und so machte ich bereits in den allerersten Tagen im heiligen Land mein Volontariat fuer das kommende Jahr fest. Zwar gab es noch Formalitaeten auszufuellen, denn der Verein, bei dem man alles anmelden musste, war in Deutschland, und dort beantragte man das Ganze auch. (www.heilig-land-verein.de)

Im Mai 2005 war es dann soweit. Ich hatte 5 Wochen Urlaub bekommen, um in Jerusalem zu "arbeiten" und ein wenig vom Alltag dort zu schnuppern. 5 ganze Wochen. Damals war das eine ungeheuer lange Zeit fuer mich.
Die Bedingungen eines Volontariates sind meist klar abgesteckt. Es gibt Kost und Logis und ein Taschengeld in Hoehe von ca. 120 Euro umgerechnet. Hier im Haus hatte ich aber die Moeglichkeit, unter Verzicht auf mein Taschengeld ein Einzelzimmer zu bekommen.
Ich kam am Abend an und die zustaendige Schwester fuehrte mich in den Keller. Zuerst musste ich schlucken, weil ich nicht damit gerechnet hatte, keines der normalen Gaestezimmer zu bekommen. Es war ein recht großer Raum mit einem hohen Fenster, das zum Schulhof hinausging und spaerlicher Moeblierung. Angegliedert war ein kleines Bad mit Dusche. Nun, ich wuerde es mir schon gemuetlich machen mit der Zeit. Ein paar Blumen, Bilder und meine Buecher wuerden das Zimmer sicher persoenlicher machen.
Mein erster Gang, nachdem ich ausgepackt hatte, fuehrte mich auf die Dachterrasse, die ich im Dezember bei meinem Urlaub schon kennen gelernt hatte.
Es gibt dort oben einen der ueberwaeltigendsten Ausblicke ueber die Daecher von Jerusalem. Menschen kommen hierher, nur um einmal von der Terrasse ueber die Stadt zu schauen. Und hier wuerde ich nun jeden Tag diesen Blick geniessen koennen.
Ich lernte meine Volontaerskolleginnen kennen, Manuela (Ende 20), Karin (19 Jahre alt) und Jörn, unser Zivi. Er war auch knapp ueber 20.
Wir waren eine sehr spezielle kleine Gruppe und es war erstaunlich, wie wir uns, trotz unserer Altersunterschiede verstanden. Manuela war insgesamt ein halbes Jahr in Jerusalem, hatte schon viele Volontaere kommen und gehen sehen. Ich glaube, wir waren seelenverwandt und wie wir spaeter herausfanden, hatten wir viele Gemeinsamkeiten in unserer Kindheitsgeschichte. Karin war fuer 3 Monate da und Jörn machte seinen Ersatzdienst.

Wir wurden im Haus eingesetzt, mussten Duschen in den Zimmern putzen, saugen, fegen und die Blumen auf der Dachterrasse und im Garten giessen. Jeden Montag morgen wurden wir von Grace, unserer "Vorarbeiterin", die die Chefin ueber alle Reinigungskraefte war, eingeteilt. Grace sprach deutsch, die anderen nur arabisch, denn die meisten Angestellten, ob in der Kueche, im Garten oder im Putzbereich waren christliche Araber.
Auch zum Spueldienst konnten wir eingeteilt werden. Dort unten in der Grosskueche lernten wir dann mit Nadim arabisch. Es wurde viel gelacht, wenn wir zusammen wie im Akkord die Teller trockneten, nachdem sie aus der riesigen Spuelmaschine kamen.
Manchmal hatten wir geteilten Dienst, d.h. morgens von 8h - 13h und dann noch einmal abends zum Spueldienst ab 18h. Durch unsere sehr zentrale Lage war aber immer noch genug Zeit, in der Altstadt etwas zu unternehmen fuer ein paar Stunden.
Es war ein riesiges Haus, das fast wie eine Burg erscheint. Kommt man vom Damaskustor aus der Altstadt heraus, ist es das erste Gebaeude, was einem auffaellt, wenn man die Treppen heraufsteigt.

In diese Zeit fiel auch mein Geburtstag und meine Schwester besuchte mich fuer eine Woche. Sie war noch nie in Israel gewesen und wollte nun alles in diese eine Woche packen. Spaeter, nachdem sie wieder zu hause in Deutschland war sagte sie mir, dass sie noch Wochen spaeter dabei war, alles in sich "zu verdauen", was sie erlebt hatte.
Israel ist eben kein Urlaubsland wie viele. Alles, was es dort zu erleben gibt, ist intensiv, auch wenn man kein bisschen religioes ist.
Dazu kommt dann noch eine unvergleichliche Konzentration aller drei monotheistischen Religionen auf kleinstem Raum. Bevor man nicht wenigstens einmal diese besondere Stimmung gefuehlt hat, behaupte ich, wird man nicht wissen, wovon ich spreche.

