Mittwoch, 28. Juli 2010

Ulrich Sahm - Buchtipp!

Ich wurde auf Ulrich Sahm aufmerksam waehrend des "Libanon-II-Krieges" 2006. Waehrend im Fernsehen und in den anderen Medien die ueblichen "Israel reagiert unverhaeltnismaessig"- Statements abspulten und meine Umwelt gefuegig darauf einging, gab es bei n-tv damals ploetzlich differenziertere Toene zu hoeren und zu lesen. Minutioes listete Ulrich Sahm die Ereignisse auf, die spaeter zum Krieg fuehrten. Er lebt seit Jahrzehnten in Israel und als ich nach dem Krieg wieder nach Israel fuhr, stand fest, ihn wollte ich kennen lernen.
Mit Ulrich Sahm in Kontakt zu kommen war nicht schwer, da seine Telefonnummer und Skype-Adresse auf seiner Website (HIER) zu finden sind.
So stand er auch keineswegs ablehnend einem Treffen gegenueber. Ich moege mich ins Taxi setzen und einfach "vorbei kommen", so schlug er vor.
Die naechsten zwei Stunden im Hause Sahm waren nur in einer Hinsicht quaelend fuer mich. Ulrich hat 2 Hunde, eine Katze und raucht unglaublich gern. (gegen Hunde UND Katzen bin ich allergisch, Zigarettenrauch ist ebenfalls schwer ertraeglich fuer mich..)
Abgesehen davon war die Zeit, in der mir Ulrich Sahm bereitwillig und freundlich von seinem Leben in Israel erzaehlte, hoechst interessant.
Ulrich Sahm haelt immer noch sporadisch Vortraege in Deutschland, um ein wenig "Aufklaerungsarbeit" zu leisten, aus der Perspektive eines in Israel lebenden Korrespondenten.
Nun ist seit einiger Zeit sein Buch fertig gestellt und ich habe mir die Leseprobe auf seiner Homepage durchgelesen.
"Alltag im gelobten Land" verspricht, nach unzaehligen - meiner Meinung nach immer gleich klingenden - Beschreibungen des Landes, Literatur der anderen Art zu sein.
Ulrich Sahm weiss, wovon der spricht, lebt hier und hat auch seinen eigenen Blick auf den sogenannten "Nahost-konflikt".
Unbedingt zu empfehlen ist in der Leseprobe der Abschnitt, wo Ulrich Aufzeichnungen waehrend des Anschlags auf das "Sbarro-Restaurant" veroeffentlicht oder eindruecklich beschreibt, wie die Bevoelkerung 1991 mit Gasmasken ausgestattet zu Hause auf die Raketen von Sadam Hussein harren sollte.
Nach der Leseprobe steht jedenfalls fuer mich fest, dass ich mir das Buch bestellen werde.
Herzlichen Glueckwunsch Ulrich, und vielen Dank fuer die Veroeffentlichung deiner Sicht der Dinge hier im Land.

Ruhebeduerfnis an einem windigen Tag

Ein angenehmer windiger Tag. "Geniesst diesen Tag", so wurde schon im Radio gesagt, "denn danach geht es wieder ganz rapide in Richtung HEISS." Bis zum Shabbat soll es wieder sehr unertraeglich werden.
Ich habe bereits gestern den aufkommenden Wind am Nachmittag genossen und mit meinem Waegelchen ein paar Einkaeufe gemacht.
Auch ein Gang zur Krankenkasse, zu meinem "Familien-arzt" stand auf dem Programm, sowie ein paar kleine Spaziergaenge.
Abends erst registrierte ich, dass ich mich noch nicht einmal fuer einen Mittagsschlaf hingelegt hatte und das war dann auch zu spueren.
Heute lasse ich es ruhig angehen, habe weder Arzt, noch andere Verpflichtungen auf dem "Programm" und kann meinem Tempo und meinem Befinden folgen.
Am fruehen Morgen habe ich bei kuehlem Wind einen halbstuendigen Gang mit ein paar Anhoehen gemacht. Anschliessend folgte ein ausgiebiges Schlaefchen. Ich denke, ich muss in dieser Phase ganz besonders auf mich achten, und meinem Ruhebeduerfnis, wenn es auftaucht, unbedingt nachgehen.

