Sonntag, 30. Mai 2010

Angst - erlaubt oder "muss man stark sein"?

Es ist sehr unterschiedlich, wie die Umwelt auf Angst reagiert. Der Grossteil der Menschen hier laesst einen Standardsatz fallen: "Al tid'agi, jihie beseder!" uebersetzt so gut wie :"Sorg dich nicht, alles wird gut."
Wer kann mit diesem Satz, - vorausgesetzt es folgt nicht noch ein kurzes Gespraech - etwas wirklich Produktives anfangen und vor allem: Hilft der Satz demjenigen, der Angst verspuert wirklich weiter?
In meinem Falle kann ich nur sagen, wer mir solch einen Satz erwidert, wenn ich ehrlich - AUCH - meine Angst aeussere, der wird von mir kaum noch einen stimmigen Einblick in mein Gefuehlsleben bekommen, denn dann bleibe ich lieber allein mit meinen Schwankungen.
Ist es so abwegig, Angst zu verspueren? Kann die Umwelt eventuell nur nicht damit umgehen, wenn jemand seine Angst zeigt?
Was soll man tun, wenn das Gegenueber sich aengstlich zeigt? Oder vielmehr - MUSS man ueberhaupt etwas tun?
Manchmal ist es einfach nur wohltuend, wenn das Gegenueber die Angst zur Kenntnis nimmt, von niemandem wird verlangt, dass er sofort agiert, damit der Mitmensch schnell die Angst verliert. Dass er sie schnell verliert ist utopisch und ist das ueberhaupt erstrebenswert?
Rationale Erklaerungen wie: "Herzklappen-OPs sind heutzutage Routine, es sind OPs, die taeglich gemacht werden!" weiss der Angsthabende nicht gerade zu schaetzen, denn - ist ihm das nicht sowieso klar?
Jeder ein wenig informierte Mitbuerger weiss, dass Herzklappen-OPs heute zu den Routine-eingriffen gehoeren.
Die Antwort, die mir dann auf der Zunge liegt lautet: "Ja, fuer die Aerzte gehoert es zur taeglichen Routine. Fuer mich leider nicht..."
Etwas mehr ernstgenommen fuehlte ich mich heute von meiner Kollegin, die sagte:" Ich wuerde mich sorgen, wenn du keine Angst haettest, wir sind doch nicht aus Stahl!"
Nein, sind wir nicht, und Menschen, die die Angst einfach akzeptieren koennen, verursachen keineswegs, dass der Mitmensch sich noch mehr aengstigt, im Gegenteil. Es ist wohltuend, auch mit Angst ernstgenommen und akzeptiert zu werden.
Es sei noch die Frage erlaubt, was denn eine Angstaeusserung im Gegenueber so Furchtbares ausloest, dass sie sofort beschwichtigt oder weggeredet werden muss?
Was macht Euch Angst an meiner Angst?

Multitasking - notwendig im israelischen Alltag?

Heute sprach ich mit meiner Kollegin ueber das "Rennproblem". Als ich ihr sagte, dass mir auffiel, dass ich staendig renne, meinte sie: "Na und, tun wir das nicht alle?"
Hm, wenn wir das alle tun, heisst das dann, dass es gesund ist?
Ich hatte fast den Eindruck, als sei es wichtig, zu rennen. Wenn wir im erhoehten Tempo unterwegs sind, ist das vielleicht das Signal fuer die Umwelt, wie beschaeftigt, wie wichtig wir sind und dass wir Ach, soviel Arbeit haben?
Wofuer brauchen wir diesen Eindruck, falls er stimmen sollte? Koennen und duerfen wir es uns nicht leisten, "Zeit" zu haben? Ist unsere Daseinsberechtigung nur dann abgestempelt, wenn wir viel und schnell arbeiten und moeglichst alles gleichzeitig tun?
Ich kann mich - besonders hier in Israel - manchmal des Eindrucks nicht erwehren, dass Multitasking unbedingt erlernt werden sollte.
Vor allem Muetter, die zusaetzlich berufstaetig sind, scheinen staendig zu telefonieren, Aufgaben zu dirigieren und gleichzeitig bei der Arbeit mit den Kollegen zu sprechen.
Mehrfach habe ich versucht, eine relativ einfach Frage beantwortet zu bekommen. Was in einem erklaerenden Satz fuer Stoerungen stattfanden, ist unbeschreibbar. Es ist nicht uebertrieben, wenn ich sage, dass der Satz mindestens 3 mal durch ein Telefonat unterbrochen wurde.
Das Telefon einmal auszuschalten, scheint gaenzlich ausserhalb jeder Vorstellungskraft zu sein.
Ich kenne es seit Jahren, lieber bei einer Sache vollkonzentriert zu sein und Stoerungen zu vermeiden, also, bei einer Besprechung z.B. das Handy auszuschalten. Spricht man am Festnetz, kommt es mir selten in den Sinn, gleichzeitig einen Anruf auf Handy anzunehmen. Es macht mich regelrecht verrueckt, wenn ich gleichzeitig tausend Dinge tun soll.
Sicher kann ich mir - da ich keine kleinen Kinder habe - den Luxus deshalb leisten und nichts liegt mir ferner, als mir das anzueignen, was hier Normalitaet zu sein scheint. Nur gut, dass es den Shabbat gibt, sonst wuerden sicher in der Synagoge auch noch die Handys klingeln. (Was uebrigens in Deutschland tatsaechlich passiert...)