Ich habe an dieses Volontariat sehr warme Erinnerungen, vor allem an die Menschen, die um mich herum waren. Wie oft haben wir uns "ohne Worte" verstaendigt, wussten, was der andere braucht oder tauschten Gedanken aus, fuer die man bei anderen Menschen viele Erklaerungen braucht, die doch nicht zum Verstaendnis fuehren.
Das war einmalig, und ich habe es in dieser Form auch nie wieder erlebt.

Ich denke da ganz besonders an unsere Fahrt nach Galilaea, an den See. Wir fuhren zu fuenft in einem Auto, und bereits die Fahrt gen Norden war ein Spaß.
Kurz vor Tiberias lotste uns Joern, der Zivi zum Berg Arbel, der einen unvergleichlichen Blick auf fast den gesamten See freigibt.
Wir haben das Auto abgestellt, und ohne uns abzusprechen verteilten wir uns in die Umgebung. Steile Felsmassive, eine wohltuende Ruhe und die weite Sicht, all das war fuer jeden von uns wie Balsam.
Jeder hatte einen Platz gefunden, wo er allein mit seinen Gedanken, mit seinen Traeumen sein konnte, vielleicht auch mit seinem ganz eigenen Schmerz.
Wir konnten uns nicht sehen und doch hatte scheinbar niemand die Sorge, wir wuerden uns nicht rechtzeitig wieder am Auto einfinden.
Und nach einer Weile, wie auf ein unhoerbares Zeichen hin, kamen wir wieder zusammen.
Das war magisch, und ich glaube, Augenblicke von dieser Art mit einer kleinen Gruppe sind so selten wie ein Kleinod.


Dort am See haben wir im zweiten Pilgerhaus dieses Vereins gewohnt, vollkommen idyllisch. Wir haben alle christlichen Sehenswuerdigkeiten besucht, die man sehen "sollte", und wenn ich daran zurueckdenke, an die Zeit, in der ich Christin war, kommt mir alles doch sehr weit weg vor. Nun, das ist eine andere Geschichte, die ich erzaehlen werde, wenn ich ueber meinen Weg zum Judentum berichte.

Einer der schoensten Ausfluege war fuer uns alle Sfat, die Stadt der Kabbala, die die mystische Seite des Judentums darstellt. Denke ich an Sfat, dann habe ich die vielen blauen Tueren und Tore vor meinem inneren Auge, die die Farbe des Himmels widerspiegeln sollen. Sfat ist eine Stadt in der man vielen orthodoxen Juden begegnet.
Und fuer eher weltliche Besucher ist sie idyllisch mit kleinen Cafes in wunderschoenen Hoefen, Galerien und Shops.
Auf unserem Rueckweg nach Jerusalem sagte niemand ein Wort.

Die fuenf Wochen vergingen viel zu schnell und doch ist viel passiert. Unter anderem bin ich bereits am 3. Tag ueberfallen worden, auf dem Weg den Ölberg hinauf. Aber das ist eine neue Geschichte fuer einen kleineren Post.
Es war ein reiches Volontariat. Was ich begriffen hatte, war, dass die Menschen, die nach Israel fahren, etwas verbindet. Niemand faehrt dorthin, um Urlaub zu machen. Jeder hat einen ganz besondern Grund fuer diese Reise, und selten gab es dort oberflaechliche Gespraeche, wie manchmal hier in Deutschland.
Es gibt Menschen, die dort im Pilgerhaus uebernachtet haben, die in einer Lebenskrise stecken, manche machen sich Gedanken ueber eine evtl. bevorstehende Trennung oder erfuellen sich einen Lebenstraum, muessen eine wichtige Entscheidung treffen oder stehen an einem Punkt ihres Lebens, wo sie darueber nachdenken, was eigentlich wichtig ist in ihrem Leben.
Und allen gemeinsam ist - sie reden sehr offen darueber. Jerusalem scheint die Herzen und die Seelen zu oeffnen.

Bei all dem, was sich wie eine kitschige Schwaermerei anhoert, bin ich doch mit beiden Beinen auf der Erde geblieben, habe inzwischen auch viele Nachteile des Lebens in Israel erlebt, aber bei aller Realitaet spuere ich: ich liebe es trotzdem, das kleine Israel.