Montag, 26. Juli 2010

Mini-einkaufs-uebungsgang

Die Sonne scheint, der Wind weht gerade angenehm und nach meinem Mittags-schlaefchen habe ich mich auf den Weg gemacht, mit wunderbaren Liedern von Galei Zahal auf den Ohren zum Supermarkt Rami Levi. Ich darf noch nicht viel tragen, aber ich muss mehr laufen ueben, um zu Kraeften zu kommen. Daher sind diese Mini-einkaeufe gerade richtig.
Das Leben scheint wieder von seiner schoenen Seite und ich begnuege mich mit meinem Schlender-tempo. Musik auf den Ohren (hier alle israelischen Sender!) hebt die Stimmung bei mir immer nochmal um mindestens drei Stufen an. Ich bedanke mich heute wieder einmal fuer die Natur, die uns hier umgibt. Sie traegt wahrhaftig zur Heilung bei!

Tu beAv - das Fest der Liebe

Tu beAv ( 15. Av, aus den Buchstaben "tet" und "wav", die die Zahl 15 ergeben) ist ein "Mini-feiertag", der unter anderem den Beginn der Weinlese kennzeichnet. Bereits in der Mishna erwaehnt, ist er ein Freudentag. ( Unter anderem steht dort "Es gab keine groesseren Feiertage fuer Israel als den 15. Av und Yom Kippur").
Unter anderem beschreibt der Talmud, dass eines der historischen Ereignisse die Erlaubnis fuer die Staemme Israels war, untereinander zu heiraten, was in der ersten, das Land erobernden Generation verboten war, um eine gerechte Verteilung des Landes unter den Staemmen zu sichern. Mehr dazu HIER)
In der Nacht vom 14. zum 15. Av (das war in der letzten Nacht) wird gesungen, getanzt und Hochzeiten gefeiert. Heute bekannt als "Fest der Liebe", kann man - wie in Deutschland beim Valentinstag - vieles fuer den/die LiebsteN kaufen. Blumen, Schokolade, und was das Herz begehrt.

Fest der Liebe und sogar in einem Atemzug mit Yom Kippur?
Ich habe mir dazu ein paar eigene Gedanken gemacht. Wenn wir lieben, vielleicht sogar den Liebsten, die Liebste heiraten, (was viele Paare hier um den 15. Av herum tun..) geben wir einem anderen Menschen einen grossen "Vorschuss" an Ahawat Chinam, an Liebe, die nicht an eine Bedingung geknuepft ist, wir lieben den anderen einfach so, wie er ist. Liebe, die Bedingungen stellt ist nicht von langer Dauer. "Ich liebe dich, weil du so ein grosser Wissenschaftler bist, weil du mir bei ....hilfst, weil du eine wundervolle Figur hast..." Faellt die Bedingung irgendwann einmal weg, und die Liebe war in der Hauptsache daran geknuepft, wird auch die Liebe bruechig.