Samstag, 29. Mai 2010

Danke nach ALON SHWUT!

In dieser wunderbaren Haengematte, im Garten meines Rabbinerlein und seiner Frau, konnte ich den Freitag-nachmittag und einen grossen Teil meines Shabbat verbringen. Besinnung, Gebet, Beruhigung und "Gespraech" mit unserem Chef im Himmel unter dem grossen Baum haben mir sehr gut getan. Die Voegel haben sich fast gegenseitig uebertroffen, um mir ein Staendchen zu bringen und es wehte ein angenehmer, abends sogar kuehler Wind. Rabbiner I. , der Konvertiten nicht nur "akzeptiert", wie er sagt, sondern viel mehr darueber hinaus, moechte, dass die Bevoelkerung hochachtet, was man als Konvertit auf sich genommen hat und lebt den Satz "VeAhavta et haGer" (und liebet den Konvertiten), den er jedem, der ihn hoeren oder auch nicht hoeren will, in Erinnerung bringt.
Das fuehrt dazu, dass man in seinem Hause staendig Konvertiten antrifft. Fuer Unzaehlige hat er sich schon eingesetzt und ist persoenlich taetig geworden, wenn es Probleme mit den Behoerden gab.
Ich denke, er wird sich bereits ein paar dicke Pluspunkte aufgrund seiner Menschenfreundlichkeit im Himmel verdient haben.
Ich danke ihm und seiner Frau einmal wieder fuer das bereichernde und entspannende Wochenende!
Ich hoffe, ich kann ein wenig von der gesammelten Ruhe und Zuversicht mit in die Woche nehmen, die dann am Donnerstag in meiner Aufnahme im Krankenhaus gipfeln wird.
Nach der offiziellen Aufnahme wird es einen Tag voller Untersuchungen geben, Gespraeche mit dem Herzchirurgen und ich werde mit dem endgueltigen OP-Termin noch einmal auf Urlaub nach Hause geschickt, was mir noch einen Shabbat in meiner Heimatgemeinde JAKAR ermoeglicht.

Gebetssammlung - etwas fuer die Seele

Von einer Freundin bekam ich diese schoene Gebetssammlung von Reb Natan, einem Schueler vom Breslover Reb Nachman. Ich habe schon viel darin herumgeblaettert und einiges an Gebeten gefunden, die zu meiner derzeitigen Stimmung passen. Sowohl sehr kurze, als auch etwas ausgiebigere Gebete sind dort zu finden. Man kann seine Wahl so auch gut nach der Zeit richten, die man gerade zur Verfuegung hat, ob im Bus oder vor dem Einschlafen, fuer jede Gelegenheit wird man etwas finden. Es ist zurzeit gemeinsam mit dem Siddur und meinem Tehillim-buechlein (Psalme) ein staendiger Begleiter.

Freitag, 28. Mai 2010

Das geistige Tempo - auch zu hoch?

