Freitag, 30. Oktober 2009

Regen - Szenario in Jerusalem

Es ist DAS Thema. Es schuettet wie aus Kannen. Ja, das ist der Jerusalemer Regen, den ich kenne.
Ich traf mich mit einer ehemaligen Volontaerin in der neuen Mall Mamilla zum Cafe. Wir sassen nun zunaechst draussen bis uns der Wind zu arg wurde. Gut, dass wir es noch schafften, in den diese Woche erst fertig gestellten glaesernen Vorbau - eine Art Wintergarten - zu fluechten, denn schon fing es wie aus Eimern an zu schuetten.
Das ist nicht alles, das Wasser kam erst unter den grossen Glasfronten hindurch, was uns nicht SO sehr stoerte, schliesslich waren nicht ueberall Pfuetzen, man konnte bequem zwischen den Wasserlachen noch Stellen finden, wo die Fuesse trocken blieben.
Ich dachte, ich bilde es mir ein, als es auf meine Beine regnete, wir sassen doch drinnen, oder?
Als ich mich umschaute, sah ich, wie es aus der ( gerade erst fertig gestellten!!) Ueberdachung tropfte. Es tropfte auf den Kuchen der Nebentische, es tropfte auf das Baby im Wagen am Nebentisch, es tropfte auf die Glatze des eifrig gestikulierenden Mannes, dessen Frau nur etwas irritiert nach oben schaute.
Ich konnte es kaum fassen.
Es schien nicht so wichtig, dass es an den Steinwaenden langsam herunterlief, bald die Mehrfachsteckdosen erreichen wuerde (was mich schon an einen komplett unter Strom stehenden Platz denken liess) und die Ventilatoren.
Man versuchte, die Glastueren zu schliessen denn der Regen kommt von allen Seiten, wenn er einmal angefangen hat. Das ging nicht, da die Tueren nicht richtig schlossen. Jemand holte ein Stueck Draht, um die Tuer wenigstens nicht komplett offen stehen zu lassen. Niemanden schien das ganze Szenario irgendwie zu stoeren, denn: "Sorry, es wurde ja letzte Woche erst fertig gestellt."
Das Wort "fertig gestellt" hatte bislang fuer mich eine andere Bedeutung aber o.k. Wir sind in Israel und ein befreundeter israelischer Architekt wuerde sagen : Typisch! Schau dir die neue Bahnlinie Tel Aviv-Jerusalem an. Ist sie fertig?

Aber typisch war auch, was mich am meisten zum Lachen brachte. Ich stellte mir vor, wie sich die Menschen in Deutschland beschweren wuerden. Es wuerde ein riesiges Theater gemacht werden, wie so etwas sein kann und man wuerde sofort das Cafe verlassen.
Nicht so hier in Jerusalem. Ob die Familie mit der Oma in der Ecke, das eifrig diskutierende Ehepaar oder die Gruppe von Frauen, jeder ertrug es ohne ein Wort, dass die Waffeln ein wenig in Wasser getraenkt waren oder der Cafe verduennt wurde.
Meine einzige Sorge war : hoffentlich faellt nicht die ganze Konstruktion des Daches unter den Regenmassen ploetzlich in sich zusammen, denn sehr viel Vertrauen in die Stabilitaet konnte man bei dem Szenario wahrhaftig nicht bekommen.
Es ist nichts passiert und es stehen noch immer Menschen Schlange um in diesem "Winter- (oder sollte ich sagen Regen-)garten" einen Platz zu bekommen.
Shabbat shalom!

"Mein" Wochenabschnitt : Lech lecha!

"Lech lecha" ist der Wochenabschnitt, der mich immer besonders anspricht. G-tt schickt Awram aus seinem Land, aus seiner Heimat, in eine unsichere Zukunft. Awram folgt ihm und wird der erste "Konvertit", da er als Erster an den einen und einzigen G-tt glaubt, die Götzen seines Vaters zerstoert.
Er verlaesst sein Heimatland und folgt dem Ruf G-ttes.
"....in ein Land, das ich dir zeigen werde..(..)"
Awram musste viel mehr Vertrauen haben als ich, die ich das Land schon kannte, in das ich gegangen bin. Doch irgendwie habe ich das Gefuehl, dass ich auch einem inneren "Ruf" gefolgt bin. Wahrscheinlich habe ich diesen Ruf bereits vor einigen Jahren gehoert, als mein Giur-Prozess begann. Es ging ins "Ungewisse", und doch war klar, dass der Weg richtig ist.
Awram wurde von G-tt auch mit einem neuen Namen bedacht, von da an hiess er Awraham. Auch Konvertiten wechseln ihren Namen, beim Uebertritt. Ein neuer Name steht auch fuer einen neuen Anfang. Das alte duerfen wir getrost hinter uns lassen, so ein Rabbiner, den ich in Alon Shwut traf.
Das soll nicht heissen, dass es das "alte Leben" nicht mehr gibt, es gehoert zum Lebenslauf dazu. Wichtig ist die Entscheidung anders leben zu wollen. Eine koshere Ernaehrung ist nur ein Teil der Aenderungen.
Aber der Weg ist nicht leicht. Awrahams Weg war noch viel schwieriger, weil er niemanden hatte, den er um Rat fragen konnte, ausser G-tt.
Er musste sich in einer "unkosheren" Umgebung weiterkaempfen, folgte ohne Zweifel dem Ruf.
Solch ein Vertrauen aufzubringen ist fuer uns fast undenkbar und dennoch ist es wichtig immer wieder auf die "innere Stimme" zu hoeren, bei anstehenden Entscheidungen. Sie ruft meist gegen jede Vernunft zu andersartigen Wegen auf - und folgt man ihr, so stellt man haeufig fest, dass er der richtige Weg war.

Atem frei

Gerade lese ich etwas von einer Art "Atemtherapie", da faellt mir auf, dass mein Hustenreiz und meine fast immer angeschagenen Bronchien sich schon mehrere Tage nicht mehr gemeldet haben. Mein Spray liegt im Schrank. Ich habe es zuletzt vor mehr als einer Woche benutzt.
Das Klima scheint doch einen guten Einfluss zu haben auf meine Gesundheit. Und das, obwohl gerade hier in Jerusalem die Luftverschmutzung durch das Verkehrsaufkommen erheblich sein duerfte.
Woran das wohl liegt? Ich habe mich schon einmal ueber eine Untersuchung gewundert, in der es hiess, dass Israel eines der Laender ist, wo die Menschen eine sehr hohe Lebenserwartung haben.
Ernaehren sie sich natuerlicher? Kommt mehr Obst und Gemuese auf den Tisch, weil das Angebot enorm und billig ist?
Oder kann die Luft (zumindest in Jerusalem) sich doch an einem Tag der Woche - am Shabbat - so gut erholen, da doch ausser Taxis viel weniger Autos fahren?
Tel Aviv mit seiner hohen Luftfeuchtigkeit ist fuer Bronchienkranke nicht ganz so zu empfehlen, wobei Allergiker wie ich dann doch wieder vom Meeresklima profitieren.
Zurzeit denke ich, ist es das Wuestenklima, wovon wir hier auf dem Berg (800 m hoch) noch einiges mitbekommen.

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Es giesst!

Wie schoen kann das Geraeusch von Regen klingen!!! Es hat mich glatt noch einmal aus dem Bett und vor die Tuer geholt.

Kleiner Abendrundgang im tif tuf

Da habe ich es doch noch geschafft, einen Spaziergang im Tif Tuf hinzubekommen. Aber mal ehrlich - ist es nicht etwas uebertrieben, wenn die Menschen sich bei den ersten Tropfen gleich in einen riesigen Ganzkoerper-regenmantel huellen oder bin ich wieder zu kritisch?
Ich jedenfalls habe es sehr genossen, den frischen Wind und die klare Luft zu geniessen. Und auch wenn es nur "tif tuf" war - immerhin tiftuft es gleichmaessig weiter vor sich hin.

Regen - und ich war nicht dabei!

So ein Pech! Da scheint es geregnet zu haben, und ich habe nichts mitbekommen. Beim Muell rausbringen habe ich entdeckt, dass mein Vorgarten und die Strasse nass sind, und das nicht zu knapp, also auf jeden Fall mehr als "Tif tuf".
Die Luft riecht nach Regen.
Schade, ich haette es gern am "eigenen Leib" mitbekommen und mir gern eine Dusche gefallen lassen.

Meine Lektuere und Sharon


















Am besten lernt man Sprachen mit viel Spass und durch Kinderbuecher. So habe ich mir gestern die "Harpatkaot dod Arie baDschungel haSibiri" zugelegt. ( Die Abenteuer von Onkel Arie im sibirischen Dschungel).
Unglaubliche Geschichten von Menschen, die nur in Unterwaesche durch die Strassen laufen usw.
Meine liebste Sharon (ich nenne sie mal so...), die Frau, die ich betreue, hat das Buch schon mit mir angefangen und wir hatten viel Spass. Sie lacht gern und viel.
Ich schaue mit ihr in die Zeitung, lasse mir etwas vorlesen, denn am liebsten liest sie selbst vor.
Wenn ich frage, ob wir am naechsten Tag vielleicht nicht doch einmal vor die Tuer gehen, um irgendwo einen Cafe zu trinken, sagt sie jedes Mal: "Wirklich gern, aber wenn ich taeglich morgens ins Schwimmbad gehe, reicht mir das an Ausgang." Leider stimmt das mit dem schwimmen gehen schon jahrelang nicht mehr.
Demenz ist keine schoene Krankheit, und es ist sehr erschreckend, dass es selbst so intelligente Menschen trifft wie meine Sharon. Ein wenig beruhigen kann ich mich dadurch, dass sie fast immer lacht, und es anscheinend doch nicht mitbekommt, wie es um sie steht.

Tif Tuf

...so nennt man hier beim Wetterbericht den "Nieselregen", der nicht wirklich "Regen" genannt werden kann. Aber mit wie wenig gibt man sich nicht schon zufrieden?
Wir brauchen dringend Regen.
Da es seit Monaten nicht geregnet hat, - auch seit ich hier bin war es nur an einigen wenigen Tagen 25 Grad warm, ansonsten eher an die 30 Grad, - lechzt alles nach ein wenig Nass von oben, auch ich.
Heute gab es ein paar dicke Wolken, am Vormittag und richtigen Wind, anschliessend fuer ca. 10 Minuten Regen. Also eher tif tuf.
Aber immerhin waren alle auf der Strasse ganz aus dem Haeuschen vor Freude. Am Wochenende soll die Chance auf Regen ganz erheblich steigen, hier in Jerusalem. Und es soll sich auch "unglaublich" abkuehlen", auf ganze 23 - 25 Grad.
Wir werden sehen....

Schlafsofa

Ich habe mir gestern ein Bettsofa bestellt, da es doch ueberhaupt nicht spassig ist, auf einem Klappbett zu schlafen. Obwohl meine nette Vermieterin mir schon eine zweite Matratze gab, ist es doch weit entfernt von jeglichem beqemen Liegen, ganz zu schweigen von "Schlafkomfort". Daher war ich in Talpiot, und habe ein Schlafsofa bestellt. In Dunkelrot, da ich finde, dass meinem Zimmer ein Farbakzent gut tun wuerde. Ich will nicht schon wieder Waende bemalen - was sonst meine Art ist - die ich dann beim Auszug wieder muehevoll weiss streichen muss, aber dafuer muss ich fuer ein wenig "Waerme" in Form von farblichen "Hinguckern" sorgen.
Im Laufe der Zeit werde ich meine weissen Gardinen auch gegen farbige Seitenvorhaenge austauschen. Aber das ist Luxus und hat Zeit.
Schlafen hingegen muss ich einigermassen, sonst wird mein Tag noch muehevoller.
Ich hoffe nur, dass die Leute, die mir die Couch liefern, auch durch meine enge Eingangstuer kommen und anschliessend die Kurve zum "Wohn-schlafraum" kriegen.

Zeruya Shalev

Ich habe Zeruya Shalev gesehen. Sie ist am Eingang einer "Ess-bude" so nahe an mir vorbei gegangen, dass ich sie haette beruehren koennen.
Ich stand gerade mit jemandem im Gepraech an der Treppe zum Eingang, als sie die Strasse herunter kam. Sehr zerbrechlich duenn, die frueher sehr langen Haare bis zur Schulter geschnitten. Und sie laechelte, als ich sie ansah und "shalom" stammelte. Im ersten Augenblick dachte ich : wir kennen uns, und so muss ich auch geschaut haben. Aber ich "kannte" sie halt nur aus dem Fernsehen.
Mein Gegenueber sagte: "Das ist eine israelische Schriftstellerin, sie wohnt hier in Rechavia." Ich sagte : " Ich weiss. Ich kenne sie.... aehhhh, natuerlich nicht persoenlich. "
Wer etwas ueber Zaruya Shalev wissen moechte, HIER gibt es etwas zu lesen. Ihr beruehmtestes Buch ist wohl "Liebesleben", was auch in Deutschland erschienen ist.

Erste Post!

