Mittwoch, 28. September 2011

SHANA TOVA

Was wird uns das Neue Jahr bringen? Wo werden wir sein, in ein paar Monaten, in einem Jahr? Das Leben ist und bleibt spannend, denn niemand von uns weiss, was ihn erwartet. Wir koennen fuer unsere Ziele und Wuensche beten, auf dass sie sich erfuellen moegen, aber Gewissheit haben wir nicht. Waehrend wir Plaene schmieden, hat ER laengst etwas anderes mit uns vor. Doch er wird uns auch die Kraft geben, das, was er fuer uns vorgesehen hat, zu bewaeltigen. Was also bleibt uns zu tun? Wenn ihr mich fragt, dann ist es einen Versuch wert, die kleinen Dinge im Leben noch mehr zu achten und zu erkennen. Uns an den wenigen Granataepfeln, die der deutsche Supermarkt bietet, zu erfreuen, die Sonne willkommen heissen, die zum Fenster herein schaut, uns gluecklich schaetzen, wenn wir morgens gesund aus dem Bett steigen und in die Gesichter der Menschen schauen, die uns begegnen. In jedem Menschen ist etwas Besonderes, sagt das Judentum, etwas Verborgenes. Genauso, wie an jedem vermeintlich "Schlechten", was uns ereilt, auch etwas Gutes stecken kann. "Hakol letova" sagt man, "alles zum Guten". Wie oft hat sich im Nachhinein schon erwiesen, dass das, was wir fuer ein Unglueck hielten, sich spaeter als Segen herausstellte.
Wir koennen versuchen, auch wenn uns nicht nach Laecheln ist, ein freundliches Gesicht dem Gegenueber zu schenken, denn schliesslich ist es unsere Aufgabe, "das Licht fuer andere Voelker zu sein". Es ist eine riesige Aufgabe, manchmal scheint sie unmoeglich.
Aber immer lohnt sich ein Versuch - jeden Tag aufs Neue.

Ich habe heute in meinem Blog "geblaettert", was ich wohl im letzten Jahr gegen Rosh HaShana geschrieben habe. Was mir besonders auffiel, war ein Satz : Wie gluecklich kann ich mich doch schaetzen, dass ich hier zuhause sein darf, in Israel."
Ja, immer noch schaetze ich mich gluecklich, in Israel zuhause zu sein, denn es ist mein wahres Zuhause. Zurzeit befindet ich mich in der Galut, in der Fremde, und doch muss ich mich bemuehen, auch hier das Judentum zu leben und zu erleben. Ungleich schwerer ist es, als in Jerusalem, soviel ist klar, aber wie heisst es: Lo lehitjaesch" (nicht verzweifeln). Rabbi Nachman hat uns aufgetragen, die Freude nie aus unseren Herzen weichen zu lassen, und dass es eine grosse Mizwa ist, sich zu freuen.
SHANA TOVA AN ALLE. Moeget ihr ins Buch des Lebens eingeschrieben werden und moeget ihr immer "das Leben waehlen", und was zu einem guten Leben dazugehoert!

Montag, 26. September 2011

Shana Tova - ein gutes Neues Jahr 5772

Kaum jemand in unserer Umgebung nimmt Notiz davon, dass wir Juden mitten im Herbst das Neue Jahr feiern, Rosh haShana.

Wir feiern es jedoch nicht so lautstark, wie es unsere nichtjuedischen Nachbarn am 31.Dezember tun, sondern mit einer Bilanz der Seele, was gut und was weniger gut gelaufen ist im vergangenen Jahr, mit Gebet und gemeinsamem Essen.

Warum nur immer das Beisammensein so teuer sein muss, werde ich wohl nie verstehen. Genauso wie an Pessach, muss man fuer einen gemeinsamen Abend mit der Gemeinde im kosheren Restaurant 50 EURO hinlegen. Ich weiss nicht, ob man sich Gedanken ueber diejenigen macht, die wegen der hohen Kosten nicht dorthin gehen koennen.

Ich gehoere dazu, da ich in den letzten Monaten enorme Kosten hatte, durch meinen "Neuanfang". Und wenn ich jetzt nicht in letzter Minute noch eine Einladung bekommen haette, von einer netten Familie aus der Gemeinde, wuerde ich diese Tage allein verbringen.

Wir blicken zurueck auf das Alte Jahr, und machen Cheshbon Nefesh, eine Bilanz der Seele, wie der Geschaeftsmann, der auf das vergangene Jahr schaut, und daraus eine Erkenntnis gewinnt, was im neuen Jahr fuer Verbesserungen stattfinden muessen, um es erfolgreicher werden zu lassen. Wir schauen uns unsere Verhaltensweisen im Rueckblick an, bereuen unsere Fehler und die, die wir anderen Menschen gegenueber begangen haben, muessen wir im direkten Kontakt klaeren. Face to face gewissermassen, um Verzeihung bitten, das lehrt uns das Judentum.