Heute bekam ich einen sehr schoenen Hinweis eines Freundes. Er bezog sich auf meinen letzten Artikel, der sich um das Renntempo des Alltags dreht. "Haben wir nicht auch oft im seelischen Bereich soviel Anspannung, dass wir vergessen, was dahinter steht?" erinnerte er mich.
Wir lesen, dass Aharon seinen Dienst im Heiligtum - in diesem Abschnitt das Entzuenden des Leuchters, der Menorah - auf besondere Art und Weise verrichten soll. Es geht nicht NUR darum, jeden Tag den Leuchter irgendwie zu entzuenden. Es geht in unserem Leben auch nicht darum, jeden Tag unsere Gebete - die den Dienst im Heiligtum, speziell die Darhoehung der Opfer ersetzt haben - herunterzurasseln.
Aber ist es nicht oft so, dass genau das passiert? War es gerade bei mir, als Gioret anfangs so, dass jedes neue Wort erlernt werden musste, so hat sich das Tempo mit der Zeit so angepasst, dass es zum Tempo der Vorbeter passt, die in der Synagoge das Gebet laut sprechen.
Wir muessen doch "mitkommen", oder anfangs besser gesagt "hinterher kommen". Die Kavana (von lechaven= hinwenden, sich ausrichten....) kam dabei immer zu kurz.
Wir rasen und rennen auch im Gebet. Damit wir "fertig werden", es irgendwie hinter uns bringen vielleicht sogar?
Wie schade. Denn mitten im Gebet begegnen wir doch G-tt. Er begegnet uns in den Buchstaben, in den Zeilen, zwischen den Zeilen. All das, was zu uns spricht, wenn wir einmal wieder sehr langsam und mit Verstaendnis die Worte ins Herz und in unsere Seele gelangen lassen, ist wichtig, wichtiger als das "Ankommen".
Im Idealfall sollten wir jeden Tag so beten, als sei der Text neu, so wie Aharon und seine Soehne den Dienst im Heiligtum jeden Tag mit so viel Andacht tun sollten, als sei es das erste Mal.
All das fuehrt sogar noch weit ueber das gelesene Gebet, das eine gewisse Form hat, hinaus. Ist nicht jedes Betrachten einer Bluete, eines Vogels, auch Gebet? Die meisten von uns werden erfuellt von Staunen in der Natur, von Ehrfurcht, wie vielfaeltig und durchdacht sie ist. (Auch die Nicht-an-G-tt-glaubenden!).
Eigentlich begegnet uns doch G-tt in jedem Blatt, in jedem Baum und unsere Ehrfurcht und Bewunderung fuer die Kraefte der Natur ist nichts anderes als Gebet, Hinwendung. Hinwendung zu dem, der all das nur fuer uns geschaffen hat.
Einen wunderschoenen Satz habe ich heute morgen auch von einer inzwischen guten Freundin gehoert, mit der ich mich ueber das Gebet unterhielt, was ich "nach dem Aufwachen aus der Narkose" sprechen wollte.
Sie sagte: "Du wirst sowieso in einem Daemmerzustand zwischen Schlaf und Wachsein sein, und koenntest dir vornehmen, solange ich mich nicht auf ein Gebet konzentrieren kann, "murmle" ich eben zu G-tt, ich werde so immer mit ihm in Verbindung sein."
Ein schoener Gedanke, der auch in unsere Beziehung zu G-tt mehr Gelassenheit bringt, das Tempo rausnimmt, und dadurch fuer viel mehr Tiefe, Verstaendnis und Liebe sorgt.
Auch darum moechte ich mich ab jetzt kuemmern, dann kann mein Kranksein vielleicht noch viele Blueten tragen, koerperliche, seelische und geistige.
Shabbat shalom!

Mittwoch, 26. Mai 2010

Wo fuehrt der Weg hin?......