Gestern hatte ich meine erste Post im Briefkasten. Richtige Post!
Eine erste Karte einer meiner Toechter (der schreibfreudigeren) und eine "Autorenausgabe" der monatlich erscheinenden Juedischen Zeitung, fuer die ich ab November eine Kolumne schreibe, wahrscheinlich mit dem Titel "Noas Alyia-tagebuch". Man hatte mir versprochen, die Zeitung nach Israel zu schicken.
Auf die Novemberausgabe bin ich nun sehr gespannt.
So ausfuehrlich, wie hier im Blog werden die Artikel dort aber nicht sein. Ich bin doch sehr beschraenkt in meinem Platz.

Konvertiten in Israel

Gab es neulich erst ein Statement unter den Kommentaren meiner Artikel mit der Behauptung, ausgerechnet deutsche Konvertiten koennten eigentlich in Israel nur unerwuenscht sein?
Dazu ist mir etwas sehr Interessantes aufgefallen in den letzten Tagen. Einmal erwaehnt, dass man Konvertit ist, kommen ploetzlich andere Konversionsgeschichten auf den Tisch.
Beispielsweise am letzten Shabbat, als ich zum Essen bei Freunden eingeladen war, sass eine Frau mit am Tisch, die, nachdem sie hoerte, dass ich uebergetreten war, sagte, sie sei zwar in Israel geboren, ihre Mutter sei jedoch Konvertitin.
So auch in der Gemeinde, wo es nicht wenige Konvertiten oder aber Nachkommen von Konvertiten geben soll.
Ich habe das Gefuehl, man spricht nicht darueber, wenn aber jemand offen damit umgeht, trauen sich auch andere, darueber zu reden, wie es mit vielen Tabuthemen so ist.

Bankgeschaefte

Ich hatte einen Freund gebeten, mir einen Teil meines Ersparten erst zu ueberweisen, wenn ich ein Konto in Israel eroeffnet habe. Mit soviel Bargeld wollte ich doch nicht im Flugzeug sitzen.
Nun bekam ich dieses Geld ueberwiesen. Der freundliche Mitarbeiter der Bank rief mich an, teilte mir mit, dass eine gewisse Summe auf meinem Konto eingegangen war, und wollte erst einmal wissen, wer denn Mr. XY sei. ( Das habe ich noch nie erlebt, dass ich gefragt werde wer mir Geld ueberweist. Ist es die Sorge dass es Schwarzgeld sein koennte?)
Dann teilte er mir mit, dass das Geld nun in Euro auf meinem Konto sei, und wenn ich es in Shekel verfuegbar haben moechte, ich persoenlich einen Auftrag fuer den Wechsel bei der Bank unterschreiben muss. Erst ein paar Tage spaeter ist das Geld dann fuer mich verfuegbar, in Shekel.
Die Abkuerzung fuer Shekel ist uebrigens NIS (=neuer israelischer Shekel).
Auf hebraeisch Shekel chadash ש"ח

Misrad haKlita - Eingliederungsbehoerde

Den Termin beim sogenannten "Eingliederungsbuero" haette ich mir sparen koennen. Mehr als eine Woche musste ich auf den Termin warten. Ich hatte das Gefuehl, der (diesmal wirklich freundliche ) Mitarbeiter hatte nicht so ganz viel Ahnung. Das wichtigste fuer die Einwanderungsbehoerde scheint zu sein, dass man ein Konto hat, worauf die Zahlungen ueberwiesen werden koennen.
Es wurde mir ein Zettel ausgehaendigt, worauf steht, wann welche Zahlungen in welcher Hoehe auf dem Konto sein muessen. Falls das mal nicht der Fall sein sollte, muss man die Mitarbeiter informieren, wahrscheinlich auch nur nach Terminvergabe. Ein weiterer Zettel gibt an, welche Schritte gemacht werden muessen. (Dann haette ehrlich gesagt auch der Zettel gereicht, den man mir schon am Flughafen haette geben koennen).
Auf meine Fragen hatte er keine Antwort. Welchen Ulpan (Sprachkurs) ich denn nun besuchen soll, wusste er auch nicht genau und schickte mich in dieser Angelegenheit zu einer Kollegin, die mir einen Termin in einer Stunde geben konnte (immerhin!).
Fuer mich war diese Stunde, da es mir gar nicht gut ging gestern, dennoch zu lange.
Meine Bitte um Hilfe beim Gang zum Innenministerium (denn dort gehe ich auf keinen Fall mehr ohne Begleitung hin) hat er abgelehnt.
Ich habe ein Schriftstueck unterschrieben, in Gegenwart des israelischen Botschafters in Berlin, worin ich die israelische Staatsangehoerigkeit erstmal ablehne. Das resultierte daraus, dass Deutschland mir im Falle der Annahme der israelischen Staatsangehoerigkeit meine deutsche wegnehmen wollte.
Die Strategie, die mir von der Jewish Agency vorgeschlagen wurde war nun erst einmal die israelische Staatsbuergerschaft abzulehnen, als Permanent resident hier zu sein, dann nach ein paar Monaten in der Deutschen Botschaft die Beibehaltung zu beantragen und wenn das gelingt, die israelische anzunehmen.
Damit das Leben nicht langweilig wird, gibt es an manchen Strassenecken Huerden, die man nehmen muss, aehnlich eines Strategiespieles. Manche finden es lustig, manche nicht.

Wahrscheinlich haette ich in diesen anstrengenden ersten Wochen nicht Blut spenden sollen, oder zumindest danach sofort nach Hause gehen sollen, um mich auszuruhen, denn nach der Blutspenderei ging es mir Stunde um Stunde schlechter. Ich hatte Gliederschmerzen und das Gefuehl einer nahenden Grippe.
G-tt sei dank haben mir dann ein paar Tabletten "Akamol" ( so was wie Paracetamol) ueber den Tag verteilt und ein paar Stunden Schlaf bis zum nachmittag geholfen.

Dienstag, 27. Oktober 2009

Telefon und Fernseher

Das Telefon steht kaum still. Soviele Anrufe, wie ich hier bekomme am Tag, habe ich in einer Woche nicht in Deutschland erhalten.
Menschen, die sich mit mir verabreden, andere, die mir Arbeitsangebote uebermitteln, Shabbateinladungen, und Menschen aus Deutschland, die mit mir sprechen wollen.
Heute habe ich in einem Geschaeft nach Fernsehgeraeten geschaut. Ein wenig fehlt es mir doch, und das nicht ausschliesslich zur Zerstreuung. Durch das Fernsehen kann man sehr viel von der Sprache lernen, sei es durch die Nachrichtensendungen, oder durch das Unterhaltungsprogramm, wo wieder eine ganz andere Sprache vorherrscht.
Ich werde mich umhoeren nach einem Paketpreis mit einem Festnetzanschluss, damit man mich aus Deutschland ueber eine Vorvorwahl guenstiger erreichen kann als jetzt. Auch scheint es Anbieter zu geben, bei denen ich in ein Land meiner Wahl zu Sonderkonditionen telefonieren kann.

Magen David Adom - Blutspende

Nach der Arbeit kam ich heute am Blutspende-mobil von "Magen David Adom" vorbei, eine israelische Entsprechung des Deutschen Roten Kreuzes. ( dem christlichen "Kreuz" entspricht ja der israelische Magen David = Davidstern und adom heisst rot).
Ich habe es als Aufforderung gesehen, fuer meine israelischen Mitbuerger die verletzt sind, und dringend Blut benoetigen, zu spenden
Im Blutspendemobil habe ich den Sanitaeter gefragt ob viele Menschen kommen, um Blut zu spenden. Er sagte :"Ja, es kommen tatsaechlich viele, aber immer noch nicht genug, um den Bedarf zu decken, er in Israel bei 1200 Konserven pro Tag (!!) liegt.
Ein israelischer Freund hat mich danach telefonisch aufgeklaert, dass ich dennoch einen Fehler gemacht habe. Es gibt anscheinend eine Bituach Dam (eine Art Blutversicherung), die jedem der Blut spendet, mindestens ein Jahr garantiert, selber Blut zu erhalten. Hat man diese "Versicherung" nicht, so bekommt man dennoch im Notfall Blut, muss es aber im Nachhinein entweder bezahlen, oder bei 3 Konserven auch 3 Freunde bitten, zu kommen, um Blut zu spenden fuer das erhaltene Blut.
Das hoert sich solidarisch an und beim naechsten Mal werde ich darauf achten.
Erst einmal aber spuere ich, dass es doch ein wenig anstrengender ist, hier in Israel zu spenden, als in Deutschland. Die Luft ist schwuel und ich bin sicher noch lange nicht richtig akklimatisiert. Daher war ich ein wenig wackelig auf den Beinen und bin nun zu Hause, um mich auszuruhen und zu staerken mit einem kleinen Imbiss.
Ich moechte hiermit noch einmal alle erinnern, dass es sehr wichtig ist, Blut zu spenden. Irgendwann kann jeder von uns in die Lage kommen, Blut zu benoetigen. Also - bitte fleissig Blut spenden, natuerlich nur derjenige, der ganz gesund ist.

Montag, 26. Oktober 2009

Muede und erschoepft

Ich bin vom Tag so muede, dass ich im Stehen einschlafen koennte. Daher werde ich heute nicht mehr vor die Tuer gehen, es wird noch viele Vortraege geben, die ich besuchen kann.
Die aeltere Dame war wirklich niedlich. Dennoch ist es eine eigene Art von Anstrengung, wenn man nach 4 Saetzen wieder beim ersten ist mit genau derselben Intensitaet gesagt, mit exakt derselben Intonation wiederholt.
Am besten ist es, man laesst sich moeglichst oft neue Themen einfallen, auf die sie dann aufspringen kann. Sie verbessert mein hebraeisch, das ist wunderbar und sie kann laut und droehnend lachen.
Was ich gerne wuesste, ist, wie die Phillippininnen es durchhalten, 24 Stunden am Tag aeltere Menschen zu betreuen. In den meisten Faellen wohnen sie in derselben Wohnung und haben in der Regel nur einen Tag frei. Da die meisten Christen sind, ist es der Sonntag.
Aber wie schaffen sie es, sich eine private Nische zu schaffen, ins Cafe zu gehen oder durch die Strassen zu schlendern? Ich fuerchte, gar nicht, denn die meisten Menschen, die betreut werden, duerfen nicht allein gelassen werden.

Meine Vermieterin hat mich heute gebeten, doch auf keinen Fall auf Zehenspitzen durch die Wohnung zu laufen. Sie hoere mich gar nicht und fuerchtet, ich habe Angst zu laut zu sein.
Dem ist nicht so, ich habe sogar schon das Radio lauter gedreht oder mitgesungen.
In Deutschland ist mir das noch nie passiert, dass mich ein Vemieter auffordert, doch getrost etwas lauter zu sein.

Heute morgen, bei der Jobberatung habe ich einen Sprachtest absolviert.
Mit dem gesprochenen Hebraeisch war die Sachbearbeiterin zufrieden, das geschriebene und gelesene Wort sollte im Test geprueft werden.
Es ging auf der ersten Seite um einen Text, der beschrieb, warum es immer mehr "Heim"arbeit, Arbeit von zuhause aus gibt. Es wurden die Vorteile beschrieben, wie weniger Bueros, sauberere Luft, da viele nicht mehr zur Arbeit pendeln muessen und mehr Zeit fuer die Familie.
Auf der zweiten Seite mussten Fragen zum Text beantwortet werden. Der dritte Teil bestand aus Verben, die in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zugeordnet werden mussten und im vierten Teil gab es zwei Themen zur Auswahl, ueber die man sich in etwa zehn Saetzen auslassen konnte.
Ich habe das Thema "Welche Schwierigkeiten koennen Neueinwanderer in Israel erwarten?" gewaehlt, da mir dazu nun wirklich einiges einfiel.
Nachdem der Test ausgewertet ist, wird man entscheiden, ob ich an einem Ulpan (Sprachkurs) fuer medizinisches Vokabular teilnehmen darf.
Es ist naemlich gerade erst ein paar Tage her, dass entschieden wurde, dass nicht nur Krankenschwestern und Aerzte, sondern auch SozialarbeiterInnen zu diesem Kurs zugelassen werden.

Ein neuer Tag

...ein neuer Tag ist uns geschenkt und ich bin gespannt auf ihn. Heute um 10 Uhr habe ich einen Termin bei der Arbeitsberatung, um 4 Uhr werde ich die alte Dame aufsuchen fuer zwei Stunden.
Am Abend dann ist ein Vortrag eines Rabbiners hier in der Naehe zur philosophischen oder spirituellen Bedeutung der Kashrutgesetze.

Sonntag, 25. Oktober 2009

Bankkonto und Miete

Da war ich schon froh, dass ich es geschafft habe, beim Online-banking mein Passwort zu aendern und Zugang zu finden, um meinen Kontostand abzufragen, doch heute war ich dann etwas ueberfordert, denn ich wollte mit meiner Geldkarte, die ich heute abholen konnte, am Automaten den Kontostand abfragen. Das war doch etwas zu viel fuer mich, zuviele neue Worte auf einmal. Was mir gelang, war Geld abzuheben. Immerhin etwas.
Gleichzeitig bekam ich die bestellten Schecks ausgehaendigt. Diese benoetige ich fuer die Miete.
Hier in Israel zahlt man seine Miete in den meisten Faellen wie folgt: Man haendigt dem Vermieter einmal 12 Schecks aus, vordatiert fuer das ganze Jahr, die er dann Monat fuer Monat einloest.
Das gibt es, nach meinen Kenntnissen in Deutschland nicht, ganz abgesehen davon, dass viele Banken gar nicht mehr mit Schecks arbeiten.
Eine andere Besonderheit ist die Waehrung. Ein Freund wird mir beispielsweise meine Ersparnisse in Euro hierher ueberweisen. Sie werden dann auf meinem Konto auch in Euro verbleiben, bis ich mich entscheide, sie in Shekel einzuwechseln. In Deutschland kenne ich es nur so, dass jede Waehrung direkt nach der Ueberweisung eingewechselt wird und in Euro auf dem Konto liegt.