Fuer mich ist es im Nachhinein ein Puzzle, dessen Teile ich nach und nach entdeckt habe. Das erste Teil des Puzzles waren die Landschaften. Es ist ueberwaeltigend zu spueren, dass es dort alles gibt. Man kann alles haben und das fast auf einmal. Es gibt die Wueste, das Meer, den See, die Stadt Jerusalem, das pulsierende weltliche Tel Aviv, den schneebedeckten Hermon, das Tote Meer und vieles mehr.
Aber es gibt eben auch die Menschen, die aus aller Welt zusammen gewuerfelt sind, Juden, Moslems, Christen und Menschen, die keiner Religion zugehoeren.
Die Gastfreundschaft der Menschen, die in Israel leben ist enorm hoch, und einen Satz habe ich immer wieder gehoert: Im jesh Makom balev, jesh makom babeit. (wenn es im Herzen Platz gibt, gibt es auch im Haus Platz).
Zwei Teile dieses Puzzles trug ich also schon in mir. Das naechste Teil sollte die Sprache sein, die hebraeische Sprache, die ich so liebe. Aber auch das ist eine andere Geschichte und gehoert sicher zu meinem Weg zum Judentum, der nicht lange nach diesem ersten Volontariat beginnen sollte - und zwar merkwuerdigerweise "zu Hause" in Deutschland.





Volontariat und zurueck

Nun bin ich also schon einige Monate wieder hier, im grauen Deutschland. Mein Plan war es, ein Jahr lang in Jerusalem zu bleiben, nach meinem Giur (Uebertritt zum Judentum) im Mai. Ueber ein Jahr war ich nicht mehr in Israel gewesen, hatte jeden Cent gespart, war in eine kleinere Wohnung gezogen, habe mein Auto verkauft, und nun war das Verlangen groß. Hier in Deutschland ist ein wirklich juedisches Leben kaum moeglich. Es gibt wenige Moeglichkeiten, kosher einzukaufen, die meisten Menschen in der Gemeinde halten den Shabbat nicht und man lebt hier als Minderheit. In Israel fuehlt man sich dagegen als Teil einer großen Gemeinde, man ist nichts Besonderes, kann in (fast) jedem Geschaeft kosher einkaufen und an jeder Ecke gibt es eine Synagoge. Am Shabbat und auch im Alltag gibt es unzaehlige Moeglichkeiten, mehr ueber Tora, Talmud und die Paraschat haShavua (den Wochenabschnitt) zu lernen und das oeffentliche Leben richtet sich aus am Shabbat. Hier in Deutschland hingegen muss man in manchen Berufssparten darum kaempfen, den Shabbat frei zu bekommen, um ihn gebuehrend zu begehen. Dazu wird man dann noch komisch angeschaut, weil wirklich viele Menschen nicht wissen, was es bedeutet, Jude zu sein.
So war ich also endlich wieder in Jerusalem, um mein ein-jaehriges Volontariat in einem Altenheim zu beginnen, was ich dann jedoch bereits nach 3 Monaten vorzeitig abbrach.
" Na, hast du nun von Israel die Nase voll?" fragten mich haemisch diejenigen, die in Anbetracht meines Vorhabens sowieso nur ein Kopfschuetteln uebrig hatten. Es gab wenige, die eine 50-jaehrige Frau verstanden, die ihre Wohnung fuer ein Jahr aufgab, ihr gesamtes Hab und Gut bis auf ein paar wichtige Dinge, verschenkte und ein Jahr unbezahlten Urlaub nahm, nur um eine Zeitlang in Israel zu leben und als Volontaerin zu arbeiten. "Und wenn du wieder zurueck kommst, dann hast du ja gar nichts und faengst bei null an...?" meinten sie.
Ja, das stimmt, nur macht es mir keine Angst, bei Null anzufangen. Warum eigentlich ist es so schlimm, bei Null anzufangen? Es kann im Gegenteil auch sehr befreiend sein, sich von Dingen zu trennen, die man nicht UNBEDINGT zum Leben braucht, um dann zu entscheiden, auf was man auf KEINEN FALL verzichten moechte.

Dumm nur, dass ich dann bereits nach 3 Monaten wieder von vorn anfing.
Aber zurueck zu meiner Ankunft in Israel. Ich hatte die letzten Jahre viele Male als Volontaerin gearbeitet und dabei war ich gar nicht so ein Ausnahmefall mit meinen 50 Jahren. Natuerlich waren doch die meisten Volontaere im Alter zwischen 20 und 30, aber es gab auch Menschen, die noch viel aelter waren als ich, die Aelteste, die ich kennen lernte, war 70. Sie verdiente sich ihren Aufenthalt in Israel durch das Volontariat, anderenfalls haette sie aus Geldmangel nicht dort wohnen koennen.
Meine Aufenthalte in den letzten Jahren waren nie laenger als 5 Wochen gewesen, schliesslich hatte ich noch einen Job in Deutschland, und schon das grosse Glueck so viele Wochen am Stueck frei nehmen zu koennen. Die ersten 2 Jahre arbeitete ich als Volontaerin in einem christlichen Pilgerhaus gegenueber dem Damaskustor. Nachdem jedoch mein Leben eine andere Richtung bekam und nichts mehr so war wie vorher, passte ich auch nicht mehr in eine christliche Umgebung.
Irgendwann - es ist schwer, den Zeitpunkt genau zu erinnern - war klar, dass mein Weg zum Judentum fuehrt, ich die wahre Heimat meiner Seele gefunden hatte.
Von da an suchte ich mir fuer meine Volontariate eine juedische Umgebung.