Um uns dem anderen in Liebe zuwenden zu koennen, muessen wir aber auch in der Lage sein, uns selbst zu lieben.
Wer nicht sich selbst lieben kann, kann seine Liebe auch nicht jemand anderem geben, so heisst es nicht selten.
Wie gehen wir mit uns und unseren Defiziten um? Das wird ganz erheblich die Art und Weise beeinflussen, wie wir mit den "Schwaechen" unseres Partners umgehen. Nicht selten sind sehr selbstkritische Menschen auch diejenigen, die jeden Tag anklagen, ob den Naechsten, den Partner oder den guten Freund.
In irgendeiner Weise kann es sehr hilfreich sein, wenn wir "im Reinen" mit uns selbst sind, unsere Charaktereigenschaften als solche "in Liebe" annehmen und nicht allzu streng mit uns ins Gericht gehen. (Lebenslanges "an uns arbeiten", um uns immer wieder ein wenig weiter zu bringen, schliesst das nicht aus).
Yom Kippur ist ein Tag, an dem wir bewusst mit uns selbst ins "Gericht" gehen, so wie wir uns vorstellen, dass G-tt es tut. Wir ziehen eine Bilanz und stellen - im besten Falle ehrlich - fest, wo wir uns dringend verbessern muessen.
Nach diesem "Ins-Gericht-Gehen" darf aber eines nicht fehlen, naemlich die Hoffnung und Zuversicht, dass wir uns eine neue Chance geben, weil G-tt es auch tun wird. Wir sollten - wie wir es vielleicht mit einem kleinen Kind tun, was etwas Verbotenes getan hat - auch uns selbst mit einem Laecheln bedenken, einem nachsichtigen Laecheln.
Wenn wir uns selbst lieben koennen, schaffen wir es auch, diese Liebe einem anderen Menschen zu "schenken" (fuer ein Geschenk verlangt man uebrigens keinen Gegenwert) und ich wuerde sogar noch einen Schritt weiter gehen, zu behaupten, dass wir erst dann auch G-tt lieben koennen, mit unserem ganzen Herzen, unserer ganzen Seele und unsere gesamten Kraft.

Freitag, 23. Juli 2010

Sichtweisen und Dankbarkeit - Shabbat shalom

"Warum geschieht mir all das? Fuer welche Dinge, die ich im Leben nicht hinbekommen habe, kann das wohl eine "Strafe" sein? Ich habe so viel falsch gemacht, vor allem mit meinen Kindern, war ihnen nicht immer eine gute Mutter, habe viel an mich selbst gedacht und oft nicht an ihr Wohl.... ich weiss das und bereue es zutiefst. Es tut mir leid, aber ich kann es nicht ungeschehen machen. Ist es - auch wenn wir zutiefst unsere Fehler einsehen und bereuen - dennoch so, dass eine Strafe folgt?"
Saetze wie diese gehen mir oft durch den Kopf, wenn ich all das Revue passieren lasse, was mit mir in den letzten Woche geschehen ist.
Immer wieder aber auch schlaegt dann die Theorie der Strafe um in ein tiefes Gefuehl der Dankbarkeit und Ehrfurcht, vor dem Hintergrund, dass ich mich auf eine ganz besondere Weise "gerettet" fuehle.
G-tt, (oder fuer andere "das Schicksal, die Fuegung, der Zufall"....) hat mich hierher gefuehrt und hier kam alles ans Licht, wodurch es moeglich war, zu "reparieren", zu retten, vielleicht wirklich sogar mein Leben zu retten.
Wann waere ich in Deutschland mit der unklaren Aussage: "Irgend etwas stimmt nicht mit mir... manchmal fuehle ich mich schwach und muede..." zum Arzt gegangen? Und vor allem: Waere ich dann an einen Arzt geraten, der genau die richtige Untersuchung gemacht haette? Oder waere es wieder auf eine allgemeine Blutuntersuchung hinausgelaufen, die nicht viel ergeben haette?
Was waere gewesen, wenn....
Aber es war nicht so, sondern ich bekam ein Geschenk, das Leben. Ich wurde - wenn man so will - direkt ins Leben gefuehrt.
Somit koennte die umgekehrte Frage lauten: habe ich es verdient, und vor allem: womit?, dass er mich belohnt, indem ich leben darf, weiter leben darf?
Sind all die Schmerzen, die Komplikationen, die schlimmen letzten Wochen nach der Operation, die Sehnsucht nach den Toechtern, nur der Preis fuer etwas, fuer das es sich lohnt zu "er-dulden", da ich dafuer aber ins Leben gefuehrt werde?
Ich moechte versuchen, nicht an Strafe zu glauben, denn dafuer ist das, was geschenkt bekomme zu gross, zu sehr wert, dankbar zu sein.
Ich gehe voller Dankbarkeit in den Shabbat und glaube an die Fuehrung, den Ruf, die Rettung. Ich glaube an das Leben.
Shabbat shalom!

