Man sagt, jeder Jude bekommt waehrend des Shabbat eine zusaetzliche Seele geschenkt, die "Neshama Jetera". (נשמה יתרה)
Diese Seele ermoeglicht es uns, auf eine hoehere geistige Ebene aufzusteigen und an so manchem Shabbat habe ich das Gefuehl, sie ganz bewusst zu bemerken. Es kann aber durchaus sein, dass die auesseren Bedingungen am Shabbat ganz besonders gute Voraussetzungen fuer mehr Erkenntnis, geschaerftes Verstaendnis fuer die Schriften und besondere Aufnahmefaehigkeiten bieten. Ohne Fernseher, ohne Musik aus dem Radio oder Telefonanrufe, ohne staendiges Forschen im Internet oder andere Stoerfaktoren der Alltagswoche ist es eben viel einfacher, sich in Texte zu vertiefen und in sich hineinzuhoeren, als an den uebrigen Tagen der Woche. Bei der Beschaeftigung mit den Worten der Tora passiert es dann manchmal, dass nicht nur die einfache Bedeutung des Wortes den Verstand erreicht, sondern sich ploetzlich ein tieferer Sinn ergibt, der aber nicht kognitiv erklaerbar ist, und den ich nicht einmal in Worte fassen koennte, wenn ich wollte. Es ist eine Art "Aha-Erlebnis" der ganz besonderen Dimension und wenn das passiert, muss ich oft erst einmal innehalten, um das zu verinnerlichen, was mir soeben zuteil wurde. Ich werte es als grosses Geschenk, und es ist auf einer solch spirituellen Ebene, dass ich manchmal denke, es kann nur durch die "Neshama Jetera", die zweite Seele erreicht werden.
Buber und Rosenzweig beschreiben im Nachwort zu ihrer deutschen Bibeluebersetzung einen aehnlichen Zustand. Sie sagen, der Mensch solle versuchen, die "Bibel" so zu lesen, als habe er sie nie zuvor gelesen. Wir sollen uns das Staunen eines Kindes bewahren, und uns darauf einlassen, welches Wort uns besonders "anspricht" oder zu unserer Seele redet. Das kann bei jedem etwas anderes sein und sich auch von Zeit zu Zeit aendern. Wichtig ist dabei, die "Leseroutine" loszuwerden und ohne Hintergrund"wissen" sich ganz neu auf den Text einzulassen.
Bei der Beschaeftigung mit dem hebraeischen Text ist das fuer einen Anfaenger viel leichter, und gleichzeitig schwerer.
Leichter, da man nicht wie jedes israelische Kind vorgepraegt ist vom Wissen um das, was geschrieben steht, und schwerer, da man erst einmal eine sehr lange Zeit damit beschaeftigt sein duerfte, sich in die besondere Art des Tora-hebraeisch hineinzufinden, die einfache Uebersetzung der Worte verstehen lernen muss und sich freut an jedem Abschnitt, den man ohne Woerterbuch oder deutscher Version begreift, bis dann, wahrscheinlich erst Jahre spaeter, das passiert, was ich beschrieben habe. Dann wird die Geduld und Ausdauer Fruechte tragen und wir werden grosszuegig belohnt mit einer tieferen Erkenntnis, wohl gemerkt, an manchen Tagen, ganz vereinzelt!
Aber dass es ueberhaupt passiert, deutet ja darauf hin, dass es zu schaffen ist, dass uns - wenn wir uns nur genug anstrengen und bemuehen - geholfen wird und unsere Muehen "belohnt" werden mit der Suesse der Tora.
Meine Kollegin fragte mich vor ein paar Wochen, als ich Datteln ass, wie sie schmecken. Ich sagte ihr: "Probier mal! Du kannst dich bedienen."
"Nein," wehrte sie ab, "ich will nur wissen, wie sie schmecken." Ich machte ihr ein neues Angebot: "Du darfst probieren, und ich bin nicht boese, wenn du sie, falls sie dir nicht schmecken, sofort wieder ausspuckst."
Mehr konnte ich ihr nicht anbieten. Fand ich. Aber sie liess nicht locker und wollte, dass ich den Geschmack beschreibe.
Es ist moeglich, den Geschmack einer Frucht so genau zu beschreiben, dass man sich in etwa vorstellen kann, wie sie schmecken koennte. Suess oder sauer, bitter oder mit einem Nachgeschmack, weich und cremig oder mit Biss, Beschreibungen gibt es ohne Ende - ABER! Das eigene Erleben ist so vielfaeltig und individuell, dass man es durch keine Beschreibung ersetzen kann.
Wenn ich wirklich wissen will, wie etwas schmeckt, dann komme ich nicht umhin, meine Angst zu ueberwinden, mich zu "trauen". Ich wuerde mich nicht trauen, eine gegrillte Ameise zu probieren (ganz abgesehen davon, dass sie nicht kosher ist), aber ich habe auch nicht das Beduerfnis zu wissen, wie sie schmeckt.
Falls ihr in den Genuss kommen wollt, die Suesse und den Geschmack der Tora zu erfahren, muesst ihr dies selbst angehen, eure Vorbehalte ueberwinden, und moeglichst schon morgen beherzt anfangen, hebraeisch zu lernen. Lasst euch von Rueckschlaegen nicht entmutigen, und nicht irritieren, falls es nicht gleich mit Tempo vorangeht. Habt Geduld mit euch und fangt an, die Schoenheit der Buchstaben zu erkennen. Freut euch ueber kleine Schritte und fangt gleich heute an - nur mit einem einzigen Satz.
Nur so werdet ihr wissen, wie die Tora schmeckt, und bald schon werdet ihr auf diesen Geschmack nicht mehr verzichten koennen. Denn - die Tora ist wie das Wasser fuer den Menschen, sie ist fuer uns lebenswichtig. Sie IST unser Leben und die Laenge unserer Tage....

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