Ganz viel Neues

Irgendwie scheint "Motzei Shabbat" (das ist die Zeit nach Shabbat, Shabbatausgang... hier ca. ab kurz vor 18h zurzeit) eine besonders von Glueck und Erfolg gekroente Zeit fuer mich zu sein.
Am ersten Motzei Shabbat habe ich meine Mini-wohnung, mein kleines Reich gefunden und an diesem rief mich eine Frau aus dem Altenheim an, die gehoert hatte, dass ich Arbeit suche.
Sie gab mir die Telefonnummer einer Frau, die fuer ihre Mutter eine "Gesellschaft" sucht, keine Pflege, keine koerperliche Arbeit, sondern eine Art geistige Anregung.
Heute nachmittag war ich zunaechst bei der Tochter, die mir sofort symphatisch war. (ich ihr wohl auch, so sagte sie mir spaeter)
Wir sassen zusammen, ich erzaehlte ihr etwas von mir und sie mir von ihrem Leben und ihrer Mutter, um die es eigentlich gehen sollte.
Die Mutter sei eine sehr intelligente Frau gewesen, nur leider leide sie an Demenz. Der Vater sei vor kurzem gestorben, weshalb sie noch mehr durcheinander sei, staendig frage sie nach ihm, wo er sei, wann er wiederkomme, etc.
Sie koenne sich komplett selbst pflegen, waschen anziehen, vergesse nur manchmal, ob sie sich nun schon gewaschen habe oder nicht.
Eine Philippinin wohnt bei ihr 24 Stunden rund um die Uhr, damit sie nicht allein ist. Zusaetzlich moechte die Tochter nun zwei Frauen einstellen, die die Mutter stundenweise anregen, mit ihr spazieren gehen, sie zum Verlassen des Hauses animieren.
Eine davon soll ich sein. Dachte ich zunaechst, es ginge nur um 3-4 Stunden in der Woche, so geht es jetzt um 2 Stunden an 4 Tagen und an einem zusaetzlichen Tag 4 Stunden. Der Freitag und Shabbat sind frei. Das sind 12 Stunden die Woche.
Sie will mir 40 NIS die Stunde geben, was wirklich eine gute Bezahlung ist. (ca. 8 EUR). Zusammen waeren das dann im Monat mehr als 1900 NIS.
Das waere fast meine gesamte Miete, die (ohne Strom und Wasser) 2300 NIS kostet.
Das ist mehr als ich vom heutigen Tag erwartet habe und es befreit mich von einem enormen Druck, gibt mir viel Spielraum, denn ich bin nun nicht mehr gezwungen, mein Leben komplett durch meine Ersparnisse zu finanzieren.
Dennoch werde ich noch Zeit genug haben, mich nach einer "richtigen" Arbeit umzusehen.
Also, wir sind so verblieben, dass ich morgen nachmittag zwischen 4 und 6 anfange, und wenn nichts dazwischen kommt (z.B. dass die Mutter doch noch einwilligt, in eine Art "betreutes Haus" umzuziehen, wovon die Tochter nicht ausgeht) dann steht die Abmachung.
Wir waren zusammen bei der Mutter und ich muss sagen, es kann wirklich eine aeusserst angenehme Arbeit werden. Sie ist fit wie ein Turnschuh und spricht gern. Sie huepft von einer Sprache zur anderen, da sie mit ihrer philippinischen Hilfe nur englisch reden kann, mit mir spricht sie aber hebraeisch, was natuerlich wunderbar fuer mich ist.
Da sie sehr gebildet ist, spricht sie hebraeisch auf hohem Level. Besser kann man es nicht treffen, um sich zu verbessern.
Ein paar Worte spricht sie deutsch. Sie sagt, um 1920 herum kamen viele Menschen aus Deutschland, daher gab es einige Nachbarn, mit denen sie deutsch sprach.
Man habe sie oft gefragt: "Warum kannst du denn deutsch?" Sie habe jedes Mal geantwortet: "Nu, ich stricke doch deutsch!"
Da die meisten Buecher ueber ihr Lieblingshobby, das Stricken, auf deutsch waren, habe sie das lernen muessen.
Also freue ich mich auf die Arbeit und falls es dabei bleibt, bin ich einer grossen Sorge entledigt.
Scheinbar kann meine Umwelt sich haeufig nicht so recht einfach einmal mit mir freuen. So sagte ein guter Freund, er glaube, dass ich euphorisch sei und er befuerchte, dass momentan alles zu glatt laufe, so dass ich spaeter einmal richtig tief fallen werde.
Nun - dazu kann ich nur sagen, dass ich keineswegs Euphorie fuehle, ich freue mich nur einfach, dass ich schrittweise einiges erreicht habe, und das in einer Zeit von weniger als zwei Wochen!
Da darf man sich getrost auch einmal mit mir gemeinsam freuen. (Auch wenn mir bewusst ist, dass das nun jobmaessig nicht das Ziel sein kann)
Ein Gruss an alle, von der euphorischen Frau in der Arrestzelle....

Samstag, 24. Oktober 2009

Menschen und Klischees

An diesem Shabbat war ich wieder reich beschenkt. Und all die Reaktionen aus Deutschland auf meine Alyia und auch meinen Giur, mein bescheidenes Leben zurzeit, lassen mich besonders aufmerksam und bewusst (er-)leben.
Heute morgen in der Synagoge kam eine Frau, die ich hier kennen lernte auf mich zu und zog mich am Arm mit sich:"Ich muss dir unbedingt Channa vorstellen. Sie ist auch im Club der "weisshaarigen Frauen". Und sie hat auch immer Ideen, was Arbeit betrifft."
Channa, eine sehr offene junggebliebene Israelin, ist eine von erstaunlich vielen, die es wie ich leid waren, ihre Haare zu faerben. Sie tragen selbstbewusst ihr graues oder weisses Haar mit modischen Schnitten und sehen einfach nur gut aus.
Ist es in Deutschland ein Spiessrutenlaufen gewesen, so treffe ich hier nur Menschen, die mich fragen, wie ich denn diese "Farbe" hinbekommen habe. Und ich bin froh, durchgehalten zu haben, mich nicht habe ueberreden lassen, die Haare wieder zu faerben.
Und so geht man hier mit mir um. Einfach und natuerlich, Giur hin oder her, das ist kein schweres Thema, sondern eher ein positives. Wie ich es bisher kenne, nickt man oft anerkennend mit dem Kopf, da man selbst niemals eine solche Prozedur auf sich genommen haette.
"G-tt schuetzt die Gerim" (die Uebergetretenen, die "Fremden") las ich heute noch in den Psalmen. Wenn G-tt mich als Konvertitin schuetzt, was kann der Mensch mir anhaben?
Da ich in der letzten Zeit im Blog Kommentare bekam, in denen man sich nicht vorstellen konnte, dass man als deutscher Konvertit ueberhaupt hier gelitten ist, achte ich zurzeit ganz besonders auf die Reaktionen, wenn ich erzaehle, dass ich uebergetreten bin. Ich bin noch nicht sehr lange hier, war aber bereits nach meinem Giur drei Monate in Israel im letzten Jahr. Bislang kann ich mich an keine befremdliche Reaktion erinnern. Ich werde aber aufmerksam weiter beobachten, was passiert und sicher sehr ehrlich mitteilen, sollte ich etwas anderes zu hoeren bekommen.
Ich moechte aber alle, die im Moment so sicher zu wissen scheinen, wen man hier in Israel mag und wen nicht, wen man ablehnt und wer willkommen ist, vorschlagen, sich einmal auf eine Reise hier in den Mittleren Osten einzulassen und offen zu sein fuer das, was passiert und was einem entgegen gebracht wird.
Unter Umstaenden wird er erleben, dass er all seine Klischees und Vorstellungen ueber die Schulter werfen kann.
Wie sagte doch ein guter Freund von mir, den ich auf meiner ersten Reise nach Israel kennen lernte: Israel ist immer anders, als DU es dir vorstellst. In jeder Hinsicht.


Donnerstag, 22. Oktober 2009

Heute gehoert

Strampelt ein Jecke im Wasser am Tel Aviver Strand und ruft: " Haziluuu!" (Hilfeee)
Sagt ein anderer zum dritten: "Nu, Ivrit hat er gelernt. Schwimmen haett er lernen sollen..."

Die "Arrestzelle" oder "bin ich ungerecht?"

Ich habe soeben versucht, mir "objektiv" meine Photos anzuschauen. Und - es stimmt. Alles ist relativ, alles ist aus der Sicht des Betrachters zu werten. Ja, ich gebe zu, mein Zimmerchen, meine Miniwohnung kann wie eine Arrestzelle anmuten. Ich kann niemandem vorwerfen, seine eigene Weise der Betrachtung zu haben, seine Brille der Wahrnehmung auf der Nase zu haben. Das Leben ist selektive Wahrnehmung.
Sie hat mich doch nicht losgelassen, diese Art der Betrachtung. Schaue ich mir meine Photos an, und versuche, mich in jemanden hineinzuversetzen, der in Israel bisher nur touristische Attraktionen besucht hat, deutsche Massstaebe anlegt, wie ein Mensch der ueber 50 ist und der sogenannten Mittelschicht zuzuordnen ist, zu leben hat, dann muss ich gestehen, dass die Bilder tatsaechlich an eine Art von Arrestzelle erinnern koennen. Man muss alles im Kontext sehen, und will man es so beurteilen, wie es ist, muss man hierher kommen, alle Umstaende genau betrachten, meine Lebensumstaende beruecksichtigen, meine finanzielle Lage und auch die Tatsache, dass ich ein neues Leben in einem "fremden" Land begonnen habe. Und waehrend ich diese Worte schreibe merke ich, wie unmoeglich das ist. Niemand kann sich zu hundert Prozent in den anderen hineinversetzen.
Das ist ein Thema, was mich schon lange beschaeftigt, dass es im Endeffekt wirklich niemanden gibt, der einen anderen Menschen ganz "versteht".Man fuehlt sich von den Mitmenschen mehr oder weniger verstanden, und wenn dir ein Mensch begegnet, der dir zunickt und du registrierst, dass er genau weiss, wovon du sprichst, so ist das bereits ein seltener Gluecksfall.
Spinnt man diesen Gedanken aber bis zum Ende, so ist doch jeder Mensch am Ende allein mit seinen Gedanken, Gefuehlen und Empfindungen. Das groesste, was einem passieren kann, ist also eine bestmoegliche Annaeherung.
Ist das bereits fatalistisch oder nur realistisch?

"Shabbat shalom?"

Hier darf ich es sagen, an jeder Ecke, in jeder Strasse, in jedem Geschaeft. "Shabbat shalom", der Gruss, den man sich sagt, wenn man sich vor Shabbat nicht mehr sieht.
Heute ist Donnerstag, das bedeutet, die meisten Menschen haben ihren letzten Arbeitstag der Woche hinter sich. (So, wie in Deutschland der Freitag nachmittag). Die Strassen fuellen sich mit jungen Leuten, die ins Cafe oder Restaurant gehen, alles ist auf den Strassen. Ich lebe endlich mit dem Rhythmus der Stadt, der Umgebung, nicht mehr gegen ihn, wie in Deutschland. Wie wichtig das ist, ist sicher keinem klar, der nie entgegen dem Wochenrhytmus leben musste.
Habe ich in Deutschland den Kollegen am Freitag beim Verlassen des Bueros "shabbat shalom" zugerufen, hat man schmunzelnd geantwortet, ohne zu verstehen, was es wirklich bedeutet.
Hier ist alles (zumindest in dieser Hinsicht) so einfach, so im Einklang mit meiner Seele, dass sich jeder Tag lohnt, an dem ich hier sein darf.
In den Restaurants (in den meisten, wenigstens in Jerusalem) gibt es auf den Toiletten die Gefaesse zum rituellen Haendewaschen, sogar in der Falafelbude ist ein Gefaess, um sich VOR dem Essen von Brot die Haende zu uebergiessen. Am Shabbat wird es ruhig auf Jerusalems Strassen, nur noch die Taxis fahren. Leben im Einklang mit der inneren Einstellung. Es wird einem leicht gemacht, Jude zu sein, kosher einzukaufen und den Shabbat zu halten. Obwohl man nicht verschweigen sollte, dass es viele Menschen gibt, die das auch hier nicht tun. Aber das ist nicht weiter schlimm. Es gibt eine gewisse Toleranz gegenueber der individuellen Observanz des Nachbarn. Und - man muss in dieser sehr multiplen Juedischkeit seinen eigenen Platz finden.