Donnerstag, 22. Juli 2010

Warum nicht geniessen?

"Warum mache ich mir nicht einfach jetzt ein schoenes Leben?" schoss es mir gerade bei einer Abendrunde um den Block durch den Kopf. Ich bin durch meine Umgebung geschlendert, die ich immer schon schaetze und von deren Natur ich nicht genug bekommen kann, habe die kleinen Papageien beobachtet, die puenktlich zu einem bestimmten Zeitpunkt morgens und abends lautkreischend ihre Runden drehen, habe die Bluetenpracht in mich aufgesogen und die Groesse der Granataepfel bewundert. Immer wieder bewundernswert ist auch die enorme Hoehe der Eukalyptusbaeume und deren weissliche Staemme. Der Wind weht auch zu dieser Jahreszeit in Jerusalem gegen 19h herum angenehm und man kann atmen.
Heute morgen habe ich einen Freund in seiner Kanzlei besucht und prompt fuer meine letzten Uebersetzungstaetigkeiten 200 Shekel bekommen, was ich ganz vergessen hatte. Zurueck in der German Colony dann in die Tachanat Cafe, Zeitung lesen und Eiscafe trinken.
Es ist so eine Art "Rentnerleben", was ich sicher noch eine kleine Weile so leben werde, denn immerhin war das nach dem letzten Krankenhaus-und Reha-aufenthalt mein erster Tag zuhause. Ganz normal ohne geschuetzten Rahmen leben, schlendern, spazieren und ausruhen, ohne voellig ausser Atem zu sein, und peu a peu die Zeiten, die ich auf den Beinen bin, verlaengern, wird das erste und einzige Ziel der naechsten Tage sein.
"Warum es nicht geniessen, solange der finanzielle Druck mir noch nicht um die Ohren pfeift, da es noch eine Spende gab, die mir die Miete ermoeglicht und einen Antrag bei einem Fond auf Unterstuetzung, falls sie noetig wird..."
Es gibt schliesslich Schlimmeres als Morgen-und Abendspaziergaenge in wunderschoener Umgebung, oder?
Und morgen ist wieder ein kleiner Agrarmarkt in der Moshawa, wo auch eine Shiatsumassage (auf der Matratze im Freien auf der Wiese...) angeboten wird, die ich mir noch einmal leisten werde. Die letzte, vor 14 Tagen, war eine Wohltat fuer meinen doch sehr geplagten Ruecken.

Gebuehrenfrei und lebensnah

Wenn es etwas gibt, was ich waehrend der schwierigen letzten Wochen erhalten habe, dann ist es unter anderem ein wirklich fundiertes Wissen an medizinischen Fachausdruecken auf hebraeisch, was mir, als Sozialarbeiterin im Krankenhaus zugute kommen wird. Vor einiger Zeit hatte man mir vom Arbeitsamt angeboten, an einem solchen Kurs teilzunehmen, um meine Moeglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt zu erweitern. Inzwischen kenne ich die meisten Koerperteile, und darueber hinaus so manche Beschreibung einer Operation oder eines Eingriffes am Herzen. Ich bin - gewissermassen - Fachfrau fuer "Herzensangelegenheiten" geworden.
Mit einem kleinen Seufzer kann ich versichern, dass ich mir dieses Wissen aber doch lieber auf andere - theoretischere - Art und Weise angeeignet haette.
Auch das Gesundheitssystem habe ich ausfuehrlich kennenlernen duerfen. Viele Belange der Krankenkasse, die Vorzuege einer erweiterten Krankenkassenmitgliedschaft und das Vorgehen im Falle eines Krankenhausaufenthaltes sind mir nun gelaeufig. Und das alles in einem "lebensnahen" (naeher geht es nicht...) Crash-kurs bereits in den ersten neun Monaten meiner Einwanderung.