Mein Leben steht vor einem Wendepunkt. Soviel ist klar. Ein wenig scheint es mir, als sei es auch ein gefaehrlicher Wendepunkt, aber das mag daran liegen, dass die Angst sicher nicht wegzureden, oder wegzubeten ist. Sie gehoert zum Mensch-sein und will gehoert und anerkannt werden.
Entscheidend in unserem Leben ist lediglich, dass die Angst nicht ueberhand nimmt, nicht alles beherrscht. Zuversicht und Vertrauen muessen ausreichend Platz haben, um sich zu entfalten und zu wachsen. Mein Lebenstempo hat schon begonnen, sich zu aendern, zu verlangsamen. Es wird mir klar, dass ich immer nur renne. Ich gehe aus dem Haus und renne. Ich komme von der Arbeit, und renne. Warum renne ich eigentlich, wenn ich VON der Arbeit komme? Ich will zuhause ankommen, ist die Antwort. Schade, Noa, schade um die vergeudete Zeit, die du diesen Heimweg doch geniessen koenntest, denn er ist bereits ein Teil deiner Freizeit. Du machst ihn zum Rennen, zum erneuten Stress, der nicht noetig ist, ungesund und zerstoererisch.
Ich spuere, dass ich mich - sobald ich die ersten Rennschritte wieder mache - zwingen muss, langsam zu gehen, so sehr hat sich mein Tempo bereits verselbststaendigt. Mein Leben lang bin ich "auf schnellem Fuss" unterwegs.
Die letzten Jahre bedeuteten weiteren Stress. Die einzige Zeit im Jahr, die Urlaub bedeutet, habe ich in den letzten fuenf Jahren mit Volontariaten in Israel verbracht, der Giur war ein Marathon fuer sich, der mein Leben einmal von links auf rechts umgekrempelt und auf den Kopf gestellt hat und gleich ging es weiter nach Israel. In Deutschland die Wohnung aufgegeben, unbezahlten Urlaub fuer ein Jahr genommen, um nach drei Monaten bereits wieder zurueck zu kehren. Neuanfang, mit Nichts, Wohnung finden, Arbeit fuer ein Dreivierteljahr finden, bis zum Ende des unbezahlten Urlaubs.
Antrag stellen bei der Jewish Agency fuer eine Einwanderung nach Israel und weiter im Tempo. Angekommen in Israel keine Minute Zeit - sofort losrennen, Arbeit suchen, Wohnung suchen.
Steht es mir jetzt nicht wirklich zu, zu verschnaufen, innezuhalten und auch einmal mein Alter zu beachten?
Es kann auf keinen Fall in diesem Tempo weitergehen und ich werde mir auch nach der OP keinen Gefallen tun, wenn ich versuche, da weiterzurennen, wo ich stehen geblieben bin.
Mein Leben wird (und MUSS) sich aendern und dennoch fuehle ich, dass es sich zum Gesunden hin aendern wird.
Ich lebe in Israel, da wo ich sein wollte. Ich habe eine einzigartige Natur um mich herum, die es gilt, in vollen Zuegen zu geniessen, wann immer es geht.
Ich habe die Shabbatot, die ich immer so erleben wollte, bin ein Teil einer wirklich wundervollen Gemeinde und bin von warmherzigen Menschen umgeben, denen es nicht egal ist, was mit mir wird.
Ich bin dabei, meine Tiefe im Glauben - auch wenn ich dachte, dass mehr nicht geht, - noch weiter zu vertiefen und das ist ein bisschen wie feste Wurzeln zu schlagen.
Das kommende Wochenende werde ich wieder einmal bei der befreundeten Rabbinerfamilie in Alon Shwut verbringen, wo ich mir weitere Seelen-staerkung holen werde, fuer das Kommende und die wohltuende Ruhe auf dem Land mit Lesen und Spaziergaengen nutzen werde.


Sonntag, 23. Mai 2010

Seelischer Beistand - dringend benoetigt!