"Zu Hause"

Heute traf ich eine Frau, die ich als Volontaerin vor ein paar Jahren kennen lernte, hier in Jerusalem. Sie ist zurzeit mit einer Freundin hier, dieses Mal als Touristin. Wir haben uns zu dritt in der Gegend wo ich wohne getroffen, und einen Kaffee getrunken. Natuerlich wollten sie auch meine erste Wohnung sehen, und kamen dann mit mir.
Als wir noch im Cafe sassen, fragte mich I. nach einer Telefonnummer und ich sagte, ohne nachzudenken: "Ich schaue gleich mal nach, ich glaube, ich habe sie zu Hause."
"Zu Hause" habe ich gesagt, und ich habe mich fast bei meinen eigenen Worten "erschrocken". Freudig erschrocken, denn mir kamen fast die Traenen. Ja, ich habe hier jetzt ein richtiges zu Hause.
Und - sie werden in ein oder zwei Wochen wieder abfliegen, waehrend ich bleiben darf. Zu Hause!

Was fuer ein Wetter!


















Direkt vor meinem Fenster befindet sich ein kleiner Garten. Das Windspiel, was im Baum haengt, macht nachts, wenn der Wind leicht weht, wunderschoene Toene, die mich zufrieden einschlafen lassen.
Die erste Waesche haengt draussen vor der Tuer auf der Leine und ich bin ganz tief in mir ruhig und froh.

Es ist nicht mehr so heiss wie letzte Woche, "nur noch" 25 Grad in etwa, ein leichter angenehmer Wind weht, so laesst es sich leben. Von mir aus kann es den ganzen Winter so bleiben!

Die ersten 35 Shekel im Land!

Heute mittag habe ich die ersten 35 Shekel (ca. 6-7 EUR) im Land verdient. Mit echter "Arbeit", die eigentlich gar keine war.
Heute morgen hatte ich ein Gespraech mit der Leiterin des "Beit Moses Elternheim" (so werden die Seniorenheime manchmal hier genannt. Elternheim oder Heim der Vaeter "Beit Awot").
Sie konnte mir keine Arbeit anbieten, hat mich aber dem Team vorgestellt, nachdem sie mich gefragt hat, ob ich auch bereit waere, alte Menschen zum Arzt oder zum Krankenhaus zu begleiten.
Und eine Stunde spaeter klingelte das Telefon. Ich war gerade auf dem Weg in die Altstadt, fast an der Kotel (West-oder Klagemauer). Die Sozialarbeiterin des Heimes bat mich, mir ein Taxi zu nehmen und zum Heim zu kommen, jemand muesse zum Shaarei Zedek Hospital begleitet werden.
Ich sprang also ins naechste Taxi, und 15 Minuten spaeter sass ich mit M. , einem sehr angenehmen aelteren Herrn, fast 90 Jahre alt, im Taxi zum Shaarei Zedek. Er hatte einen Termin bei seinem Gastrologen um einige Dinge mit ihm zu besprechen, Medikation, eventuelle Untersuchungen usw.
So habe ich fuer meinen Lohn sogar noch eine Menge gelernt, bin mit netter Begleitung durch Jerusalem gefahren worden, habe beim Arztgespraech dabei sein duerfen und war beeindruckt von der geistigen Leistung des aelteren Mannes. Lediglich koerperlich war er so eingeschraenkt, dass es besser war, ihn zu begleiten, ihm zu helfen, ins Auto zu steigen, und ein wenig darauf zu achten, wohin wir uns wenden muessen, da sein Augenlicht nicht ganz so gut war, die Schilder im Krankenhaus zu lesen.
Es war wirklich eine angenehme Stunde, und eigentlich haette ich sie bezahlen muessen.

Paprika, Tomaten, Zwiebeln, Gurken und "Cottage"

....und eine grosse Tasse Kaffee. So sieht mein Fruehstueck in Israel immer aus. Warum, weiss ich nicht, aber wenn ich in Israel bin, esse ich weniger Brot. (Ausser am Shabbes). Obst und Gemuese sind einfach auch unvergleichlich frisch und schmecken anders als in Deutschland, aromatischer. Und Zwiebeln? In Deutschland wuerde mir nicht in den Sinn kommen, eine halbe (!) Zwiebel mit auf diesen "Salat" zu schneiden, sie schmecken einfach nur scharf und sonst nach nichts. Hier sind sie milder und einfach nur koestlich.
Cottage ist das, was man in Deutschland Huettenkaese nennt. Ich habe noch keinen gefunden, der so weich und cremig ist wie in Israel.
Herrlich ! Noch ein Schluck Kaffee und auf geht es in den Tag! Die Sonne scheint schon.

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Arrestzelle?

So verschieden kann man die Dinge erleben. Da schwaerme ich gerade von meiner sehr einfachen Mini-wohnung und bekomme nun eine Rueckmeldung auf die Photos, die ich an Bekannte verschickt habe. "Die Zimmer haben etwas von einer Arrestzelle...." wurde mir gerade geschrieben.
Was soll ich dazu sagen? Was fuer den einen ein Himmelreich ist, tritt der andere mit Fuessen. Oder liegt es daran dass ich hier in Israel erstmal mit so unglaublich wenig (nach deutschen Massstaeben!!) zufrieden bin, um ueberhaupt hier sein zu duerfen?
Aber ich bin gar nicht mit wenig zufrieden, da ich auf einer anderen Ebene so schrecklich viel bekomme. In jeder Minute.
Ein bisschen beleidigt bin ich schon, wegen des Vergleichs, aber derselbe Mensch hat das Tote Meer auch mit dem "Freizeitbad Wischlingen" in unserer Stadt in Deutschland verglichen.
Was soll man also erwarten?

Vermieter und Nachbarn - eine wichtige Beigabe

Der Kuehlschrank ist heute morgen erst geliefert worden. Gerade habe ich die ersten Lebensmittel dort deponiert. Was fuer ein erhebendes Gefuehl, solch banale Dinge wie den ersten Kuehschrank, einen Handfeger, Wasserkocher, Schwammtuecher, Spuelmittel und Seife zu kaufen.
Meine Vermieterin sagte heute, nachdem ich ihr noch die Kopie meiner Teudat Sehut (Ausweis) hereingereicht habe: "Nun bist du so etwas wie meine Familie! Du bist geschieden, ich bin geschieden, zoegere nicht falls du irgend etwas brauchst, mich anzusprechen! Ich habe dich sofort gemocht!"
Schluck. Ich haette sie fast umarmt. So ist das (manchmal) hier. Sie hat in ihrer Wohnung sehr aesthetische Figuren aus Stein, selbstgemacht. Ich bin beeindruckt, wie man so etwas Schoenes mit seinen eigenen Haenden herstellen kann. Sie sagt, Aesthetik spielt fuer sie eine grosse Rolle.
Es ist auch wichtig, und fast Luxus geworden, in einer Umgebung zu wohnen, wo das Level der Unterhaltungen bereichernd sein kann. Auch sprachlich ist sie eine Bereicherung, weshalb ich so dankbar bin, da ich nicht gerade in einer Position bin, die mir erlaubt, auf solche schoenen Nebensaechlichkeiten zu achten. Umso schoener. Es gibt auch Umgebungen hier in Jerusalem, die so gar nicht dazu geeignet sind, einem ein schoenes Umfeld zu bieten.
Wieviel Glueck ich hatte mit dieser Wohnung. Lieber nur ein Zimmer, dafuer in einer hellen freundlichen Umgebung mit netten Menschen, als eine grosse Wohnung inmitten des Chaos.
Sicher weiss man am Anfang nie, wie sich das Verhaeltnis gestaltet, und schon so mancher Vermieter hat sich spaeter "entpuppt", daran moechte ich aber im Moment nicht denken und ich hoffe sehr, dass es so bleibt.
Auch die Nachbarn kenne ich schon. Heute morgen haben wir uns freundlich begruesst, ein paar Worte gewechselt und sind unserer Wege gegangen.
So koennte es gern weitergehen.



Dienstag, 20. Oktober 2009

Klappbett und Kuehlschrank


















Heute morgen hat mich Batya, eine Frau, die ich letztes Jahr kennengelernt habe, die bereits 3 Jahre hier wohnt, nach Talpiot mitgenommen. Dort gibt es Unmengen an Moebelgeschaeften. Ich habe mich auf die Suche nach einer Schlafmoeglichkeit gemacht, und wollte moeglichst wenig Geld ausgeben. Fuendig wurde ich bei einem netten aelteren Mann, der Betten und Bettcouchen verkauft. Es gab ein Klappbett, auf Rollen, das sich sehr gut zusammenfalten laesst. Spaeter kann ich dies dann mal als Gaestebett benutzen, wenn ich mehr Geld haben sollte, um mir eine Bettcouch zu leisten.
Das Klappbett kostete ca. 120 EUR umgerechnet. Einen Wasserkocher habe ich nun auch und von Batya Besteck, Tassen und Teller fuer den Anfang bekommen.
Nachmittags war ich dann auf Kuehlschranksuche und bin fuendig geworden. Auch fuer 110 EUR etwa habe ich einen relativ kleinen bekommen. Schliesslich habe ich sehr sehr wenig Platz.
Ein Kuehlschrank aber ist unbedingt noetig, denn es ist immer noch sehr heiss. Alles muss in den Kuehlschrank, anderenfalls ist es sofort verdorben.
Auf eine Kochplatte hingegen kann ich noch verzichten, da ich sowieso meist Salate esse mit Hummus oder Tchina. Ein bisschen Lachs dazu, Brot, das reicht.
Morgen frueh wird der Kuehlschrank geliefert und heute ist die erste Nacht in meiner eigenen Wohnung.
Der Verkaeufer des Klappbettes war uebrigens sehr freundlich. Er sprach mit dem Auslieferer und hat ihn noch einmal runter gehandelt. " Hier stehen zwei Neueinwanderer, da koennen wir nicht soviel nehmen. Die haben doch nichts!" Meinte er. Und als der Mann am Ende der anderen Leitung nicht so recht wollte, fuegte er hinzu: "Nein, nein, also eine Mitzwa am Morgen muss doch sein!!"
Nachdem er aufgelegt hatte, lief er in die andere Abteilung mit den Worten: "Und jetzt schenke ich dir noch ein Kissen!"
Und - was glaubt ihr, was ich ausgerechnet noch brauche? Ein Kissen. Denn Bettdecken habe ich von Deutschland mitgenommen.
Morgen, nachdem ich den Kuehlschrank bekomme, geht es ganz gezielt auf Arbeitssuche.

Montag, 19. Oktober 2009

Vortrag im Shalom Hartmann Institut

Heute abend hat Rabbi Hartmann im Shalom Hartmann Institut einen Vortrag gehalten ueber Traditionen und die moderne Welt.
Wie in seinem kurzen Wort zum Wochenabschnitt am Shabbat ging es wieder darum, dass seiner Meinung nach die Gebote nicht die Spiritualitaet verdraengen duerfen.
"Machen wir uns Gedanken ueber unsere juedische Identitaet!" sagte er, "aber was ich sehe, ist, dass man sich Gedanken ueber einen Shabbataufzug macht."
Jude sein, darueber habe er sich all die Jahre viele Gedanken gemacht und ein Erlebnis habe ihn am Verstand der Menschen zweifeln lassen, die zu bestimmen haben, wer denn nun Jude ist, und wer nicht.
Ein guter Freund hatte sein Leben im Yom Kippur Krieg verloren. Er habe keine halachisch ordentlichen Papiere gehabt und nun machte man sich Gedanken, wo man ihn denn begraben koenne.
Das sei so unvorstellbar fuer ihn gewesen, dass ein Mensch, der sein Leben fuer sein Volk gegeben hatte, zwar als vollwertiger juedischer Soldat akzeptiert wurde, nachdem er sein Leben gelassen hatte, jedoch diskutiert wurde, ob man ihn als Juden anerkennen und auf einem juedischen Friedhof begraben duerfe.
Seiner Meinung nach, so der Rabbiner, solle jeder Jude sein, der sagt: Ich moechte zu diesem Volk gehoeren, ich fuehle mich verbunden und ich wuerde mein Leben geben, um diesem Volk beizustehen.
Daher seien auch fuer ihn die wahren Saekularen diejenigen, die sich "frumm" nennen die den Staat Israel ablehnen und sich aus der Verantwortung ziehen, wenn es um Israels Verteidung geht. Sie wollen in Sicherheit leben, auf Kosten der anderen, die bis zum Ende zu ihrem Volk stehen, so die Meinung des Rabbiners.
Es sei ein so tiefes juedisches Empfinden, sich mit dem Volk verbunden zu fuehlen, dass er einmal jemandem der von sich behauptet hat, saekular zu leben, gesagt hat: "Nein, du bist nicht saekular. Du bist ein Jude, mit Haut und Haaren. Du hast in allen Kriegen mitgekaempft und dein Leben fuer dein Volk, deine Familie eingesetzt. Das ist tiefgehende juedische Identitaet."
Es sei wunderbar, alle Mizwot zu beachten, und er habe wirklich Achtung davor, wenn Menschen dies tun, aber sich mechanisch an alle Regeln zu halten, mache noch keinen Juden.
Gab es fuer Awraham eine Halacha? Ernaehrte er sich kosher? Findet man im gesamten Buch Bereshit (1. Buch Moses) Halacha, Gebote?
Nein, das Buch Bereshit ist das Buch, was uns auf die Schoepfung schauen laesst. Es laesst uns jeden Mitmenschen als Seele, die von G-tt geschaffen wurde, sehen. Daher bekommen wir dadurch einen voellig anderen respektvollen Blick auf jeden Mitmenschen, auf uns selbst und auf die gesamte Schoepfung.