Zuviel passiert?

Gestern wurde ich "wieder einmal" aus dem Krankenhaus entlassen. Waehrend der Reha, die mich eigentlich einen grossen Schritt nach vorn in Richtung Heilung, Training, Normalitaet bringen sollte, bekam ich Fieber. Da das mit der neuen "Klappe" gefaehrlich ist und man eine bakterielle Infektion ausschliessen wollte, schickte man mich sofort mit der Ambulanz ins naechste Tel Aviver Krankenhaus. Dort landete ich auf der "Inneren", mit 9 anderen Menschen auf dem Krankenhausflur. Die Zustaende waren schrecklich und ein israelischer Besucher versicherte mir:"So was habe ich sicher 30 Jahre nicht mehr gesehen!!"
Nach zwei Tagen und Hilfeanrufen bei "meinem" Kardiologen war endlich ein Platz im "Heimatkrankenhaus" Shaarei Zedek frei und man verlegte mich dorthin. Wie froh war ich!
Nun schaue ich auf die letzten fuenf Wochen zurueck, die seit der Operation vergangen sind und kann es gar nicht fassen. 7 - 10 Tage, so hatte man mir prophezeit, dann bist du wahrscheinlich wieder zuhause und es geht aufwaerts. (...wenn alles gut geht und ohne Komplikationen verlaeuft!). Es gab Komplikationen, es gab einen Herzschrittmacher, den ich noch "verdauen" muss, da ich mich damit vorher nicht beschaeftigt hatte und es gab immer wieder Rueckschlaege. Nach meiner gestrigen Entlassung habe ich die gleichen Dinge getan wie nach der letzten Entlassung vor 14 Tagen. Und war in etwa gleicher Verfassung.
Ich habe einen leichten Spaziergang in meiner schoenen Umgebung gemacht, bin zur Post gegangen, und durch die Emek Refaim geschlendert.
Es ist erschreckend, bereits auf einem anderen Weg gewesen zu sein, mehr Kraft gespuert zu haben, mehr Beduerfnis nach Bewegung und "Training". Die relative Ruhe in der Reha und das gute Essen gaben einen Schub nach vorn, der mir dann in einer Krankenhausabteilung, wo man nachts kein Auge zutun konnte, wie ein Teppich unter den Fuessen weg gezogen wurde. Jemand kommentierte einen Blog-artikel von mir mit "Sie haben zuviel erlebt in den letzten Wochen.." und das ist wahr.
Noch nie zuvor in meinem Leben habe ich etwas aehnlich Heftiges erlebt, an Koerper und Seele. Keine Schilddruesen-OP und keine Kaiserschnittgeburt kann ich damit vergleichen.
Auch ueber Wochen nicht "aktiv" und bei Kraeften zu sein, kenne ich nicht. Es ist einfach zuviel, womit auch der Geist sich beschaeftigen muss. Man hatte mir bereits gesagt, dass eine Herzoperation eine andere Geschichte ist als andere Krankheiten und es scheint jeder anders damit umzugehen. Es gibt Menschen, die fragen keine Fragen, wollen nichts wissen, versuchen einfach auszublenden, was mit ihnen passiert und auessern auch keine Aengste. So berichtete mir die Sozialarbeiterin des Krankenhauses. Andere - wie ich - fragen sich, ob ihre Gefuehle und Aengste normal sind, ob andere aehnlich empfinden mit einem Herzschrittmacher und aehnliche Sorgen in Bezug auf die neue Herzklappe haben.
Eine dritte Gruppe wiederum - so der Kardiologe - kommt mit einer riesigen Liste, klein geschriebener Fragen, die "abgehakt" werden will.
Bereits die Diagnose, etwas "am Herzen" zu haben, loeste eine Menge an Empfindungen aus. Das vereint Menschen, die einen Herzinfarkt erlebt haben mit denen in meiner Lage.
Ploetzlich ist das wichtigste in unserem Koerper, um zu leben, in Gefahr, waehrend niemand die unzaehligen Schlaege des Herzens Stunde um Stunde, Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt zu schaetzen weiss, wenn alles seinen gewohnten Gang nimmt und nichts Besonderes passiert.
Ich brauche noch viel Zeit, um all das "sacken zu lassen", was passiert ist, es richtig zu be-greifen und zu verinnerlichen. Im Moment fuehlt es sich noch so an, als sei ein Tornado ueber mich hinweg gefegt, den ich nicht habe kommen sehen. Er hat mich mitgerissen und nun schaue ich ihm unglaeubig hinterher mit der inneren Frage: Was war das denn?