Zurzeit benoetige ich jede spirituelle Staerkung, die es nur gibt. Ich habe gestern ein Gespraech mit einem unserer Gemeindeverantwortlichen gefuehrt, ueber spirituelle Vorbereitung auf eine solche OP. Wir haben ueber Tehillim (Psalme) gesprochen und wie man am besten in eine Narkose hineingeht.
Meine Frage, ob man vor der Narkose das "Shma" sprechen sollte, oder nach dem Aufwachen, b"h, das "Moda ani..", wurde dahingehend beantwortet, dass es keine Regeln oder Verpflichtungen gibt, im Krankheitsfall, sondern dass man seinem eigenen Beduerfnis nachgehen sollte.
Es gibt zwei Tehillim, die ich in meiner Lage besonders mag, und die zu mir sprechen, diese sind Nr. 130 (Shir haMaalot, Mi Maamakim karaticha haSHem..) und Nr. 121 (Shir haMaalot, Essa Einai....meAin Javo Esri.... ja, woher soll wohl Hilfe kommen, wenn nicht von ihm..??)
Ich habe das Beduerfnis, mit dem Krankenhausrabbiner zu sprechen und ihn zu meiner Unterstuetzung zu bitten, und hoffe, dass das zu seinen Aufgaben gehoert. Man will dies fuer mich ueberpruefen.
Ueberhaupt gibt es von der Gemeinde auch konkrete Hilfsangebote, wie Besuche im Krankenhaus, Einkauf, Essen bringen nach der Entlassung..
Am kommenden Wochenende werde ich noch einmal zur Familie eines Rabbiners aus Alon Shwut fahren, die ich schon laenger kenne, und die mich - selbst waehrend meiner Vorbereitungszeit in Deutschland - durch e-mail-Kontakt sehr gestaerkt hat. Der Rabbiner ist ein sehr feiner warmherziger Mensch, der eine besondere Verbindung zu Menschen hat, die ueber einen Giur zum juedischen Volk kamen. Er ist selbst ein Mitglied eines Beit Din.
So hole ich mir zurzeit von allen Seiten Hilfe, Unterstuetzung, seelische Fuersorge.... Mit einem guten Polster an Ratschlaegen und Beistand fuehle ich mich besser gewappnet fuer die Dinge, die da auf mich zukommen, und die ich noch so gar nicht richtig begreifen und verdauen kann.
Und in allererster Linie wird die Verbindung zum Himmel gerade tiefer und tiefer, was mir unerschoepfliche Kraftreserven bietet.

Freitag, 21. Mai 2010

Shabbat Shalom!

In der Parashat HaShavua geht es diese Woche unter anderem um den "Nasir", einem Menschen, der sich vom weltlichen zurueckzieht fuer eine Weile, um G-tt naeher zu kommen.
Da es normalerweise im Judentum nicht darum geht, sich Askese aufzuerlegen oder als Eremit zu leben, hat der Nasir bereits eine viel hoehere Stufe erreicht als die meisten anderen "Normalbuerger".
Wir Durchschnittsmenschen sollten versuchen, in dieser Welt zu leben, unter Menschen, und die Tora in den Alltag mit hineinzubringen, mehr auf Menschlichkeit und Naechstenliebe zu achten.
Aber auch fuer uns gilt, dass es Zeiten gibt, in denen wir dem Beduerfnis nachgeben sollten, uns zurueckzuziehen. Es geht hier nicht um einen langen Zeitraum, sondern vielleicht nur um ein paar Stunden, einen Tag oder sogar einen Shabbat.
Hier ist Israel ist es schwierig, Einladungen abzulehnen, mit der Begruendung, man brauche einen Shabbat allein fuer sich.
Es wird nicht unbedingt verstanden, dass man die Einsamkeit der familiaeren Atmosphaere eines Shabbat vorzieht.
Aber es sollte so sein, dass wir gegenseitig auch diesen Wunsch respektieren und verstehen, dass das Beduerfnis nach temporaerer Einsamkeit eine wichtige Phase fuer unsere spirituelle Entwicklung sein kann.
Ich habe dieses Beduerfnis haeufig, nach mehreren Shabbatot voller Einladungen. Und in der letzten Zeit verstaerkt, da vor einem grossen Eingriff in Form einer Operation sich doch die Emuna, der Glaube vertieft. Man spricht mehr mit IHM, fuehlt sich sehr in Kontakt und benoetigt mehr Gebete und Besinnung.
Vor dem Hintergrund, dass man die ganze Woche ueber arbeitet, kann es dann sein, dass man die Stunden des Shabbat dringend fuer spirituelle Einsamkeit und das Zwiegespraech mit dem Schoepfer benoetigt.
So werde auch ich mich diesen Shabbat zurueckziehen, ohne mich traurig und allein zu fuehlen.
Vielmehr brauche ich die Kraft fuer alles bevorstehende, was im Rahmen der OP auf mich zukommt. Diese Kraft erhalte ich in meinen "Dialogen" mit IHM.
In diesem Sinne moeget ihr das tun, was euch an diesem Shabbat einfach nur gut tut und was die Seele in ihrem Bestreben, G-tt naeher zu kommen, staerkt.
Shabbat Shalom!