Ich kam also im Juni 08 in Jerusalem an, im Altenheim, was ich mit der Hilfe einer Freundin ausfindig gemacht hatte. Sie arbeitete dort ein paar Stunden in der Woche als Sozialarbeiterin und fragte die zustaendige Stationsleitung, ob ich kommen koenne, maximal fuer ein Jahr.
Das klappte und meine groesste Sorge, ob ich auch ein eigenes Zimmer bekaeme, war auch schnell beigelegt. Als Volontaerin in Israel ist es durchaus ueblich, sich das Zimmer mit anderen zu teilen, was ich in den letzten Jahren auch getan hatte. Mehr und mehr aber brauchte ich doch meine Privatsphaere, wenn ich mir schon das Bad und die Kueche teilen musste.

Das Altenheim lag in einer meiner Lieblingsstadtteile Jerusalems, in Katamon, hatte eine eigene Volontaers-wohnung um die Ecke und ich bekam mein eigenes Zimmer. In der Wohnung wohnten zu dieser Zeit noch 2 Hollaenderinnen, eine war ca. 60 (ihr Alter hat sie bis zum Schluss nicht verraten) und die andere 29. Die juengere hatte einen Vater in Israel, der vor 15 Jahren zum Judentum uebergetreten war und seitdem hier lebte. Nun wollte auch sie uebertreten und bemuehte sich darum, in einem Kibbutz Giur machen zu koennen. ( Kibbutz Ulpan-Giur nennt man das dann. Es gibt ein Programm fuer junge Menschen bis ca. 35, dort in 5-8 Monaten einen Kurs zu machen, der mit dem Uebertritt abschliesst. Man lernt die Sprache, und es werden die wichtigsten Lerninhalte fuer ein juedisches Leben vermittelt. Nebenbei muss man sich an der Kibbutzarbeit beteiligen. )
Anfangs war noch ein juedischer Mann aus Kanada dort, der auch observant lebte und mich sofort warnte, mir eigenes Geschirr anzuschaffen, da die Kueche nicht kosher sei. Kochen konnte man sowie nicht dort.
Das Essen, was man sich vom Heim mit rueber nehmen konnte, war in einer kosheren Kueche zubereitet und fuer uns relativ unbedenklich zu essen.
Da meine Mitbewohnerinnen nicht vertraut waren mit juedischem Leben, war ich froh, ihn wenigstens die ersten Wochen da zu haben, so fuehlte ich mich nicht ganz so exotisch. Ich kenne die Blicke, die ganz deutlich Unverstaendnis ausdruecken, aber in der Hinsicht waren meine Mitbewohnerinnen von James (ich nenne ihn James, um seine Identitaet nicht preis zu geben) ja doch schon an vieles gewoehnt, was ich nun nicht mehr erklaeren musste.
Dennoch kam der Spruch, den ich von den meisten Christen kenne: " Kann das denn richtig sein, dass man SO viele Einschraenkungen im Leben hat?"
Dass wir es nicht als das sehen, sondern es fuer uns eine Art ist, uns G-tt zu naehern, wollen sie schon gar nicht mehr hoeren. Mit einigen Ausnahmen habe ich festgestellt, dass die meisten doch nur ihr Unverstaendnis aeussern wollen, ohne wirklich eine Antwort, oder unsere Sicht der Dinge abzuwarten.
Unsere Arbeit war vorwiegend auf der 5. Etage, waehrend auf den anderen 4 Stockwerken Menschen lebten, die sich selbst helfen konnten, und nur zum Essen in den Speisesaal kamen.
Richtig schwer Pflegebeduerftige lebten auch in der 5. Etage nicht, dafuer waren andere Heime zustaendig.
Es gab 18 Bewohner, Maenner und Frauen. Viele von ihnen waren Shoa-ueberlebende und es tat weh ihre Geschichten zu hoeren. Besonders als Deutsche. Ja, ich kenne die Einwaende vieler Deutscher: "Aber WIR haben doch nichts getan! Also ICH fuehle mich nicht schuldig!"
Nein, schuldig fuehle ich mich auch nicht, jedenfalls nicht unmittelbar. Jedoch ist es fuer mich so etwas wie ein ganz schweres Erbe, was man uns hinterlassen hat und eine Verantwortung, die ich leider fuer die Vergangenheit meines Volkes tragen muss. Das ist meine Sichtweise der Dinge, aber sie ist durch den Giur leider noch etwas komplizierter geworden. Wer denkt, durch einen Giur wechselt man die Seiten, ist nun auf der Opferseite, und hat die Taeterseite verlassen, hat sich geirrt. Jedenfalls fuehle ich im Hinblick auf die Shoa nun BEIDE Seiten, die eine will vor Schmerz aufschreien, da es nun, nach dem Giur auch MEIN Volk ist, was da systematisch vernichtet werden sollte auf die grausamste Art, die ein Mensch sich vorstellen kann. Es sind nun meine Brueder und Schwestern, denen ich mich auf immer verbunden fuehle tief in meiner juedischen Seele.
Die andere Seite bleibt, sie ist nicht automatisch "abgegeben", obwohl es heisst, dass bei einem Uebertritt zum Judentum alle vorherigen familiaeren Wurzeln wegfallen. Man ist nun Teil eines anderen Volkes, des juedischen Volkes.
Trotzdem fuehle ich sie noch, diese Seite, die genau weiss, was unsere deutschen Vorfahren getan haben.