Wir hoffen, dass wir wieder in ein "Jahr des Lebens" eingeschrieben werden, neue Moeglichkeiten und Gelegenheiten auf unserem Weg vorfinden und dass es ein Jahr des Reichtums und der Fuelle werden moege.

Dabei ist der materielle Reichtum sicher wichtig, um unsere Grundbeduerfnisse abzusichern, aber wie uns schon die Tora lehrt "der Mensch lebt nicht vom Brot allein", und daher sollten wir uns genauso - oder sogar mehr, um unseren geistigen Reichtum kuemmern, sollten uns mit Menschen umgeben, die unserer Seele gut tun, und uns zu geistigem Wachstum anregen.

Israel, speziell Yerushalaiym, ist solch ein Ort der geistigen Fuelle fuer mich. Die Menschen, die ich dort kennen lernte, waren gute Beispiele fuer mich und an jeder Ecke war es moeglich, Tora zu lernen und seine Eigenschaften zu staerken. Hier muss man sich alles sehr muehselig erarbeiten, und wird doch nicht auf dieses Niveau gelangen.

In meinen Gedanken werde ich wohl sehr oft dort sein, an den Feiertagen, werde durch die Strassen wandern und die Freunde besuchen. Schwer wird es sein, auch hier ein geistiges Niveau zu erreichen, was angemessen ist, die Yamim Noraim in Wuerde und mit der richtigen Stimmung zu begehen.

Und immer wieder werde ich voller Erstaunen zurueckblicken - nicht nur auf das vergangene Jahr, sondern auf die letzten 7-8 Jahre, die so ganz anders verliefen, als mein gesamtes Leben zuvor. Ich werde dankbar himmelwaerts schauen, und mich fragen, wie das alles moeglich war, was mir passiert ist. Wenn nicht ER, wer sollte mich sonst diesen ungewoehnlichen Weg gefuehrt haben, in eine Heimat, zu einem Volk, zu dem ich nun gehoeren darf.

So viele Geschenke auf dem Weg wurden mir beschert, immer stand Hilfe und Unterstuetzung bereit, nie war ich allein, und jeden Tag war mein "Brot" gesichert, irgendwie und von "irgendwoher"...

Immer ging es weiter und selbst in der finstersten Zeit voller Angst und Schmerzen fuehlte ich, ich bin nicht allein. In diesem Sinne und aus tiefster Erfahrung moechte ich an alle einen Satz weitergeben : Schaut euch um, auch wenn ihr euch verlassen fuehlt, es ist jemand da, der ueber euch wacht, strengt euch an, ihn wahrzunehmen, und auch die Hilfe, die er schickt, zu sehen, zu erkennen. Denn haeufig liegt es daran, dass wir mit geschlossenen Augen und mit verschlossenem Herzen umhergehen, wenn wir meinen, dass es nicht weitergeht.

Ich wuensche Euch ein gutes und gesundes NEUES JAHR, moegen alle ins Buch des Lebens eingeschrieben werden und ihre Moeglichkeiten im kommenden Jahr stets erkennen.


Freitag, 23. September 2011

Giur und Familie - zwei Welten

Jeder Mensch, der zum Judentum uebertritt, betritt auch einen anderen Kontext, die Beziehungen zu seiner Ursprungsfamilie veraendern sich. Die Weisen sagen sogar, dass die Familie des Uebergetretenen nicht laenger seine Herkunft anzeigen, seine Mutter ist nicht mehr seine Mutter, sondern er ist das Kind von Sarah und Awraham. Noa bat Awraham Awinu, so steht es in meinem Dokument des Uebertritts "Noa, Tochter von Abraham, unserem Vater".
Menschen, die uebertreten zum Judentum, finden sich mehr und mehr in einer "anderen Wirklichkeit" wieder, in einem anderen Tages-Wochen-und Jahresablauf. "Wie kommt ihr darauf, dass naechste Woche Neujahr ist?" werden nicht wenige der Verwandten eines "frischgebackenen" Juden sich fragen. Fuer die Umwelt mutet das alles aeusserst seltsam an, nicht selten werden Menschen, fuer die das Judentum ein neuer Weg ist, misstrauisch beaeugt, oder der Kopf wird ueber sie geschuettelt. "Jetzt sind sie voellig abgedreht" mag so manch einer denken, und - ehrlich gesagt, kann man diese Reaktionen auch verstehen, vor allem von denen, die bis dahin nie etwas mit dem Thema Judentum zu tun hatten, die nichts von Tefillin oder Tehillim wissen, die sich wundern, warum man am Shabbat nicht mehr telefoniert oder so gar nicht mehr zu Festen jeglicher Art geht. "Auch nicht mehr in die Stadt?" wird man nicht selten gefragt, denn "du kannst doch in die Stadt laufen!"
Der eigentliche Gedanke, der hinter dem Shabbat steht, ist schwer einzusehen, nicht nachzuvollziehen. Man "beschraenkt" sich (vermeintlich) freiwillig, in einer Gesellschaft, die nach immer mehr Freiheit strebt. Wie geht das zu vereinbaren?