Donnerstag, 20. Mai 2010

כל ישראל חברים Herzkatheter

Ich kann mich kaum erinnern, wann ich in Deutschland einmal so viel seelische Unterstuetzung bekommen habe, bei einem Eingriff.
Heute war eine der unzaehligen Voruntersuchungen fuer die eigentliche Herz-OP. Der Herzkatheter (HIER erklaert), der zeigen sollte, ob meine Herzkranzgefaesse in Ordnung sind. "Wir wollen keine Ueberraschung erleben, waehrend der OP, und die haben wir schon in der Vergangenheit, wenn keiner vorher gemacht wurde.." so der Kardiologe, der die Untersuchung, die nicht furchtbar schmerzhaft, aber sehr unangenehm war, vornahm. An Anrufen mangelte es nicht. Jeder wuenschte mir viel Glueck und G-ttes Segen. Jeder bot sich an, mich abzuholen oder hinzubringen. Und ohne es zu wissen, hat wohl jeder an mich gedacht.
Im Vorbereitungsraum fuer den Herzkatheter wurde ich herzlich empfangen, und was mir nun schon zum zweiten Mal hier auffaellt, war die absolute Achtung der Intimsphaere. Niemals wurde ich unnoetig aufgedeckt, schnell wurde mir ein Nachthemd gereicht und niemand ueberging mein Schamgefuehl.
Das betone ich deshalb so ausserordentlich, weil es in Deutschland oft nicht der Fall ist und gedankenlos Menschen irgendwo halbnackt "herumliegen" muessen.
Es ist mir schon oft passiert und es ist fuer den Patienten und seine Menschenwuerde sehr unangenehm.
Ich habe mich als Mensch gefuehlt und wurde mehr als menschlich behandelt. Man hat meine Aengste be-und geachtet und mich getroestet.
Eine warme, herzliche Atmoshpaere.
Die eigentliche Untersuchung fand durch den Radialis-Puls statt (die Arterie am Handgelenk wurde punktiert und dadurch ein Katheter bis zum Herzen vorgeschoben), was es - anders als bei der Punktion der Leiste - ermoeglichte, sofort danach aufstehen zu duerfen und nicht weitere 7 Stunden flach liegen zu bleiben.
Das Vorschieben des Katheters in Richtung Herz spuert man an manchen Stellen, besonders an der Biegung vom Oberarm zum Oberkoerper. Es fuehlt sich bedrohlich an und man meint, es wuerde etwas "kaputt" gemacht.
Das wiederum rief bei mir eine Art Panikgefuehl hervor. Sofort wurde eine der Schwestern herein gerufen, die mich troestete und mir klarmachte, dass sie leider wieder hinausgehen muss, da sie nicht entsprechende Schutzkleidung fuer die Roentgenbilder trug, die anschliessend erstellt wurden.
Die Diagnose nach der Untersuchung: alle Herzkranzgefaesse sind mehr als in Ordnung.
Die Aortenklappe ist schwer verkalkt, durch ihre lebenslange Unfaehigkeit sich richtig zu schliessen oder vollstaendig zu oeffnen. Eine Anomalie (Bikuspidalis statt Trikuspidalis= zweizipfelig statt dreizipfelig) hat dazu gefuehrt.
Zusaetzlich ist die Aorta erweitert, wahrscheinlich durch den Druck, was zur Folge hat, dass in einer OP nicht nur die Klappe ersetzt werden muss, sondern auch ein Stueck der Aorta durch Kunststoff ersetzt wird. (HIER ein Video zum Thema Ersatz der Bicuspid-Aortenklappe)