"Sie sind Touristin!"

"Haben Sie nun alles? Dann schauen wir mal. Ihre Geburtsurkunde ist nicht uebersetzt? Das geht nicht! Sie muessen zur Jewish Agency, es uebersetzen lassen."
"Die Jewish Agency in Berlin hat mir davon nichts gesagt. Ausserdem hatte ich all diese Papiere bereits eingereicht, sie wurden nach Israel geschickt, und akzeptiert. Warum dann jetzt noch einmal?"
"Das interessiert uns nicht. Hier wird das nochmal geprueft. Wo ist ihre Giur-Bestaetigung?"
"Hier."
"Was ist das denn? Sie haben den Giur noch kein Jahr?"
"Doch, sogar ueber ein Jahr.Im Mai letzten Jahres habe ich ihn gemacht."
"Nein, sie haben den Giur noch kein Jahr. Also koennen sie nicht in dieser Abteilung ihre Teudat Sehut(Personalausweis) beantragen."
"Einen Moment, schauen Sie bitte hier. Hier steht es, dass ich am ..." ich werde unterbrochen:"Nein, sie haben den Giur noch kein Jahr. Warum regen Sie sich auf? Sie muessen doch nur in eine andere Abteilung..."
"Weil es nicht stimmt. Schauen Sie bitte nochmal hier..."
Sie packt mich am Arm, schaut NICHT hin und bringt mich in die Abteilung, wo ich ihrer Meinung nach hingehoere.

Dort: "Wo sind denn Ihre Papiere von der Einwanderungsbehoerde?"
"Hier sind Sie. "
"Und die anderen?" "Welche anderen?" "Den Antrag, den Sie in Deutschland gestellt haben um Aliya (Einwanderung nach Israel) zu machen."
"Wieso der Antrag? Ich habe doch die Genehmigung. Anderenfalls waere ich doch nicht als Olah Chadasha hier. (Neueinwanderin)"
"Sie sind keine Olah Chadasha. Sie sind Touristin. Sie beantragen nur die Teudat Sehut."
Wie bitte? Ich bin Touristin?Und warum habe ich dann wohl eine Teudat Oleh (Einwandererausweis!!!) und bereits eine Teudat Sehut Nummer zugeteilt bekommen? Bekommt das etwa jeder Tourist?

"Sie haben die B4 Bestaetigung nicht. Wie lange hat ueberhaupt ihr Giurprozess gedauert?"
"2 1/2 Jahre, aber Madame, ich habe diese B4 Bestaetigung doch in meinem deutschen Reisepass. Schauen Sie hier..."
"Ach, o.k. das habe ich nicht gesehen. Gut, dann bekommen Sie jetzt einen Termin von mir fuer den..." "Bitte, hoeren Sie, ich kann zurzeit kein Bankkonto eroeffnen, ohne die Teudat Sehut, da ich aber vom Misrad Klita (Einwanderungsbehoerde) angehalten werde, die moeglichst schnell zu tun, damit die Zahlungen auf dieses Konto kommen, drehe ich mich im Kreis und kann so gut wie nichts tun."
"Ich frage eine Kollegin, ob sie Sie heute annimmt..."

Nach dem Telefonat, wurde ich in ein anderes Zimmer verwiesen, dort muesse ich aber eine Wartezeit in Kauf nehmen.
Nichts lieber als das, nur nicht wieder weg geschickt werden.

Bei Dame Nr. 3 an diesem Tag fuer ein und dieselbe Angelegenheit, geht es weiter. Wieder werden meine Geburtsurkunde, die immer noch nicht uebersetzt ist, beanstandet, und es wird entdeckt, dass das Scheidungsurteil ebenfalls auf deutsch vorliegt.
Ein paar Minuten spaeter, steht fest, dass man ja die Geburtsurkunde doch irgendwie entziffern kann, den Namen meiner Mutter und meines Vaters auch lesen kann. Also wird das zaehneknirschend angenommen.
Aber das Scheidungsurteil, das muesse ich noch einreichen. G-tt sei dank stellt sie mir VORHER die Teudat Sehut, das ersehnte Stueck Papier aus, was mich nun befaehigt, alle weiteren Schritte zu tun.
Es wird geschrien, nicht richtig zugehoert, man wird absolut unfreundlich behandelt, mit ein paar Ausnahmen.
Geht man so mit Neueinwanderern um?

Danach scheint alles wie ein Vergnuegen. Der Gang zur Krankenkasse ist schoen, die Menschen dort freundlich, der Kloss im Magen ist weg. Jemand strahlt mich an und wuenscht mir "Herzlich willkommen im Land!"
Endlich befindet sich auch die Karte der Krankenkasse in meinem Geldbeutel. Nun noch zur Bank ein Konto eroeffnen. Der Securitymann und die Dame hinter dem Schalter kennen mich schon und freuen sich, dass ich die Teudat Sehut in den Haenden halte. Man ist freundlich und fuellt mit mir etwa hundert Blatt aus, ich muss meine neue Unterschrift - mit neuem Vornamen und erstmals von rechts nach links geschrieben - so oft zu Papier bringen, dass ich sie nun koennen duerfte.
Jetzt faengt es an, Spass zu machen. Ich hoffe, erst einmal lange Zeit nichts mehr mit dem Ministerium fuer Inneres zu tun haben zu muessen, falls doch, werde ich mir Verstaerkung mitnehmen. Denn, wie die Israelis es schaffen, jeden zu unterbrechen, der sie gerade ebenfalls unterbrochen hat, das habe ich noch nicht drauf. Kommt noch!

Der schoene Teil des Tages war meine neue eigene Wohnung zu putzen, obwohl es eigentlich gar nicht noetig war. Es haengen nun schon ein paar Dekos am Fenster und morgen werde ich 2 Blumen fuer die Fensterbank kaufen.
Juchhuuu, ich schlage Wurzeln.

Sonntag, 18. Oktober 2009

Sehr muede! - das "deutsche Tempo"

Ich bin sehr muede von der ganzen Rennerei.
Bisher habe ich mein "deutsches Tempo" beibehalten, was ich unbedingt aufgeben muss, anderenfalls werde ich das nicht mehr lange durchhalten koennen.
Ich muss nun dringend ins Bett, bin total erschoepft, aber gluecklich, hier zu sein.

Gesetze ermorden die Spiritualitaet

...so lautete der Anfang des Vortrages eines Rabbiners in der Gemeinde am Shabbat. Sollte die Spiritualitaet zugunsten der "Gesetze" aufgegeben werden, oder in den Hintergrund ruecken?
In seinem Vortrag erklaerte der Rabbiner, dass man einem Menschen, der zum Judentum uebertreten will, gewiss nicht gleich am Anfang beibringt, was er nicht tun soll, oder was erlaubt ist, zu tun.
Am Anfang steht "Bereshit", unser Wochenabschnitt von letzter Woche. Die ersten Worte der Tora. "Am Anfang schuf G-tt den Himmel und die Erde...."
Er schuf auch den Menschen. Und wenn es uns gelingt, dem Uebertrittswilligen klar zu machen, dass G-tt JEDEN Menschen, jedes Geschoepf schuf, dann wird sich seine Sichtweise veraendern. Er wird erkennen, dass G-tt auch die Mitmenschen erschaffen, hat, auch den Nicht-juden, einfach JEDEN Menschen. Er wird Respekt und Achtung vor JEDEM Menschen erfahren und Respekt und Toleranz entwickeln.
Diese Seite des Judentums sollte im Vordergrund stehen, bevor man lernt, welches Tun richtig und welches falsch ist.
Die Gebote sollen die Spiritualitaet nicht verdraengen. Spirituelles Empfinden steht immer an erster Stelle.
Ich kann nicht erklaeren, warum mir am ersten Shabbat in Israel waehrend des G-ttesdienstes die Traenen flossen - aber eines ist mir klar: das war Spiritualitaet, die mich tief ergriffen hat.
Muss man immer alles erklaeren koennen?

Tel Aviv - Jerusalem (zwei Welten)

"Die Hauptsache ist doch, dass du in Israel lebst!" sagen einige Menschen, denen ich versuche zu erklaeren, was mich davon abhaelt, nach Tel Aviv zu ziehen.
Ich wollte nach Israel. Warum eigentlich?
Ich sehnte mich danach, als Juedin in einem Land leben zu koennen, wo ich eine unter vielen bin, wo ich kosher essen kann, ohne lange zu suchen, wo ich spirituelle Nahrung an jeder Ecke finden kann, wenn ich will.
Fuer mich ist dies in Jerusalem moeglich. In Tel Aviv jedoch fuehle ich mich gehetzt, getrieben und ausser dem wunderbaren Strand, den ich gerne bis nach Jaffo entlang spaziere, gibt es nicht viel, was mich dort erfuellt.
Es ist nicht so, dass ich Tel Aviv nicht mag. Es ist eine tolle gigantische Stadt, voller Leben, Freiheit und Toleranz, aber auch voller Laerm.
In welcher Gegend koennte man es sich als "normaler Buerger" mit wenig Geld erlauben, zu wohnen in Tel Aviv?
Ist es naiv, wenn ich sage: lieber in Jerusalem mit weniger Geld leben und jeden Tag dem spirituellen Hunger Nahrung geben koennen, als in Tel Aviv das grosse Geld machen zu wollen?
Was macht man am Shabbat? Wo geht man am Abend hin?
Im Moment scheint mir diese Welt in Tel Aviv sehr fremd.
Ein Tag am Strand, Einkaeufe in der Stadt und Cafe trinken, das gefaellt mir in Tel Aviv - aber dann im Bus "nach Hause", nach Jerusalem fahren, ist das Groesste.

Soziale Netze im neuen Land

Sie sind aesserst wichtig, diese sozialen Verbindungen, die man bereits geknuepft hat, oder die gerade entstehen.
Ich bin dabei, mich auch bei denen wieder in Erinnerung zu rufen, die aus unterschiedlichen Gruenden, weniger mit mir in Kontakt geblieben sind.
Heute abend war ich bei einer Familie, hier in der Naehe, die mich ein-oder zweimal zum Shabbatessen eingeladen hat, im letzten Jahr und habe einfach kurz erzaehlt, dass ich hier bin. Man will mir helfen, und sich umhoeren, nach Arbeit fuer mich.
Die Verbindungen, die ich erst am letzten Shabbat aufgefrischt hatte, und die keinesfalls schon den Status einer Freundschaft haben, koennen auch wichtig sein. Man fiebert mit, freut sich ueber die Neueinwanderung und erinnert sich mit Melancholie an die eigene Aliya vor 20 Jahren.
Je mehr Menschen wissen, dass man Arbeit sucht, desto besser. Nur so koennen sich ploetzlich Moeglichkeiten auftun, mit denen man nicht rechnet.
Daher an jeden, der irgendwo neu einwandert: Frischt alle eure Kontakte im Land auf und versucht, sehr schnell neue zu knuepfen.