Die Arbeit mit diesen Menschen war nicht einfach. Einige von ihnen waren dement, andere einfach nur verbittert vom Leben, was man ihnen ja nicht verdenken kann. Und wieder andere versuchten alles, um es den Pflegern und Schwestern der Station so schwer wie moeglich zu machen. Ja, alte Menschen koennen auch biestig sein, auch wenn man das so offen meist nicht sagen darf, aber das Problem ist international.
Und gerade diese Eigenschaft macht es besonders schwer, in solch einem Heim klar zu kommen. Man ist staendig hin- und hergeworfen zwischen 2 Gefuehlen: Mitgefuehl fuer die schreckliche Vergangenheit, fuer das Schicksal des Einzelnen, und dadurch das Bestreben, mit viel Achtung und Respekt an die Menschen heran zu gehen, und gleichzeitig oft ein Unverstaendnis und Genervtsein, wie man selbst von manchen behandelt wird, und dass alles, was man tut, nicht richtig ist.
Mit diesen Gefuehlen klar zu kommen ist schon eine schwierige Aufgabe fuer sich. Jedoch kam in meinem Volontariat noch das Benehmen der Pflegepersonen hinzu, was mich wirklich am meisten aufregte und was am Schluss dafuer sorgte, dass ich mich entschloss zu gehen.

Es gab eine unglaubliche, fast hysterische "Sorge", dass die Bewohner verhungern koennten. Die meisten, bis auf einige, bei denen man sich tatsaechlich sorgen konnte, assen wie ich fand ganz normal. Wie jeder Mensch mal mehr, mal weniger isst, so war es auch bei ihnen der Fall, nur hatten sie nicht das gleiche Recht, mal mehr und mal weniger zu wollen.
Es wurde ihnen gleich zu Anfang des Essens schon meiner Meinung nach viel zu viel auf den Teller gehaeuft.
Und dann passierte es zum ersten Mal, dass ich etwas sah, was mich zutiefst bestuerzte. Ein Pfleger ging durch den Speiseraum, sah auf den Teller einer Bewohnerin und meinte, sie habe nicht genug gegessen. Auf seine Aufforderung hin, schuettelte sie den Kopf und machte ein Gesicht, das sagte: " Nein, ich will nicht mehr". Es interessiert ihn nicht und obwohl sie bereits etwas gegessen hatte, nahm er den Loeffel und steckte ihn ihr in den Mund. Als sie abwehrte, den Mund schloss und die Hand davor hielt wurde er lauter und auch energischer. Das Essen landete tatsaechlich irgendwann in ihrem Mund und ich sah, wie sie angeekelt versuchte, es hinunter zu schlucken.
Ich kann es nicht verstehen, wie man so etwas tut, ganz ohne eine Notwendigkeit. Niemand von uns verhungert, wenn er mal weniger isst.
Ich stellte ihn zur Rede und sagte ihm, er solle damit aufhoeren. Er machte weiter, ohne mich eines Blickes zu wuerdigen und nachdem ich ihn ein weiteres Mal ansprach, meinte er, sie MUESSE essen.
Nach diesem ersten Vorfall habe ich wie ein kleines Kind den Raum fluchtartig verlassen und mich heulend in eine Ecke gesetzt. Die Stationsleitung kam zu mir und fragte, was denn mit mir sei und ich erzaehlte ihr alles, in der Hoffnung, sie wuerde das genau so sehen wie ich. Schliesslich war sie es, die uns ganz zu Anfang gesagt hatte, wir sollten diesen Menschen, die schon so viel in ihrem Leben erlebt hatten, sehr viel Achtung und Ehre geben.
Aber weit gefehlt. Sie betete die gleichen Gruende herunter, die ich immer wieder zu hoeren bekam: All das ist nur zum Besten der Menschen, es bewahrt sie vor einer Ernaehrungssonde und man muesse alles tun, um sie vor dem Verhungern zu retten.
Als ich meine Volontaerskolleginnen darauf ansprach, ob sie Aehnliches auch schon beobachtet hatten, sagte eine der beiden nur: Ach, du musst dich daran gewoehnen, dass hier vieles anders ist als in Deutschland. Und gerade dieser Pfleger ist wirklich normalerweise eine Seele von Mensch."
Ich versuchte, weiter zu machen. Es war ja nicht alles schlecht. Es gab auch vieles, was ich dort schaetzte. Das Programm, z.B. was die alten Leute hatten, war abwechslungsreich und auch fuer mich interessant. Fast jeden Tag gab es im Aufenthaltsraum einen Vortrag verschiedener Referenten. Die Themen waren politischer, religioeser oder geschichtlicher Art und viele wurden in ihren Rollstuehlen dort hingefahren. Ausser Vortraegen gab es noch Liedernachmittage, wo alle bekannten israelischen Songs zusammen gesungen wurden.
Am Freitag mittag kam ein religioeser Mann, den alle den "Rabbi" nannten, obwohl er gar keiner war, der mit allen, die nicht hinunter in die Synagoge gehen konnten, "Kabbalat Shabbat" machte (der Empfang des Shabbat). Er sang und betete, und die meisten der Bewohner nahmen teil.
Die aelteste der Bewohnerinnen, ich nenne sie hier Rivka, hatte ein eindrucksvolles spirituelles Leben. Sie war ueber 90 und ich hatte den Eindruck, "sie bereitet sich vor..", auf was auch immer, was uns "danach" erwartet.
Sie betete viel, und dachte viel nach... woher ich das weiß? Ich brauchte sie nur anzuschauen, um zu sehen, dass ein ganzes Leben in ihrem Kopf kreiste. Oft schaute sie mich an, waehrend sie mit dem Kopf nickte und nach oben schaute, zum Himmel.
Ja, ich wusste, was sie fuehlt. Dort oben ist noch jemand, der groesser ist als alles andere hier.