Freitag, 16. Juli 2010

Shabbat Shalom!

Shabbat shalom aus dem futuristischen, sterilen Reha-Zentrum "Assuta" in Tel Aviv. Gaebe es den Hayarkon-Park nicht hinterm Haus, in den ich mehrfach am Tag entfliehen muss, so haette die Seele wenig zur Gesundung und Staerkung. Aber es ist nur eine begrenzte Zeit und ich weiss, warum ich hier bin. Es gibt Shabbat-aufzuege, eine Synagoge, usw., jedoch haelt meine Zimmernachbarin nicht Shabbat, weshalb ich schon endloses Telefon-klingeln auf mich zukommen sehe. O.K. ich werde es hinter mich bringen und mich auf den Montag freuen, an dem ich entlassen werde.

Freitag, 9. Juli 2010

Erste Schritte in Freiheit..

Noch ist es mir verboten, mehr als 3 kg zu tragen, daher hat eine Freundin gestern auf dem Weg nach Hause mit mir eingekauft und Medikamente besorgt.
Anschliessend habe ich mich an einer Dusche in den eigenen (wenn auch kleinen) vier Waenden erfreut.
Ein langsamer, vorsichtiger Spaziergang zur Post und zum Supermarkt in der Emek Refaim folgten, und auf dem Rueckweg ein Mini-Besuch in der Nachbarschaft. Ich habe eine sehr offene Einladung zum Shabbat, darf kommen, wenn ich kommen will und kann, und werde wieder gehen koennen, wann es passt. Das tut gut und setzt mich nicht unter Druck.
Vor der Nacht hatte ich Angst. Schliesslich war es beim letzten Mal auch die Nacht zuhause, die die Gewissheit brachte, dass ich wieder zurueck in die Behandlung muss. G-tt sei dank war es dieses Mal anders, ich konnte sogar relativ flach liegen. Der Schlaf war viel besser als im sehr geraeuschvollen Krankenhaus und es gab keine Atemprobleme.
Nach einem Fruehstueck habe ich einen zweiten sehr vorsichtigen Spaziergang gemacht, zum "Shuk haIkarim", einem kleinen Markt mit Agrar-erzeugnissen, Schmuck und Porzellanwaren.... auch gibt es dort das Angebot von Shiatsu-massagen. Ich habe erst besprochen, was bei mir zu beachten ist und mich dann aeusserst wohl gefuehlt, bei angenehmer Live-Musik auf einer Matratze im Freien zu liegen und mich einfach nur verwoehnen zu lassen.
Menschen beobachten, einfach nur sitzen und einen Shake schluerfen und auf diese Weise das Gefuehl bekommen, ins "Leben zurueck zu kommen" tat unendlich gut.
An alle Shabbat shalom!