Ein Heim zum Wohlfuehlen, unerfreuliche Behoerdengaenge und weiter Arbeitssuche

Erst das Erfreuliche, Unfassbare. Nach genau 3 Tagen hier im Land habe ich eine schnuckelige Miniwohnung in bester Lage (kaum zu glauben, dass mein Traum, in dieser Gegend wohnen zu duerfen, wahr wurde). Ein Zimmerchen mit viel Gruen vor dem Fenster, in ruhiger Gegend, gegenueber der Synagoge von Benni Lau, der Ramban-Synagoge. Soviel mazel kann man doch nicht haben, oder?
Ein guter Freund, dem ich auf diesem Wege noch einmal fuer den enormen Einsatz und seine grosse Hilfe beim Ueberpruefen des Mietvertrages danken moechte, hat mich heute begleitet und auch mit der Vermieterin gesprochen. So bin ich etwas sicherer, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Danke Aharon!!!
Aber auch er meint, die Vermieterin, so wie die Wohnung machen einen guten Eindruck, alles ist absolut sauber, und die Gegend ist herrlich. Fuer den Preis, den ich zahlen muss, bekommt man in Jerusalem sonst hoechstens ein dunkles Loch.
Nun das weniger Erfreuliche. Jeder, der Israels Behoerden kennt, wird nun sagen: Welcome to Israel!
Laut Einwanderungsministerium soll man moeglichst am 1. Tag ein Konto eroeffnen, da die Zahlungen vom sogenannten Einwanderungskorb auf dieses Konto gehen werden.
Zuerst bei 36 Grad Hitze zur Bank in die Stadt gefahren, dort erfahren, dass ich zwar ein Konto eroeffnen kann aber : Lo etzli (nicht bei mir), sondern in der Filiale, die am naechsten zur Wohnung liegt. Wieder zurueck, um dort eine Nummer zu ziehen. Nach einer gewissen Wartezeit erfahre ich, dass keine Verbindung zu meiner Teudat Sehut-Nummer (der Personalausweisnummer) hergestellt werden kann, per Computer, denn dafuer muesste ich erst einmal einen Ausweis haben. Den bekomme ich aber erst in einer Woche, und obwohl die Nummer schon feststeht, geht nichts zurzeit.
"Das ist neu!" sagte die nette Dame, "vor 4 Wochen noch war das kein Problem"
Immer ist irgendetwas neu, hat sich ein Gesetz von heute auf morgen geaendert, das kenne ich schon aus meiner Volontaerszeit.
So habe ich dann an Behoerdengaengen so gut wie gar nichts erreicht. Ach ja, ich war dann noch beim Einwanderungsministerium, um um Hilfe zu bitten, da mir diese Hilfe zugesagt wurde, in den ersten Wochen. Dort habe ich dann - ganz unproblematisch - einen Termin in 10 (in Worten: ZEHN!!) Tagen bekommen. Die ebenfalls nette Dame meinte dann noch : " Waehrend dieser Zeit koennen Sie dann alles erledigt haben!"
???? - ich frage mich, wofuer ich dann diesen Termin noch brauche???
Tja, wer es noch nicht erlebt hat, weiss nicht, wovon ich spreche.
Morgen werde ich dann mal freundlich im Innenministerium nachfragen wo denn mein Ausweis bleibt, da ich ohne ihn gar nichts machen kann. Davor graut mir - ehrlich gesagt - da ich die Menschen, die dort arbeiten, vom letzten Jahr in sehr schlechter Erinnerung habe. Aber o.k. was sein muss, muss sein. Da muss ich morgen durch.
Ist Jerusalem zu hart - bist du zu schwach! So ist das wohl.
Die Fahrt nach Tel Aviv zum Vorstellungsgespraech hat mir gezeigt, dass es keine Idee sein kann, jeden Tag zur Arbeit zu pendeln, es war eine Hoellenfahrt durch tausend Staus.
Tel Aviv - wie ich schon frueher erfahren habe - tut mir nicht gut. Es mag sein, dass eine Zeit kommen wird, in der ich reif bin fuer diese Stadt, aber die liegt in weiter Ferne. Daher war relativ schnell klar, dass ich diese Stelle nicht nehmen werde, obwohl ich glaube, dass ich sie haette bekommen koennen.
Es ist ein grosses Risiko gewesen, was mir ein schlechtes Gefuehl gemacht hat, denn Arbeit ablehnen, geht eigentlich nicht.
Dennoch - ich bin den 3 Tag hier und habe so gut wie noch nichts probiert, und wofuer bin ich ueberhaupt nach Israel gekommen?
Falls ich umziehen wuerde nach Tel Aviv, um nach 2 Monaten an der Arbeit zu scheitern - denn sie ist sehr anspruchsvoll - saesse ich erstmal in dieser Stadt fest. Und dann? Ich schaetze mich so ein, dass der "Wohlfuehleffekt", wenn er mich verlaesst, ausschlaggebend dafuer sein kann, dass ich aufgebe und das Land verlasse.
Daher werde ich mich weiter ueber meine Mini-wohnung freuen, wo ich sicher bin, dass ich mich dort sehr wohl fuehlen werde, und weiter hier Arbeit suchen. Das Gefuehl dazu ist gut, obwohl es wieder Unsicherheit bedeutet.
Morgen werde ich 1. zum Innenministerium (oh Graus) 2. zur Krankenkasse und 3. weiter Arbeit suchen. 4. werde ich morgen die Schluessel zu MEINER ersten eigenen Wohnung in Israel bekommen.
So habe ich ein Heim wo ich sein will, wo es schoen, und gruen ist, und wo ich alle "spirituellen Speisen" mit einem Katzensprung erreichen kann.

Samstag, 17. Oktober 2009

Daumen halten!

Ich kann es kaum glauben. Wahrscheinlich habe ich eine Wohnung. Ich habe soeben im Internet nach Wohnungen gesucht, eine einigermassen bezahlbare Mini-wohnung mit einem Zimmer gefunden, noch dazu hier um die Ecke, in meiner absoluten Lieblingsstrasse, dort angerufen und auf den AB gesprochen. Gleichzeitig habe ich nachmittags, beim Spaziergang am Baum einen Zettel gefunden mit einem Wohnungsangebot, dort stand jedoch nicht, wo die Wohnung ist.
Auch dort habe ich angerufen, und da niemand da war auf AB gesprochen. Da ich zwischendurch noch andere Nummern gewaehlt hatte, ist mir nicht aufgefallen, dass es ein und dieselbe Nummer war.
Im Internet stand die Strasse und die Nummer, so dass ich mich entschloss, einen kleinen Spaziergang dorthin zu machen, um das Haus von aussen zu sehen.
Ich stand schliesslich im Dunkeln vor dem Haus Nr. 3 aber wo war Nr. 3a?
In diesem Moment klingelt mein Telefon, eine aeltere Dame meldet sich und spricht mich auf meinen Anruf an. Ich sage ihr, dass ich gerade auf der Strasse vor der Tuer von Haus 3 bin, und sie kann es nicht fassen. Sie kommt raus, zeigt mir die Wohnung und ist fest davon ueberzeugt, dass das ein Wink vom Himmel ist. Sowas sei ihr ja noch nie passiert.
Es ist ein Traum, nicht wie ihr vielleicht denkt, kein Luxus, aber fuer Jerusalem absolut o.k.
Ein Zimmer, absolut sauber und gepflegt, zwei Fenster (nicht selbstverstaendlich, oft sind es dunkle Loecher..), ein Tisch, ein Stuhl und ein Kleiderschrank.
Kommt man in die "Mini-wohnung" steht man schon in der Mini-mini-kuechenecke, mit einer Minispuele und einem Mini-haengeschrank. Nach links geht man ins "Duschbad", sofort beim Eintreten steht man quasi in der Dusche, weiter geht es dann zur Toilette. That 's it.
Fuer mich waere es der Himmel und ich habe den Eindruck, dass die Vermieterin mich nehmen will, wenn nicht noch etwas ganz Gravierendes dazwischen kommt.
Morgen kurz vor mittag werde ich einen Freund mitnehmen, um noch einmal mit ihr alles durchzugehen, und den Vertrag zu pruefen.
Bitte ganz fest Daumen halten.
Heute nachmittag beim Spaziergang habe ich naemlich ein ganz anderes Ambiente erleben duerfen, auch in der Gegend, Mini-appartments fuer ca. 60 EUR weniger, dafuer absolut heruntergekommen. Eine Frau mit Kind hat mich reingelassen, um mir das Zimmer zu zeigen, ich hatte sie vor dem Haus angesprochen. Sie tat mir so leid, dass sie dort wohnen muss, dazu mit einem kleinen Kind.
Dagegen ist das Zimmer ein Traum, alles Gruen um mich herum und eine absolut ruhige Gegend.
Nicht vergessen: Daumen halten!

Sehr warm hier!

Es ist noch sehr warm hier in Jerusalem. Ich habe heute literweise Wasser in mich hineingeschuettet, um einigermassen das Schwitzen auszugleichen.
Dazu kommt, dass in geschlossenen Raeumen, so auch in der Synagoge, die Klimaanlage auf hoher Stufe laeuft, so dass es sinnvoll ist, sich wirklich IMMER eine Jacke, oder ein grosses Tuch mitzunehmen, in das man sich huellen kann. Im letzten Jahr hatte ich mich ein paar Mal beim Busfahren verschaetzt und nichts zum Ueberwerfen mitgenommen. Eine gefaehrliche Mischung, die einem auch sofort Nackenschmerzen verursachen kann.
Am Abend ist es gut zu ertragen auf den Strassen, eine angenehme Luft, die an fast jeder Ecke hier in der Gegend intensiv mit Jasmingeruch angereichert ist, macht sich breit.

Mazal tov! Mazal tov!

Jeder freut sich mit mir. Soviele "Mazal tovs" habe ich lange nicht gehoert. Der erste Shabbat als israelische Buergerin war so emotional, dass es schwer in banale Worte zu fassen ist.
In einer der Synagogen, die ich so liebe, wird aussergewoehnlich viel gesungen. Und nicht einfach nur gesungen, sondern es mischen sich scheinbar geschulte Stimmen in den Gesang der Gemeinde, auf eine Art, die mich immer wieder neu tief im innersten meiner Seele beruehrt. Ich habe sowohl gestern abend beim Kabbalat Shabbat als auch heute morgen nicht aufhoeren koennen zu weinen. Immer wieder liefen die Traenen.
Es scheint eine Art Tueroeffner fuer mich zu sein, mich dem Himmel zu naehern. Ganz langsam und leise fangen einige Menschen an, eine Stelle im Gebet anzustimmen, dann schwellen die Toene an, um einen schliesslich wie eine gewaltige Wolke einzuhuellen und emporzutragen.
Ich habe deutlich die Verbindung gespuert und mir war ploetzlich klar, dass mein Platz auf keinen Fall in Tel Aviv sein kann, jedenfalls nicht auf Dauer. Zu lange habe ich nach dieser Art von Spiritualitaet gehungert, da waere es geradezu grotesk, sich nun sofort von diesem besonderen Platz zu entfernen. Auf der anderen Seite ist die Arbeit das Wichtigste, um zu ueberleben und es scheint in Tel Aviv mehr Arbeit zu geben als hier.
Es machen sich seit gestern abend aber noch einige liebe Menschen mehr Gedanken darum, wie sie mir helfen koennen, wie ihre Beziehungen auskosten, um mir einen Weg zu ebnen, hierbleiben zu koennen.

Es gibt in einigen Synagogen hier den Brauch, Menschen einzuladen, die neu in der Stadt, neu im Land oder einfach nur auf Urlaub hier sind. Am Anfang des G-ttesdienstes wird bekannt gegeben, wer die Gastgeberfamilie ist, dort meldet man sich dann am Ende des G-ttesdienstes.
Im letzten Jahr war ich nach einem der G-ttesdienste bei einer solchen, sehr netten amerikanischen Familie. Dort hatte man sich bereits Gedanken gemacht, was es fuer Moeglichkeiten gibt, um mir als Volontaerin weiter zu helfen.
Die Schwester des Gastgebers war es nun gestern, die dieses Mal zum Abendessen lud. Ich war mir anfangs nicht sicher, aber als sie sagte: "Letztes Jahr hatten wir auch eine nette Frau hier, die Giur gemacht hatte, sie war Volontaerin in der Naehe..." da brachen wir in schallendes Gelaechter aus, als ich mich zu erkennen gab. Da ich nun weisse Haare trage, hatte man mich nicht gleich erkannt.

Nun wurde hin und her ueberlegt. Was koennte ich machen? Bei wem koennte man fragen? Wer hat Verbindungen?
Gleich heute morgen nach der Synagoge ging es weiter. Man stellte mich einer Sekretaerin des Rabbiners vor, deren Mann jeden Tag nach Tel Aviv zur Arbeit pendelt. Auch sie wird sich umhoeren, was moeglich ist.
Eine Rechtsanwaeltin gab mir den Tipp, es doch in meinem Beruf zu versuchen, als Sozialarbeiterin. Sie kennt eine Einrichtung fuer Drogenabhaengige in Beit Shemesh die bereits seit langem eine Sozialarbeiterin sucht. Und mit meiner 13 jaehrigen Erfahrung mit Drogenabhaengigen, meinte sie, koenne es eine Chance geben. Ausserdem ist Beit Shemesh nicht so weit von Jerusalem entfernt.
Am Montag abend wird der Rabbiner einen Vortrag halten, im Shalom Hartmann Center. Da ich sowieso dorthin wollte, werden wird dann Telefonnummern austauschen.
Nach der Synagoge bin ich langsam zur Kotel (West-oder Klagemauer) spaziert und musste mir mehrfach in den Kopf rufen, dass ich nun hier wohne. Sicher wird es noch mindestens ein paar Wochen, wenn nicht Monate dauern, bis mir das so richtig klar ist.
Es ist einfach noch zu irreal. Kneift mich mal!

Freitag, 16. Oktober 2009

Shabbat shalom aus Yerushalaiym


















Mit einem Blick aus meinem Fenster verabschiede ich mich in den Shabbat. Eingekauft habe ich schon, und sogar ein paar kleine Dinge erledigen koennen. Die Anmeldung fuer die Krankenkasse beim Postoffice habe ich ausfuellen lassen. Bei der Bank ging es leider noch nicht weiter, da ich vor der Kontoeroeffnung die Teudat Sehut benoetige die ich beim Innenministerium am Montag erst bekommen werde.
Den Mann, den ich wegen einer Arbeitsstelle (als eine Art Sekretaerin) kontaktieren sollte, habe ich auch schon angerufen, wir werden uns am Sonntag nachmittag in Tel Aviv treffen. Falls ich die Stelle bekaeme, "muesste" ich wohl nach Tel Aviv ziehen.
Nun geht es noch einmal spazieren, in aller Ruhe, Richtung Altstadt und Kotel.(West-oder Klagemauer) Und dann in den Shabbat.
Nochmal an alle juedischen Leser einen gesegneten Shabbat aus Yerushalayim, der heiligen Stadt.