Ein anderer der Bewohner, Jakov, war nach dem Tod seiner Frau hierher gezogen. Er konnte viele Dinge des taeglichen Lebens noch allein bewaeltigen, war aber einsam. Daher zog er es doch vor, im Heim unter Menschen zu sein.
Er war sehr intelligent, sprach mehrere Sprachen und hat mir bei allen sprachlichen Fragen geholfen. Haeufig korrigierte er die russischen Schwestern, wenn sie Fehler machten. Waehrend ich immer froh bin, wenn man mich auf Fehler aufmerksam macht, waren sie meist empoert und fuehlten sich beleidigt.
Jakov kannte sich auch gut bei Themen aus, die die Tora betreffen. Haeufig fand ich in ihm einen guten Ansprechpartner, um die Parashat haShavua (den Wochenabschnitt) zu diskutieren.

Eine kleine Frau namens Miriam, die aus dem Jemen stammte liess sich nichts gefallen, und wenn jemand sie nicht so behandelte, wie sie es wollte, wurde sie laut und kreischte auch schon mal. Ich fand sie toll und niemand der Pfleger wagte es, ihr in irgeneiner Weise zu nahe zu treten.
Das zeigte mir einmal mehr, dass nur die so willkuerlich behandelt wurden, die sich eh schon nicht mehr wehren koennen. Ein Jammer!