Der Herzchirurg hat mit mir gesprochen und mir schon den Verlauf der OP erklaert. Am 3. Juni werde ich im Krankenhaus aufgenommen fuer weitere Voruntersuchungen, um dann zu erfahren, wann ich in der folgenden Woche zwischen dem 6. und 9. Juni operiert werde.
Das Herzzentrum im Shaarei Zedek Hospital ist in der kompletten 10. Etage untergebracht (Jesselson Heart Center "We are not treating problems, we are treating people"), in heller, freundlicher und moderner Atmosphaere. Alle OP-Raeume, die sich um das Herz drehen, alle Intensivstationen der Herzabteilung und die Zimmer befinden sich auf einer Ebene.
Ich kann nicht sagen, dass ich keine Angst habe, im Gegenteil, aber ich fuehle mich in den besten Haenden, die man sich vorstellen kann und mit G-ttes Hilfe wird es gut gehen.
Noch einmal ein grosser Dank fuer heute an die wirklich liebevolle Behandlung. Und an alle, die mich sofort nach der Untersuchung besorgt angerufen haben, um sich nach meinem Wohl zu erkundigen.
Danke auch fuer eure Gebete.

Freitag, 14. Mai 2010

Meine dankbaren Gedanken zum Shabbat

Viele Menschen haben mir bereits Hilfe fuer die Zeit meines Krankenhausaufenthaltes und danach angeboten. "Du bist nicht allein!" ist der Satz, den ich zurzeit sehr haeufig hoere. Heute morgen kam eine Nachbarin zu mir herueber, mit der ich bisher nie viel Kontakt hatte, da unsere Lebensweisen sehr unterschiedlich sind. Sie und ihr Mann leben nicht religioes. So lebt man z.B. am Shabbat aneinander vorbei. Der eine will Ruhe und Synagoge, der andere Fernsehen, mit den Kindern telefonieren und Musik. Sie war es aber heute, die mir die erste sehr konkrete Hilfe anbot. A, B und C. A = das Angebot, in jedem Falle nach der OP fuer mich mit einzukaufen, B= da sie von zuhause aus arbeitet, zu jeder Stunde des Tages ansprechbar fuer meine Wuensche zu sein (Medizin holen, etwas vergessen im Supermarkt, gemeinsam spazieren gehen... ) und C = mir Adressen zu besorgen, wo man z.B. eine Shiatsumassage umsonst erhaelt und und und.
"Falls du einmal zoegerst, oder dich unwohl fuehlst, nach Hilfe zu fragen, so musst du eines bedenken ", so sagte sie, "du nimmst deinem Naechsten damit die Moeglichkeit, helfen zu koennen! Sieh es einmal von dieser Seite. Gib uns die Chance, etwas Gutes zu tun!"
Sie erzaehlte mir noch aus ihrem Leben, und dass sie selbst einmal eine Krebserkrankung ueberwinden musste, dass aber diese Zeit in ihrem Leben die wichtigste war, die dazu fuehrte, dass es ein Leben "vor der Krankheit" gab und eines danach.
Ich freue mich ueber meine Hilfsangebote und sage allen DANKE. Auch denen, die mir durch den Blog staerkende e-mails schicken und mich in ihre Gebete mit einschliessen wollen. DANKE aus voller Seele!
Shabbat shalom!

Die tote Katze und die Stadtverwaltung

Seit ein paar Tagen macht sich ein sehr uebler Geruch breit, vor allem direkt vor meiner Wohnungstuer. "Das hat man schon mal in warmen Laendern im Sommer, dann stinkt es aus dem Abfluessen..." sagte meine Freundin, die zum Rauchen vor der Tuer sass und den Geruch auch bemerkte.
Ich habe die Abfluesse im Bad und in der Kueche ueberprueft, gesaeubert, aber der Geruch wurde eher intensiver.
Den Gedanken: " Es stinkt fast wie verwest..." wollte ich erst gar nicht zuende denken. .... bis ich dann heute morgen, beim Giessen der Blumen vor meiner Tuer durch Zufall entdeckte, dass eine tote Katze unter meinem Badezimmer liegt.
Ein kleiner Aufschrei - ekelerregender Geruch in der Nase - und schon war ich beim Nachbarn.
Der gab mir den Rat, mich schnell an die Stadtverwaltung zu wenden. Telefonnummer 106 und sie sind in vielen aehnlichen Faellen zur Stelle. Und tatsaechlich - ca. 1 Stunde nach meinem Hilfe-ruf kam ein Arbeiter dieses Buergerdienstes und entsorgte die Quelle meiner Geruchsbelaestigung.
Danke, liebe Stadtverwaltung!