Gelandet in der Heimat







Nur in aller Kuerze: Ich bin gelandet und wurde sofort von jemandem von NOAM empfangen, der mich, noch bevor ich meine Koffer abholen konnte, mit zum Einwanderungsministerium im Flughafengebaeude mitnahm. Es gab dort einen Einwandererausweis fuer mich und Papiere fuer das Innenministerium, wo ich dann am Sonntag (erster Werktag in Israel) alle weiteren Dinge erledigen muss. Die erste Rate vom Sal Klita (Einwanderungs"korb") gab es auch in Hoehe von 1200 Shekel (ca. 250 EUR)
Dann holten wir meine Koffer zusammen vom Band, wo sie schon endlos Runden drehten,weil alle anderen Fluggaeste laengst in alle Winde verstreut waren.
Im Flugzug war es sehr merkwuerdig. Alle um mich herum flogen in den Urlaub, es gab einige christliche Gruppen) oder aber waren Israelis und fuhren nach Hause.
Nach Hause fuhr ich auch, und es fuehlte sich wirklich absolut besonders an.
Nach den Formalitaeten wurde mir ein Taxi (kein Sherut, nein, ein Taxi fuer mich allein) bestellt, das mich zur ersten Anlaufstelle bringen sollte.
Als ich in die Ankunftshalle mit meinem Wagen und 57,5 kg Gepaeck trat, empfingen mich ganz ueberraschend meine Freunde aus Modiin. Wie schoen war das. Ja, so fuehlte es sich noch mehr an wie "nach Hause kommen".
Ein anderer Freund wartete dann in Yerushalaiym auf mich, vor der Haustuer meiner Wohnung, die ich fuer die naechsten drei Wochen gemietet habe.
Ich bin von ihm zum Essen eingeladen worden und konnte das Treiben auf der Strasse geniessen, denn Donnerstag abend ist alles auf den Beinen, es ist der letzte Werktag, bevor es dann heute abend in den Shabbat geht.
Ich habe bis 1.30h noch die Koffer ausgeraeumt, da ich so aufgeregt war und nicht schlafen konnte.
Und nun geht es gleich zur Krankenkasse und zur Bank, ein Konto eroeffnen, bevor mir dann heute abend ein wenig Ruhe gegoennt ist, da der Shabbat naht. Am Sonntag, dem ersten Wochentag in Israel, geht es dann mit Behoerdengaengen weiter.
Shabbat shalom den juedischen Lesern in Israel und der Galut!

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Danke Deutschland - und goodbye!

Mein letzter Tag in Deutschland. Ich sage goodbye und gehe morgen frueh. Dennoch moechte ich Deutschland, das Land in dem ich geboren bin, heute Abend zu unserem Abschiedsessen einladen.
Ich gehe nicht im Groll oder weil ich von Deutschland die Nase voll habe. Ich gehe, weil es eine Heimat fuer meine Seele gibt, die tiefer wurzelt.
Und dennoch moechte ich "danke" sagen. Danke, an ein Land, in dem ich aufgewachsen bin. Es war nicht Sudan, Libanon oder Irak.
Ich bin in einem sicheren Land ohne Angst um mein Leben und Hunger aufgewachsen. Ich habe nie den Klang einer Sirene bei Fliegeralarm kennen lernen muessen und nie die Sorge verspuert, wie ich meinen Kindern Brot kaufen soll.
"....in Sahne geboren!" sagt mein Freund Jakob. Und er hat recht. Ja, wir sind in Sahne geboren, konnten in Deutschland jederzeit zu einem Arzt, wenn wir krank waren, und werden aufgefangen von einem Sozialsystem, was uns mit Hartz IV (auch wenn es sehr in der Kritik steht) zumindest ein Ueberleben moeglich macht. Ich habe mich nie entscheiden muessen, ob ich mir den Besuch beim Zahnarzt leisten kann, oder doch lieber meiner Tochter ein paar Gummistiefel fuer den Regen kaufen soll.
Ich habe nie die Angst verspuert, ob ich mein Kind wiedersehe, wenn es morgens in den Schulbus steigt, weil mit einem Terroranschlag alles vorbei sein kann.
So bin ich aufgewachsen "in Sahne" und weiss es zu schaetzen. Es waere undankbar und ungerecht, wuerde ich nicht wenigstens ein paar Gedanken dem Land widmen, was mir ermoeglicht hat, 50 Jahre lang ein relativ ruhiges Leben zu fuehren.
Ich rede nicht von den Geldsorgen nach einer Scheidung, von den Problemen mit kleinen Kindern als Alleinerziehende oder von den Enttaeuschungen im Kontakt mit anderen Menschen.
Ich denke vielmehr an das Gefuehl der Sicherheit in einem reichen Land, zumindest im Vergleich mit vielen anderen Laendern.
Dafuer, dass ich bis zum heutigen Tage in dieser Sicherheit leben durfte, mit gesunden Kindern, die ihre Ausbildungen beenden konnten und auf eigenen Fuessen stehen moechte ich heute einen dankbaren Blick zurueck werfen.
Danke Deutschland - und goodbye!

Dienstag, 13. Oktober 2009

Uebermorgen schon?

Es ist kaum zu glauben, dass ich uebermorgen am Abend bereits in Yerushalaiym sein werde.
Ich bin von Kopf bis Fuss ein Adrenalin-buendel und schon auf dem Level,keinen Hunger mehr zu verspueren. Es ist wie das Gefuehl, wenn man frisch verliebt ist. Ja, auch ich als ueber 50-jaehrige weiss, wie es sich anfuehlt.
Man verspuert einfach keinen Hunger, ist auf hoechster Anspannung und will endlich, dass es losgeht. Auch mit dem Gefuehl, am Start eines Marathon-laufes zu vergleichen.
Die Koffer sind einfach zu schwer und ich habe eingesehen, dass ich sie noch um ein paar Buecher mehr erleichtern muss. Originalton meines Schwiegersohnes in Spe, beim gemeinsamen Hochtragen des zweiten Koffers: "Was hast du denn da drin? Eine Special Edition der Tora?"
Es faellt mir schwer, mich von immer mehr zu trennen, aber eines werde ich wohl niemals zuruecklassen und notfalls zwischen den Zaehnen transportieren, meine Tora. Und zwar auf hebraeisch. Sie ist mir das heiligste und wichtigste, was ich besitze. Genauer gesagt, der Tanach.

Dazu faellt mir ein Gespraech mit einem israelischen Freund ein, der saekular lebt. Vor einigen Jahren unterhielten wir uns ueber die Frage, was jeder auf die beruehmte einsame Insel mitnehmen wuerde.
Er selbst waehlte die Tora aus einem ganz bestimmten Grund aus. Er sagte: "Nicht, dass ich so heilig bin, aber die Tora ist das einzige Buch, was niemals langweilig wird. Ein anderes Buch kannst du einmal, zweimal oder auch zehnmal lesen, spaetestens dann aber ist es genug.
Die Tora aber bietet dir jedes Mal einen neuen Aspekt, bei jedem neuen Lesen entdeckst du etwas Anderes, Neues. Du wirst dich auch Jahre damit beschaeftigen koennen, ohne dass es langweilig wird. "
Ich fand das aus dem Munde eines Juden, der so wirklich gar nichts mit aktiv gelebtem Judentum zu tun hat, bemerkenswert.

Nichts desto trotz werde ich morgen der Wohnungsgesellschaft meine Schluessel uebergeben und als letzten Akt meine Bankverbindung aufgeben.
Am Abend gibt es noch ein Essen mit den lieben Toechtern und dann heisst es Abschied nehmen.
Wahrscheinlich werde ich vor lauter Adrenalin dann beide Koffer auf den Schultern jonglierend zum Flughafen transportieren, waehrend ich "Im Eshkachech Yerusahalyim" vor mich hinfloete.

Sonntag, 11. Oktober 2009

Die Juden "erkennen Jesus nicht an" - "unfassbar" - aber wahr!

Ein weiterer Abschied bei einer meiner Lieblingstanten im Sauerland war "gewuerzt" (oder sollte ich sagen "gepfeffert"?) mit ein paar Anmerkungen, denen man als Jude immer wieder von Seiten der christlichen Welt begegnet.
Nicht, dass es furchtbar schlimm ist, dem Entsetzen einiger religioes lebender Christen ins Auge zu sehen, es kann sogar zum Lachen sein - manchmal aber ist es einfach nur laestig.
Tantes Schwiegertochter aus Kenia naemlich - bekennende Christin - unterhielt sich mit ihrer Freundin ueber den juedischen Glauben, aus aktuellem Anlass (eine zum Judentum uebergetretene Nichte ihrer Schwiegermutter war zu Besuch!) und als die Freundin ploetzlich meinte, dass die Juden Jesus nicht "anerkennen" als G-ttes Sohn, allenfalls als Prophet (gut informiert die Frau!) stiess sie einen spitzen Entsetzensschrei aus und fragte: "Was??? Stimmt das wirklich? Das wusste ich gar nicht." (ja, man kann nicht alles wissen...)
Als ich bejahte, entludt sich eine Salve von Fragen ueber mir, die sie sich, bevor ich noch zum Antworten Luft holen konnte, selbst beantwortete, nicht ohne die Unfassbarkeit dieser fuer sie so grossen Neuigkeit immer wieder zu betonen.
An einem bestimmten Punkt versuchte ich noch einmal, einen Satz wie: "Niemand will dir deinen Glauben nehmen. Es ist kein Problem fuer Juden, dass ihr an Jesus glaubt. Toleranz ist das Zauberwort." und schaffte es, dass das Thema fuer eine Zeit vom Tisch war.
Als sie mich am naechsten Tag zum Bahnhof brachte, war ihr erster Satz, sie habe furchtbar schlecht geschlafen, da sie die ganze Nacht darueber nachdenken musste, dass die Juden J. nicht anerkennen, das sei so schrecklich und sie sorge sich darum.

Mit meinem letzten Satz: "Mach dir keine Sorgen, wir kommen schon klar." und einem ablenkenden Hinweis auf das schoene Herbstwetter hatte ich dann auch meine Ruhe.
Muss ich betonen, wie sehr mich diese Art von "interreligioesem Gespraech "(oder eher Monolog?) nervt?

Viele kleine Abschiede - und "letzte Male"

Es waren volle Tage. Der letzte G-ttesdienst in der Gemeinde, mein Abschied von einigen Menschen dort, die mir wichtig geworden sind, eine letzte Einladung bei der Rabbinerfamilie, nachdenkliche Momente in der Sukka (Laubhuette), die so ihren ganz eigenen herrlich erdigen Geruch verbreitet, die letzten froehlichen Tora-taenze mit Bonbon-wurfgeschossen und allen Liedern, die ich so liebe.
Nicht wenige dieser Augenblicke waren begleitet von einem dicken Kloss in meinem Hals. Schliesslich war diese Synagoge in den letzten Jahren ein ganz besonderes Zuhause, meine spirituelle Staerkung und die Tankstelle waehrend meines Giur-Prozesses. Ohne den immer froehlichen warmherzigen Rabbiner und seine Frau weiss ich nicht sicher, ob ich es haette schaffen koennen. Ich bin ihnen unendlich dankbar fuer den wesentlichen Teil meiner Unterstuetzung auf diesem Weg.
Eine meiner Toechter, die beste Freundin und weitere wichtige Menschen haben mich heute zum letzten Mal umarmt.
Am Freitag kam noch ein Retter in der Not, der mir half, die letzten ueberfluessigen Dinge zur Muellhalde zu fahren und es sich nicht nehmen liess, mir ein paar Worte zum Nachdenken und zur geistigen Staerkung mit auf den Weg nach Israel zu geben.
Der letzte Koffer war zu schwer, und das bedeutete, Abschied auch von einigen Buechern zu nehmen, von denen ich sicher war, dass sie mich begleiten wuerden. Nun hiess es auch da, Prioritaeten zu setzen. Was ist absolut und unbedingt notwendig? (Haette ich nur ein einziges Buch mitnehmen duerfen, waere es selbstverstaendlich die Tora gewesen...)

Nun schlafe ich noch eine Nacht auf meinem Luftbett, um dann ab morgen bei einer meiner Toechter die letzten Tage in Deutschland zu verbringen. Bis zum Abflugtag gibt es aber tatsaechlich noch ein paar Dinge zu regeln - die hoffentlich letzten!


Ab November in der Juedischen Zeitung: Mein "Alyia-Tagebuch"

Die Juedische Zeitung , erscheint seit Oktober wieder monatlich. Und - ab der naechsten Ausgabe auch mit einer Art "Alyia-Tagebuch" von mir. Dort koennt ihr nun jeden Monat meine Erfolge, Fortschritte, und hoffentlich nicht nur mein Scheitern in der neuen Heimat in staendigen Updates mitverfolgen.
Selbstverstaendlich poste ich auch weiterhin zusaetzlich in diesem Blog aus dem heiligen Land.
Eine der groessten Herausforderungen an dieser neuen Aufgabe wird es sein, mich kurz zu fassen, da ich nur begrenzten Platz bekommen werde.
Wer mich kennt, weiss, wie schwer mir das faellt, da ich viel und gerne abschweife und meistens davon ueberzeugt bin, dass alle Einzelheiten wichtig sind.
Ich freue mich riesig auf diese ganz neue Erfahrung und vielleicht kauft Ihr Euch ja auch mal eine Ausgabe der Juedischen Zeitung?