Wir bekamen Kost und Logis, das ist die uebliche Bezahlung fuer Volontaere im Land. In den Bestimmungen, die man im Ministry of Social Affairs bekommt, steht u.a. auch, dass ein Taschengeld Pflicht ist, was mir nirgendwo, ausser in diesem Altenheim verweigert wurde, mit der Ausrede, man habe nicht genug Geld. Man muss dazu sagen, es handelt sich um ein Taschengeld von umgerechnet 120 Euro. Im Monat!
Als der Vater einer der Volontaerinnen sich bei der Zentrale des Heimes beschwerte und auf die Bestimmungen hinwies, es stehe uns Taschengeld und Chofshi Chodshi zu ( das ist die Monatsfahrkarte, die man in jeder Stadt Israels bekommen kann in Hoehe von ca. 40 Euro umgerechnet) haben sie uns widerwillig dann die Fahrkarte bezahlt.
Die nette, aber sehr aufgebrachte Dame beim Ministry of Social Affairs, die zustaendig war fuer alle auslaendischen Volontaere, zeterte dann auch bei meinem ersten Besuch, wir wuerden die letzten Volontaere sein, die sie fuer dieses Heim genehmigt, wenn das Heim nicht bereit waere, uns das zu geben, was uns zustuende. Sie regte sich so dermaßen auf, dass man immer den Eindruck hatte, man sei selbst das Ziel ihrer Aggression.
Haeufig rief sie mich an und fragte, ob ich endlich was anderes gefunden haette. Sie sagte sogar, wenn ich trotzdem dableiben wuerde, waere sie nicht mehr bereit, mir in irgendeiner Weise zu helfen.
Als ob ich nicht schon genug Druck hatte. Nun musste ich auch noch fuerchten, dass das Heim fuer Volontaere "gesperrt" wuerde und ich dann sehr schnell eine andere Moeglichkeit finden muesste.
Ich kuemmerte mich zunaechst darum, Informationen einzuholen, wie es am geschicktesten ist, ein Visum zu verlaengern.
Da ich Juedin war, wenn auch erst seit einem Monat, konnte es sein, dass mein Visum ohne Probleme verlaengert wuerde. Besser waere es gewesen, ich waere ueber eine Organisation aus Deutschland gekommen, denn unter Umstaenden haette man von dort aus dann dafuer gesorgt, dass mein Visum gleich ueber mehr als ein halbes Jahr ausgestellt wurde.
Da ich aber nur christliche Organisationen fand, und bei allen haette ich mir ein Zimmer teilen muessen, hatte ich auf eigene Faust eine juedische Einrichtung gesucht und gefunden.
Im Heim stellte man mir ein Schreiben aus, worin stand, dass ich als Volontaerin ein Jahr dort arbeiten koennte und die nette Dame vom Ministerium gab mir auch einen Brief mit.
Ein Mitarbeiter aus dem Heim nannte mir den Namen einer Dame beim Misrad haPnim (Innenministerium), die mit mehr Wohlwollen solche Antraege bearbeitet als ihre Kollegen. So sagte man mir.
Mein erster Besuch dort verlief folgendermaßen: Ich stand in einer Riesenschlange von Menschen, gleich um kurz vor 8h, die alle Visaanliegen hatten. Niemand war so recht fuer mich zustaendig und die besagte Dame war nicht vor Ort. Man hatte keine Zeit fuer mich und verwies mich auf die telefonische Terminvergabe. Da ich telefonisch nur eins erreichte, naemlich dass mein gesamtes Guthaben draufging, waehrend ich in der Warteschleife hing, bat ich um eine Terminvergabe vor Ort. Die Mitarbeiterin sagte nur lapidar: "Ich wuesste nicht, warum ich mit dir reden sollte?"

Unverrichteter Dinge zog ich ab und heulte erstmal ein bisschen. Das meinten also die anderen, wenn sie sagen: "Tja, Israel ist hart. Und die Behoerden sind noch haerter."
Nachdem ich mich wieder erholt hatte, startete ich am naechsten Tag einen neuen Versuch. Dieses Mal bekam ich einen Termin in 14 Tagen.

Bewaffnet mit allen Formularen meines Giurs, dem Schreiben des Rabbiners, meinem Reisepass und den anderen Schreiben vom Heim und dem Ministerium fand ich mich 14 spaeter wieder dort ein.
Nun trug man mir auf, ich solle meinen gesamten Giurprozess von Anfang bis Ende schriftlich fixieren, warum ich konvertieren wollte, mit wem ich dafuer gelernt hatte, bei welchem Beit Din ich war (das ist das Rabbinergericht, was Uebertritte oder Scheidungen bearbeitet) und wann mein Uebertritt erfolgt war.
Als ich nach einer halben Stunde aus meiner Ecke herauskam, schickte man mich zum Fotografen, um Passbilder zu machen.
Und endlich sagte die Dame - durchaus wohlwollend und freundlich: "Da dein letztes Dokument, auf dem das Ende deines Giurs beschrieben ist, noch fehlt, solltest du dich schnellstmoeglich darum kuemmern, es zu bekommen. Inzwischen kann ich dir, da du Juedin bist, weitere 8 Monate geben."
Wow, das war mehr, als ich erwartet hatte. Das hiess bis Mitte Januar. Nun hatte ich also etwas Zeit und auch bares Geld fuer Ausreisen gespart.
Eingeplant hatte ich naemlich 3 Reisen aus dem Land, um ein neues Visum zu erhalten. Manche Menschen machen das jahrelang, um immer wieder ein neues Visum fuer 3 Monate zu bekommen, aber inzwischen ist man beim Ministerium auch dahinter gekommen und um das zu verhindern, ist es nicht mehr sicher, dass man bei einer Wieder-einreise volle 3 Monate bekommt. So manch einer hat schon komisch geguckt, als er auf seinem Visum nur weitere 2 Wochen erhielt.
Daher war das ein voller Erfolg.
In diesem Visum stand : Volontaersvisum B4 und "not permitted to work"
Es war ein reines Volontaersvisum, mit dem ich streng genommen nicht mal eine Putzstelle annehmen duerfte. Obwohl das in dem Rahmen nicht so genau genommen wird, wie man mir erzaehlte, hatte ich doch Angst, denn die Konsequenz, wenn man erwischt wird bei Schwarzarbeit heisst : 5 Jahre KEINE Einreise nach Israel.
Das konnte und wollte ich auf keinen Fall riskieren.