Donnerstag, 8. Juli 2010

Als ich "keine Stimme hatte.." Ein kurzer Abriss der Geschehnisse

Waere es ein ganz normaler Heilungsprozess nach erfolgreicher Operation gewesen, so haette ich bereits nach einer Woche bis zehn Tagen auf dem Weg in die Rehabilitation sein koennen.
Was ich aber hier im Jesselson Heart Center des Shaarei Zedek Hospitals gelernt habe, ist, dass doch fast jeder seine eigenen spezifischen Komplikationen entwickelt.
In meinem Falle bedeutete das zwar eine erfolgreiche Herzoperation mit Austausch der Aortenklappe und eines Teils der Aorta, aber der normale Puls wollte sich nicht wieder einstellen. Ohne die zwei aeusseren Herzschrittmacher, die mir zur Unterstuetzung an die Seite gestellt wurden, kam der Puls nicht hoeher als 40 Schlaege.
Eine Ueberwachung war noetig, so dass ich nach einem Tag auf der normalen Station wieder in die Intensivstation verlegt wurde. Die Schwaeche hielt an und ich fuehlte mich nicht einmal wie ein halber Mensch. Nach ein paar Tagen war klar, dass durch die Operation doch wohl das Reizleitungssystem beeintraechtigt worden war. Das bedeutete, man wuerde mir einen bleibenden Herzschrittmacher einpflanzen.
Auf dem OP-Tisch gab ich an, ich koenne nicht so flach liegen, ohne Atemprobleme und nachdem man der Sache nachging stellte man Wasser im Pleuraraum fest. Zurueck auf der Intensivstation fuehrte man auf der rechten Seite zwischen den Rippen eine Leitung ein, die man mit einem Geraet verband, das das Wasser absaugen sollte. (Ja, es tut weh).
Diese Nacht erinnere ich als die intensivste Naehe zum Himmel. Nicht, dass ich in so großer Lebensgefahr gewesen waere, aber durch Schmerzen, die trotz starken Schmerzmitteln nicht verschwanden habe ich mich nur mit EINEM verbunden und ihn um Hilfe gebeten, wirklich die ganze Nacht lang. „Eli, Eli......! „ habe ich im Halbschlaf immer vor mich hingefluestert und so um Hilfe gebeten.
Am naechsten Tag war Shabbat und ein weiteres sehr intensives Erlebnis wird immer in meiner Erinnerung bleiben. 6 -7 ganz besondere Menschen aus meiner Jakar-Gemeinde hatten sich zur Seudat-Shlishit-Zeit auf den Weg zum Krankenhaus gemacht, um mit mir gemeinsam zu singen. Die Schwestern hatten nichts dagegen und so lag ich ziemlich platt in meinem Bett – im Zimmer wo Rabbi Mordechai Eliahu kurz vorher gestorben war – und um mich herum besondere Menschen. Ich glaube ich habe die gesamte Zeit ueber geweint, aber dieses Mal nicht vor Schmerzen, sondern in großer Ruehrung. Was diese Mitmenschen mir in dieser Stunde für Trost bereitet haben, kann ich gar nicht oft genug betonen. Es war eine der intensivsten und spirituellsten Stunden, die ich wohl je erlebt habe.
Am naechsten Tag war es dann soweit, ich bekam meinen endgueltigen Herzschrittmacher. Eine Tatsache, die keine besonderen Nachteile mit sich bringt. Man kann gut und relativ normal mit ihm leben, und dennoch – geplant war er nicht und ich musste mich erneut mit einer zusaetzlichen Tatsache abfinden.
Da meine Blutwerte so schlecht waren, dass an eine Staerkung nicht zu denken war, bekam ich eine Portion Blut.
Die Massnahme war sinnvoll und brachte fuehlbare Kraft. „Man fuehlt sich wie ein Lappen.....und muss jede Bewegung fast neu lernen..“ so hatte mir jemand vor der OP erzaehlt.
Das war noch stark untertrieben, denn irgendwie ist selbst das Heben des Armes anfangs mit ganz großer Kraftanstrengung verbunden.
„Du hast eine sehr schwere OP hinter dir. Vergiss nicht, dass es wenige Operationen gibt, die eine groessere Belastung für den Koerper sind!“ so sagte der Arzt immer wieder, wenn ich fragte, ob diese oder jene Beschwerden „normal“ seien.
Die Betreuung in der Intensivstation war sehr professionell und hochmodern – da ich jedoch das „Vergnuegen“ hatte, bei vollem Bewusstsein fast eine Woche dort zu verbringen, ohne genug Kraft eine Schwester zu rufen, bekam ich viele Defizite im menschlichen Bereich mit. Anscheinend ist man in der Intensivmedizin fast ausschliesslich auf die „Vitalzeichen“ fokussiert, die auf einem riesigen Flachbildschirm ueberall sichtbar sind. Blutdruck, Puls, Sauerstoffsaettigung sind die wichtigsten Parameter. Man beobachtet staendig den Bildschirm und der Mensch, der „unter dem Bildschirm“ liegt wird wenig (bis gar nicht) beachtet. Die meisten Menschen dort bekommen das nicht mit, da sie ohne Bewusstsein sind. Ich jedoch fuehlte mich mehr und mehr missachtet und als ich wieder „eine Stimme hatte“ platzte es aus mir heraus. „Ich bin doch noch ein Mensch unter diesem Bildschirm. Interessiert sich ueberhaupt jemand dafuer, wie es mir geht? Schaut mir einmal jemand ins Gesicht? Wer sucht den Augenkontakt mit mir?“
Es gab Schwestern, die von meinem „Ausbruch“ beeindruckt waren und mir recht gaben.