Freitag, 7. Mai 2010

"Vertrauen" oder das "Gute an einem Stolperstein"

Auf den Seiten von Chabad zum Wochenabschnitt fand ich ein Zitat, was mich in meiner derzeitigen Lage anspricht.
"Ein Unglueck soll unser Herz beruehren und uns den Weg zurueck zu G-tt zeigen." (Maimonides)
Mein Herz ist beruehrt worden, und ich brauche nicht den Weg "zurueck" zu finden, denn ich kenne ihn. Dennoch bin ich in den letzten Tagen "naeher" gerueckt, fuehle mich staerker verbunden mit dem Himmel.
Ein Unglueck?
Die Diagnose "Ein angeborener Herzfehler, der nie entdeckt wurde, hat dazu gefuehrt, dass meine Aortenklappe schwer verkalkt ist, da sie sich in meinem ganzen Leben nie richtig oeffnen, noch schliessen konnte."
Durch einen "Zufallsbefund" bei der Einstellungsuntersuchung im Hadassah-Hospital aufgedeckt, habe ich es tatsaechlich anfangs als "Unglueck" empfunden. Es ist kein Spass, wenn eine Herz-OP noetig ist und man erschrickt sich. Ausgerechnet das Herz! Wir sind so abhaengig von seinem unermuedlichen Schlagen, seiner ausgefeilten Technik. Ohne Pause schlaegt es ein Leben lang, manchmal 80-90 Jahre.
Selbstverstaendlich, oder?

Mein zweiter Gedanke war aber: "Wenn mich G-tt nicht in dieses Land gefuehrt haette, und ich nicht ausgerechnet eine Arbeit im Krankenhaus aufgenommen haette.... wann waere dieser Defekt dann ueberhaupt entdeckt worden?
Die Aerzte in Deutschland haben jedenfalls - trotz sehr regelmaessiger Untersuchung - nie etwas entdeckt.
Musste ich erst hierher kommen, um "Heilung" zu erfahren?

Weiter heisst es dort:
Wenn ein Mensch realisiert, dass jeder Schicksalsschlag ein getarnter Segen ist, der deshalb nur noch wertvoller ist, kann er sich auch mit dem Schlimmsten nicht nur abfinden, sondern sogar freuen...
Ich weiss noch nicht genau, was ich aus dieser schweren Phase lernen soll, denn ich habe mich auch vorher schon an kleinen einfachen Dingen gefreut, das Leben sehr geschaetzt und jeden Tag gedankt dafuer.
Was ich aber sicher lernen muss, ist, dass das Tempo ein zu hohes in meinem Lebensabschnitt ist, und dass ich ruhiger werden muss.
Alle Beschwerden des letzten Jahres (die in Deutschland bereits begannen und im Laufe der letzten Monate staerker wurden), wie Muedigkeit, Schlappheit, und das vage beunruhigende Gefuehl, dass "irgendetwas nicht mit mir stimmt" bekommen nun einen Sinn.

Es wird noch ein paar Wochen bis zur OP dauern und ich habe mich nach einer Beratung mit den Kardiologen fuer eine Operation im Shaarei Zedek-Hospital (Shaarei Zedek= Tore der Gerechtigkeit) entschieden. (HIER noch ein paar Informationen zum Krankenhaus)
"Was wuerdest du tun, wenn Geld keine Rolle spielen wuerde? Wuerdest du nach Deutschland fliegen fuer diese Operation?" habe ich mich gefragt.
Die Antwort lautet ganz klar "NEIN".
Ich bin hier zuhause, ich lebe in Israel, hier haben die Aerzte entdeckt, was mit mir los ist und scheinbar wurde ich unter anderem deshalb hierher gefuehrt.
Nein, ich vertraue den Aerzten hier, habe Freunde, Nachbarn und Bekannte, die sagen: "Sorg dich nicht. Du bist nicht allein! Wir sind mit dir!"

Ich kann nicht sagen, dass ich keine Angst habe. Die Vorstellung, dass man fuer Stunden an einer Maschine haengt, die die Funktion des Herzens uebernimmt, waehrend das Herz aufhoert zu schlagen ist noch sehr fremd.
Ich kann nur hoffen und beten, dass dort oben jemand aufpasst, der die Haende der Herzchirurgen fuehrt und es gut mit mir meint.

Shabbat shalom!