Ich schaute mich um nach anderen Einrichtungen, wo man Volontaere beschaeftigt. Immer hiess es dass man sich das Zimmer teilen muss.
In Yad Vashem haette ich auch gern als Volontaerin gearbeitet, jedoch haette ich mir da komplett einen eigene Unterkunft suchen muessen und natuerlich auch selbst finanzieren muessen. So viel Geld hatte ich doch nicht mit, dass es fuer eine Miete gereicht haette.

3 Monate hielt ich dieses Hin und Her aus, registrierte weiter argwoehnisch und traurig das Benehmen des Pflegepersonals, versuchte zuletzt dem Leiter des Hauses mein Anliegen klar zu machen, was jedoch ohne Erfolg war.
Trotzdem genoss ich auch das religioese Leben um mich herum, besuchte Shiurim ( das sind Unterrichtsstunden in Tora oder Talmud) bei Aish oder Machon Meir, lernte die beruehmte Familie Machlis kennen, die am Shabbat ihr Haus fuer alle Interessierten offen haelt und fuehlte mich in der Jerusalemer Hektik wohl.
Dass ich an einem gewissen Punkt auf der Stelle trat, da ich mir doch erhofft hatte, fuer eine evtl. spaetere Einwanderung Arbeitskontakte zu knuepfen oder eine Arbeitsstelle zu finden, die mir erlauben wuerde, hier zu bleiben, fuehrte dazu dass ich immer oefter darueber nachdachte, frueher als geplant nach Deutschland zurueck zu gehen und eine Alyia vorzubereiten.

Bei einer Alyia (Einwanderung nach Israel) gibt es fuer geborene Juden andere Bestimmungen als fuer uebergetretene.
Ist man im Ausland -also NICHT in Israel - uebergetreten, muss man nach Beendigung seines Giurs noch ein ganzes Jahr in diesem Land bleiben, um alyia-berechtigt zu sein. Dann darf man einen Antrag auf Alyia stellen.
Findet der Giur in Israel statt, z.B. in einem Kibbutzprogramm, muss man erst ein Visum fuer den Giur bekommen. Das bekommt man meist erst, wenn man VORHER schon ein Jahr lang im Land war. ( Normalerweise passiert das nur bei Menschen, die bei Verwandten wohnen, und alle 3 Monate kurz ausgereist sind, oder bei Volontaeren)
Dafuer kann man dann aber nach dem Giur im Land bleiben und von dort aus die Alyia beantragen.
Bei einer Alyia hat man viele Verguenstigungen vom Staat. Man bekommt "Sal Klita", das ist ein Einwanderer"korb", u.a. mit einem Startkapital von umgerechnet 3000 Euro, die auf 7 Monatszahlungen verteilt werden, und NICHT zurueck gezahlt werden muessen. Weiter hat man noch einige Verguenstigungen, wie die kostenlose Mitgliedschaft in einer Krankenkasse fuer ein halbes Jahr und einen kostenlosen Sprachkurs, den sogenannten Ulpan.
Aber das Wichtigste - man darf arbeiten.
Und darueber dachte ich nach, bevor ich dann kurzfristig einen Flug buchte, und fuer manche um mich herum, die meine Gedankengaenge nicht mitbekamen, das Land regelrecht fluchtartig verließ.
Mein Plan war es, dieses verflixte Jahr, was ich brauchte, um Alyia zu beantragen, irgendwie hinter mich zu bringen, um dann mit allen Verguenstigungen als Olah Chadasha (als Neu-einwanderin) wieder zu kommen.
Ein gutes Gefuehl, die Menschen in diesem Heim sich selbst ueberlassen zu haben, hatte ich dennoch nicht, aber alles, was in meiner Macht stand, hatte ich versucht, bis hin zu einem Gespraech mit dem Leiter der Einrichtung.
Bis heute trage ich diese Erfahrung in mir als traumatisches Ereignis. Ich denke nicht, dass es ein israelspezifisches Problem ist, wie man die Menschen in Altenheimen behandelt, sondern eher die traurige Tatsache, wie man allgemein mit alten Menschen umgeht, vor allem dann, wenn sie dement sind oder sich nicht mehr so recht wehren koennen.