Aber nicht nur die Umgebung hat es schwer mit dem, der zum Juden geworden ist. Der Uebergetretene findet sich in einer anderen Gesellschaft wieder, eine, die ihn im besten Falle besser versteht, als die einstigen Freunde oder Verwandte. Er fuehlt sich wohl unter "seinesgleichen", man weiss, warum er "Shana tova" wuenscht oder warum er freitags so frueh zu hause sein muss.
Er muss mit den Schwierigkeiten umgehen, die sich ihm nun entgegenstellen, wie "Erklaerungen", oder gar "Entschuldigungen". Sein veraendertes Verhalten trifft meist auf Befremdlichkeit und Unverstaendnis, im schlimmsten Falle auf Ablehnung. Nicht nur die Eltern, oder die Kinder eines Menschen, der uebergetreten ist, haben Schwierigkeiten, sich mit den neuen veraenderten Verhaltensweisen zu arrangieren. Auch derjenige selbst findet sich zerrissen zwischen zwei Welten. Die wichtigsten Personen seiner nichtjuedischen Vergangenheit, versus seine neuen juedischen Brueder und Schwestern, sein Volk, in das er aufgenommen wurde.
Hinter jedem uebergetretenen Juden steht eine ganze Welt, die auf den Kopf gestellt wurde, und mit der er mehr oder weniger klarkommen muss.
Er sehnt sich danach, ganz inmitten seines Volkes zu sein, wo er auf Verstaendnis und Akzeptanz, ja, gar Liebe zum Ger trifft, und doch gibt es Personen, die ihm wichtig sind, die er am liebsten "mitnehmen" moechte in seine Welt, zumindest, ihnen genau zeigen moechte, wie er lebt und warum er dies tut. In seinem ganzen Ausmass wird er dies nie klarmachen koennen.
Man kann niemandem den Geschmack einer neuen exotischen Frucht mit Worten erklaeren, seien sie auch noch so detailliert und praezise formuliert.
Man muesste sie schon selbst kosten, um zu wissen, um zu verstehen.... und selbst dann kann das Erlebnis des Einzelnen doch sehr unterschiedlich sein.

Der Uebergetretene findet zu seinen ganz ureigenen Wurzeln, zu seinem inneren Selbst, zu dem, was er eigentlich ist. Und vollzieht gleichzeitig diese schwierige Gratwanderung, seine wichtigsten Personen mit einzubeziehen, was oft nicht gelingt. Dann muss er sich von dieser Illusion verabschieden, dass es moeglich ist, dass man ihm "folgen" kann bei seinen Gedanken und Gefuehlen.
Dafuer ist es wichtig, dass er von seinen juedischen Bruedern und Schwestern aufgefangen wird, dort so etwas wie ein "Zuhause" findet, und wenn er dies nicht finden sollte, oder gezwungen ist, zwischen den Welten hin-und herzuschwingen, so kann es sein, dass er an manchen Punkten allein steht und sich fragt, was er als naechstes tun soll.
Das Leben als Uebergetretener Jude ist aehnlich dem, der ein Choser BeTschuva ist, einer, der zum Beispiel aus einer nicht-religioes lebenden Familie ploetzlich sein Judentum entdeckt, und dem nachgibt. Auch er findet sich auf einmal getrennt von seinen Angehoerigen, nicht verstanden, manchmal sogar belaechelt.
Fuer einen Uebergetretenen ist Israel der beste Platz der Welt. Dort ist es "leicht", ein juedisches Leben zu fuehren, wenn auch vieles dort ganz und gar nicht leicht ist. Dort findet er ausreichende Moeglichkeiten, seinen Platz zu entdecken, die Gesellschaft, die seinen Beduerfnissen entspricht, seiner Observanz aehnelt, eben dort, wo man ihn - auch ohne Worte - versteht.
Und - sich ohne Worte verstanden zu fuehlen, statt mit vielen Erklaerungen immer noch unverstanden zu sein, - ist eines der groessten Geschenke unserer Zeit, die man sich nicht mit materiellen Dingen kaufen kann.
Shabbat shalom an alle Gerim und Choserim beTschuva in der Welt und deren Familien!