Nach zwei Wochen wurde ich nach Hause entlassen, um am naechsten Tag in die Rehabilitation nach Tel Aviv zu gehen. Leider wurde auch daraus nichts, denn in der Nacht bekam ich kaum Luft und kehrte am Morgen ins Krankenhaus zurueck. Wasser hatte sich in großer Menge im Pleuraraum angesammelt. Wie mir der Arzt erklaerte, ist das in manchen Faellen (leider auch bei mir) die Reaktion des Koerpers auf das Trauma der OP. Man fuehrte zum zweiten Mal eine Art Absaugsystem in den Zwischenrippenraum ein, dieses Mal auf beiden Seiten. Eine ganze Woche lang produzierte der Koerper immer wieder neue Fluessigkeit. Schliesslich wurde noch eine neue Medikation verabreicht um die Produktion zu stoppen.
So warte ich nun erneut auf den Platz in der Reha, mit vorsichtigem Optimismus und einer Menge an Angeboten ganz pragmatischer Art. Es gibt Menschen, die fuer mich gespendet haben, konkrete Antraege auf Unterstuetzung durch Fonds für derartige „Faelle“, einfach, um den Lebensunterhalt weiter bestreiten zu koennen. Das nimmt mir ein wenig den Druck, in kuerzester Zeit wieder zur Arbeitsroutine zurueckkehren zu muessen, um meine Miete und meinen Unterhalt zu finanzieren. Ich bin gespannt, wie weit mich die Rehabilitation bringt, die ein Angebot von Uebungen, Vortraegen, psychologischer Unterstuetzung und Wiedereingliederung bereithaelt, zwar nur fuer maximal eine Woche, aber immerhin ….
Die letzten Wochen waren irgendwie ein grosses Trauma. Was mit einem passiert, bei einer so grossen OP kann man kaum beschreiben und es wird eine ganze Zeit dauern, bis ich das alles verdaut habe.
Eines kann ich jetzt schon sagen – etwas aehnlich Heftiges habe ich bislang in meinem Leben noch nicht erlebt, es ist mit nichts zu vergleichen.
Gestern abend habe ich noch einmal die Intensivstation besucht. Ich hatte den starken Drang, einen Kreis schliessen zu muessen, noch einmal an den Ort der staerksten emotionalen und physischen Schmerzen zurueck zu kehren und so war es dann auch aufregend und aufruehrend, in dem Raum zu stehen, in dem ich am Ende meiner Kraefte war und „keine Stimme hatte“.