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Es gibt noch einiges zu tun

Ich habe es nicht bereut, seit ein paar Jahren ohne Auto zurecht kommen zu muessen. In manchen Situationen allerdings, so zurzeit waehrend meiner Vorbereitungen, wuerde ein Auto mir enorm weiterhelfen. Eine gute Freundin hatte sich bereit erklaert, mit mir einen Rest von Gegenstaenden zu entsorgen. Nachdem ich alles vor die Tuer geschleppt hatte, und auf sie wartete, kam der Anruf, dass ihr Auto den Geist aufgegeben hat. Da ich nur noch wenige Menschen kenne, die ein Auto besitzen, wirft das fuer mich neue Probleme auf. Eventuell - falls kein Retter in der Not auftauchen sollte - muss ich mir noch ein Auto mieten, nur um zur Muellhalde zu fahren.
Mein erster gepackter, ziemlich schwerer Koffer, der exakt 30 kg wiegt, wurde von mir zum Freund einer meiner Töchter gebracht, der ihn schon mitnehmen wird, bevor ich am Montag mit dem zweiten Koffer folge. Von diesem Tag an werde ich bis zur Abreise nicht mehr in meiner alten Wohnung übernachten.
Nach dem Abschied von einer meiner besten Freundinnen, habe ich mir einen 5 kg-Farbeimer im Bauhaus besorgt, um noch meine kleine Kueche weiss zu streichen. Leider hatte ich wieder einmal den Fehler gemacht, einige Waende farbig zu veraendern. Die "Strafe" muss ich nun ausbaden, da die Wohnungsgesellschaft bei der Uebergabe neutrale Farben erwartet.
Gluecklicherweise bin ich schneller als gedacht damit fertig, und kann mich nun auf meinem Not-Luftbett entspannen.
Morgen werde ich noch einmal ins Sauerland fahren, um Abschied von einer Tante zu nehmen, die mich immer so akzeptiert hat, wie ich bin. Selbst mein Uebertritt zum Judentum war kein Problem fuer sie, die Tatsache, dass ich nach Israel gehe, entlockte ihr lediglich ein paar Argumente, die ich nicht ausser Acht lassen solle, doch in letzter Konsequenz respektiert sie meinen Entschluss.


Montag, 5. Oktober 2009

Mit leeren Haenden - und uebervollem Herz

Wenn ich mich hier im Zimmer umschaue, dann scheint es, als besitze ich nichts mehr. Ausser zweier Koffer, die nur das Noetigste beinhalten, gibt es so gut wie nichts mehr, was mir gehoert.
Fuehlt man sich so wie ich, wenn man mittellos ist?
Ganz und gar nicht. Ich habe unendlich viel, nur kann man das, was ich habe, nicht mit den Augen sehen.
Es ist tief in meiner Seele und wurde wohl von hoeherer Stelle reichlich ueber mir ausgeschuettet.
Ob ich es verdient habe, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich weiss nur eines, dass es mehr wert ist, als alle Besitztuemer der Welt.
Keine Couchgarnitur, keine Einbaukueche und kein schnittiger Sportflitzer koennen das Gefuehl hervorrufen, was in mir spuerbar ist.
Ballast abzuwerfen tut auch gut und befreit ungemein. Man reduziert immer weiter, bis nur noch das uebrig bleibt, was wirklich wichtig ist.
Und das ist gar nicht so viel, soweit es irdische Gueter betrifft.


Die Sache mit den Koffern

60 kg darf man als Gepaeck aufgeben, wenn man in Israel einwandert. Hoert sich viel an, oder?
Ich habe zwei riesige Koffer vollgepackt auf die Waage gestellt, und sie wiegen tatsaechlich jeder 30 kg.
Nur - man kann sie zwar rollen und bequem hinter sich herziehen, aber die Treppen am Bahnhof (die Transportbaender sind IMMER kaputt) oder nur hier im Haus werde ich sehr schwer bewaeltigen koennen. Hebt man sie hoch, so schaetzt man sie locker auf mehr als 40 kg.
Dazu kommt ja noch das Handgepaeck.....
Gut, dass ich ein paar Tage vor der Abreise bei einer meiner Toechter bin, und von dort aus von einem Freund zum Flughafen abgeholt werde.

Letzte Logistik vor der Ausreise

Ich schlafe auf einer Art Luftbett (dicke Luftmatratze), da meine Couch schon verkauft ist, in einem fast leeren Raum (ziemlich ungemuetlich!). Um mich herum stehen 2 offene Koffer, ein kleiner Fernseher, der am Sonntag noch zu einer Freundin wandert, mein Laptop und eine letzte Schreibtischlampe auf der Erde.
In der Kueche stehen ein paar wenige Dinge, die morgen auf den Muell gehen. Alles andere habe ich gut untergebracht, d.h. Toechter und Freunde konnten vieles gebrauchen. Es ist ein gutes Gefuehl, kaum etwas auf den Muell zu geben. Diese Wegwerf-Neukauf-Gesellschaft behagt mir nicht so sehr.
Und es macht Freude, wenn andere sich noch darueber freuen koennen. So hat beispielsweise eine Freundin gerade eine neue Wohnung bezogen und einiges wirklich gut nutzen koennen.
Das andere Spielchen, was man hier spielt mit dem Sperrmuell wird mir auch ein ewiges Raetsel bleiben.
Man muss akribisch genau die Teile angeben, die man an die Strasse stellt, es duerfen NUR Moebelstuecke oder Teppiche sein, die in ein normales Zimmer passen. Dafuer zahlt man dann 20 Euro, um dann den Rest der Sachen, die nicht abgeholt werden doch noch zur Kippe zu bringen.
Und - das Unbegreiflichste fuer mich ist etwas, was ich gestern erfuhr: Es ist naemlich verboten, Dinge, die andere zum Sperrmuell an die Strasse stellen, fortzunehmen, falls man sie gebrauchen kann.
Wie kann das sein?
Es sei Diebstahl, nur frage ich mich, wen genau man in diesem Falle bestiehlt, den, der die Sachen nicht mehr haben wollte oder die Muellgesellschaft?
Daher kann ich nur sagen, ich bin eher froh, wenn jemand kommt und holt sich das ab, was er braucht.

In der Kueche muss noch gestrichen werden und einmal muss ich noch in den "Waschsalon", da meine Maschine auch schon in einem anderen Haushalt steht. Es ergeben sich dann immer wieder ein paar logistische Probleme, z.B. wie transportiert man am letzten Tag das "Luftbett" zu den Freunden, wenn man kein Auto hat? Und - wann schnappt man sich die zwei Koffer? Kann man zwei riesige Koffer ueberhaupt tragen (rollen) plus Handgepaeck?
Also wird ein Koffer schon mal vorher zur Tochter gebracht, wo ich die letzten Tage verbringen werde. Der zweite folgt dann zusammen mit mir selbst, am letzten Tag. Schluesseluebergabe ist dann am letzten Tag in Deutschland.
Meine Guete - bin ich dann wirklich schon naechste Woche Donnerstag abends in Yerushalaiym, meiner neuen Heimat?
Bei dem Gedanken laeuft mir eine Gaensehaut ueber den Ruecken und ich bin sicher, dass ich im Flugzeug dann ein paar Traenen verdruecken werde, nicht NUR wegen des Abschieds von den Toechtern, sondern auch, weil es doch sehr bewegend ist, quasi "nach Hause" zu fahren.

Sonntag, 4. Oktober 2009

"Hilfe, mein Kind will Jude werden!"

Wo kommen denn ploetzlich all die Konversionswilligen her? Als ich mir wirklich gewuenscht haette, ein paar Mitstreiter zu haben, gab es niemanden, und nun gleich einige.
Ein junger Mann hat mich am ersten Tag in der Sukka sehr geruehrt. Er sass, bis wir ihn zu uns baten, ganz allein am Tisch und erzaehlte uns dann, dass er seit einem halben Jahr etwa in der Nachbarstadt, wo meine juedische Geschichte auch begann, zu Gast in der Gemeinde ist.
Allerdings musste er zugeben, dass unsere Gemeinde etwas "musikalischer" ist, wie er es ausdrueckte.
Er ist 18 Jahre alt und wohl ziemlich erleichtert, nun das machen zu koennen, was seinem inneren Beduerfnis entspricht.
Die Eltern scheinen absolut nicht begeistert zu sein. Mutter ist dagegen und der Vater - mit ihm kann er nicht einmal darueber sprechen, warum ihn das Judentum bewegt und anzieht.
Wenn ich diese Geschichten hoere - und es gibt sie zuhauf - bin ich jedes Mal traurig und auch entsetzt. Entsetzt darueber, wie schwierig es einem die engsten Angehoerigen machen koennen, seinen eigenen Weg zu finden.
Anstatt sich mit dem Thema zu beschaeftigen, Fragen zu stellen, was es denn genau ist, was die Kinder am Judentum anzieht, lehnen sie den Wunsch eher kategorisch ab. Wie schade und arm ist solch ein Verhalten doch.
Trotzdem muss ich mich fragen, wie haette ich mich verhalten, wenn eines meiner Kinder den Uebertritt zu einer anderen Religion im Sinn gehabt haette, von der ich so gar nicht ueberzeugt gewesen waere. Sicher waere ich auch nicht begeistert, und doch muss ich sagen, wenn sich keine extreme Haltung daraus entwickeln wuerde, und es sich nicht gerade um eine Art Sekte handeln wuerde, kann ich mir nicht vorstellen, in einer Weise meine Ablehnung zu aeussern, die das Kind allein mit seiner Entscheidung stehen laesst.
Wie einsam muss man sich fuehlen und wie unverstanden. Ist es nicht schon schwer genug, das soziale Umfeld von seinem Wunsch in Kenntnis zu setzen? Muss man sich dann auch noch mit dem Unmut der engsten und wichtigsten Menschen abfinden?
Er wird es nicht einfach haben, sollte er seinen Wunsch weiterhin konsequent verfolgen und es wird ein einsamer Weg werden. Dennoch - auch wenn er vielleicht auf dem Weg einige Menschen verlieren wird, so wird er doch in einer neuen "Familie" aufgenommen werden, in einer Familie der Kinder Israels, die alle fuereinander einstehen (sollten).

Ich moechte trotzdem noch einmal an alle Eltern appelieren, deren Kinder sich auf den Weg zum Judentum machen: Bitte hoert euch an, was die Kinder auf diesen Weg gebracht hat, fragt interessiert nach und lehnt den Wunsch der Kinder nicht sofort ab. Das Judentum ist eine zutiefst menschliche Religion, keinesfalls eine Sekte, die an euren Kinder Gehirnwaesche vornimmt. Niemand wird eure Kinder zu etwas draengen, im Gegenteil, sie werden es schwierig genug haben, die entscheidenden Rabbiner davon zu ueberzeugen, dass sie es ehrlich und ernst meinen. Sie werden Veraenderungen durchlaufen, bei denen sie eure Hilfe und Unterstuetzung dringend benoetigen. Begleitet sie auf diesem neuen Weg mit Interesse und Achtung, und respektiert ihre Entscheidung. So kann es auch fuer euch eine sehr interessante Phase eures Lebens werden. In jedem Fall aber werdet ihr durch eine annehmende akzeptierende Haltung eure Kinder nicht verlieren.
Lasst euch bereichern, eine ganz neue andere Lebensweise kennen zu lernen, die mit Sicherheit gesunder fuer Leib und Seele ist, als ein Lebenswandel, der in Oberflaechlichkeit und Konsumgier endet.

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Israels Klima

Mein Lungenfacharzt ist begeistert. Da ich an leichten asthmatischen Beschwerden aufgrund einer Pollenallergie leide, habe ich noch einen letzten Check vornehmen lassen und ein paar Medikamente fuer den Notfall mitnehmen wollen.
"Da werden Sie sehr wahrscheinlich gar kein Spray mehr benoetigen, bei dem gesunden bronchienfreundlichen Klima dort!"
Und er hat Recht. Niemals hatte ich in Israel Beschwerden, mir ging es gesundheitlich dort immer gut. Auch meine Allergie machte sich so gut wie gar nicht bemerkbar.
(Lediglich bei einem Volontariat in einem Behindertenheim habe ich Hoellenqualen gelitten, aber nur deshalb, weil die Bewohner und das Personal in jedem Raum rauchen durften....)

"Wenn Sie am Meer sind, wirkt das Mittelmeerklima sich positiv aus, und halten Sie sich mehr in Jerusalem oder Richtung Totes Meer auf, dann kommen Sie in den Einfluss des Wuestenklimas. Beides hundertprozentig besser als hier in Deutschland fuer Ihre Bronchien."
Nun - ich werde diese Prognose als gutes Omen werten.


Aufgeregt - der Countdown fuer ein "neues Leben" laeuft

Es ist zurzeit sehr aufregend und ich kann mich seit heute ganz auf meine Nervositaet konzentrieren, da ich nicht mehr arbeite. Mein Telefon ist abgemeldet und schon abgestellt, alle Vertraege sind soweit gekuendigt, mit mehr oder weniger Schwierigkeiten. Die Krankenversicherung laueft seit heute auf einem freiwilligen Level weiter bis zum 15. Oktober, dem Tag, an dem ich das Land verlassen werde.

Bei ARYE auf dem Blog habe ich nun eine kleine Zusammenfassung meiner "Vorgeschichte" geschrieben (HIER koennt Ihr, bei Interesse nachlesen) und werde dort voraussichtlich alle ein bis zwei Wochen in Israel ein kurzes Update meiner Fortschritte oder Rueckschlaege posten.
Natuerlich werde ich Euch auch auf meinem eigenen Blog weiter berichten.
Wuenscht mir Glueck, denn es wird sicher nicht leicht. Aber mit der Hilfe vom Himmel hoffe ich es zu schaffen.