Sonntag, 11. September 2011

9/11 - Ein Gedenken

Wir gedenken heute der Toten, der Opfer der wahnsinnigen Anschlaege vom 11.September 2001. Wir denken daran, auf welche grausame Art die meisten der Opfer ums Leben kamen und daran, wie gross das Leid der Angehoerigen sein muss. Wir alle wissen noch, wo wir waren, als die Nachricht uns erreichte, jeder von uns weiss, wo er gestanden, mit wem er geredet hat, was er am Rest des Tages noch tat. Es ist furchtbar, was die Menschen dort in den Tuermen des World Trade Centers in ihren letzten Augenblicken durchmachen mussten, und eine Frage stellt sich immer wieder, auch zehn Jahre spaeter noch: Warum?

Es gibt keine nachvollziehbare Erklaerung, auch wenn boese, zynische Stimmen dies versuchen.
Ein derartiger Terroranschlag ist nicht zu vergleichen, in seinem Ausmass und in seinem zugrunde liegenden Hass.
Moege der Terrorismus unsere Welt niemals beherrschen und moege "das Gute" in der Welt und im einzelnen Menschen immer siegen.
Unsere Gedanken sind heute in jedem Fall bei den Opfern und deren Angehoerigen.

"Orphaned Land" in Istanbul

Der Saenger von Orphaned Land Jacov Farchi, wurde soeben von Galej Zahal (Radiosender in Israel) interviewt. Gerade in diesem Moment ist die Band am Flughafen in Israel aus Istanbul wieder gekommen, nachdem sie gestern dort aufgetreten ist, vor 5000 Menschen. Er berichtet, dass eine Fangemeinde von ca. 50 Menschen aus dem Iran angereist kamen, ein Land, wo es verboten ist, ihre Musik zu hoeren. Nicht nur dort scheinbar. Die Menschen seien sogar nach dem Konzert zu ihm auf die Buehne gekommen, um zu reden. Sie sprachen davon, wie verzweifelt sie sind, ihre Musik nur heimlich hoeren zu koennen. Jacov berichtete, dass es eine sehr groteske Situation gewesen sei, dass er sich in der Rolle wiederfand, diese Menschen zu staerken, ihnen zu sagen, dass sie nichts Schlimmes tun. Fans aus dem Libanon, aus Aegypten und aus dem Iran stellen klar, dass es schade ist, dass andere Meinungen, die im Volk herrschen, nie gehoert werden. Und es gibt sie.
Diese Fans kommen ausschliesslich wegen der Musik, fuer sie ist Musik die Nahrung fuer die Seele, und sie leiden darunter, in ihrer Freiheit derart beschnitten zu werden.
Selbst die Gemeinde in der Tuerkei hat die Band mit Freuden empfangen, es gab keine negativen Vorkommnisse, und das, wo gerade seit gestern die Verbindungen mit Israel auf dem absoluten Tiefpunkt angelangt sind.
Es koennte einen Funken Hoffnung hervorrufen, dass die Sprache der Musik alle vereint, aber zu gross ist die Macht derjenigen, die all das mit Gewalt unterdruecken und verbieten koennen.
In vierzehn Tagen wird die israelische Band wieder in die Tuerkei fliegen, um in Ankara aufzutreten.

Shlomit Levi - die Saengerin

Und wer sich jetzt gefragt hat, zu wem denn diese wundervolle weibliche Stimme in der Band "Orphaned Land" gehoert, dem sei hiermit eine Kostprobe von Shlomit Levis Stimme geliefert.
"Libi" (mein Herz)
und noch eine Kostprobe, "Zur Menati".
Yemenitische Musik vom Feinsten!

Samstag, 10. September 2011

"Orphaned Land" - eine israelische Metalband verbindet Juden, Araber und Christen

Die Band "Orphaned Land" stand heute auf dem Programm der Sendung "HaBeit HaYehudi" bei Arutz haRishon. Der Leadsaenger Jacov (Cobi) Farchi wurde interviewt, und berichtete ueber den Erfolg der Band, gleichermassen in Israel, sowie in der arabischen Welt. Es gibt Fans in Aegypten, im Sudan, in Jordanien und Saudi-arabien. Muslimische Fans singen auf hebraeisch (!!!) die Piutim im Metalsound mit und wollen den Musikern die Hand schuetteln, nehmen lange Anreisen in Kauf, um sich Melodien mit Worten und Saetzen aus dem Tanach anzuhoeren (Tanach = Tora, Neviim, Ctuvim )
Musik ist das Medium, das vereint und Gegensaetze verbindet, es ist ploetzlich nicht wichtig, welche Gesinnung der Nachbar hat, man singt mit ihm. Bis heute hat der Leadsaenger nicht durchblicken lasssen, wo er politisch steht, und das soll so bleiben. Auf der Buehne zaehlen die Liebe zu dieser Musik, die Metal und Religion so unvergleichlich zu verbinden versteht.
HIER eine Kostprobe, das Stueck "Nora El Nora"

Sonntag, 4. September 2011