Sonntag, 15. Januar 2012

Erinnert ihr euch an "meine" Sharon?

Ich muss viel an Sharon denken, die alte Dame, die ich in Jerusalem betreut habe. Sie war an Alzheimer erkrankt, und einige Leser schrieben mir auf meine Artikel hin, da sie selbst jemanden in der Verwandtschaft hatten, und sich in meinen Beschreibungen von ihr und dem Umgang mit ihr, wiederfanden.
Nun besuche ich meine Mutter seit ich wieder hier in Deutschland bin, im Altenheim, da sie einen Schlaganfall hatte. Sie ist zwar - wie ich vermute - nicht Alzheimer krank, sondern hat eine Art Altersdemenz, was wohl fast auf das Gleiche herauskommt, nur nicht so fortschreitend schlimmer wird, wie bei Sharon.
Sie war immer absolut gesund und meinte ihr Leben lang, sie "brauche niemanden", lebte ein (fast zu) unabhaengiges Leben. Nun will die Ironie des Schicksals es, dass sie gar nicht mehr allein leben koennte.
Die Besuche bei ihr sind frustrierend. Es ist furchtbar deprimierend, wie sie dort mit ihrem Rollstuhl die Runde dreht, und von den dort sitzenden Damen ist sie diejenige, die am "klarsten" im Kopf scheint. Die anderen sitzen am Tisch, schmieren die Butter und den Rest des Mittagspuddings auf dem Tisch herum, reden mit einer nur fuer sie existierenden Person mit Schimpfwoertern, die ich nicht wiederholen moechte. Die Atmosphaere ist bedrueckend. Das Warten auf irgendetwas (den Tod?) steht im Raum, und wenn man zu Besuch kommt, ist es keine schoene entspannte Zeit, die man nett miteinander verbringt, man hat eher das Gefuehl, man bringt sie noch mehr durcheinander.
"Wo gehen wir gleich hin?"
"Wir gehen gleich eine Runde in der Sonne spazieren."
"Aber ich kann nicht wieder zurueck, ich finde mich nicht zurecht...."
"Ich bin doch da. Ich bringe dich zurueck. Keine Sorge."
"Wohin?"
"Hierhin, in dein Zimmer."
"Aber ich will doch nach hause? Lass uns doch deine Schwester anrufen, dass sie uns zu mir nach Hause bringt."
"Du wohnst doch jetzt hier."
"Ach ja. Aber doch nicht immer. Hab ich denn gar kein anderes Zuhause mehr?"

Ich schweige und stelle mir vor, wie es sein wird, wenn ich dort sitze, auf jemanden warte, um ihn dann mit sovielen Fragen und Befuerchtungen zu loechern, dass er lieber wieder gehen will.
Sie kann die Stunden nicht geniessen, in denen ich dort bin. Kann in der Cafeteria nicht den Kuchen mit Genuss essen.
"Das ist doch teuer. Ich hab ja gar kein Geld dabei!"
"Aber ich. Das ist doch jetzt egal, es sind 5 EURO fuer uns beide."
"Hach, ich weiss, ich bin schlimm. Lieber G-tt, lass mich anders werden..."
"Wie willst du denn werden?"
"Ja, anders, ich hab immer Angst."
"Wovor hast du Angst?"
"Davor, dass ich nicht nachhause finde. Bringst du mich denn gleich nachhause?"
"Ja, wir sind ja nur eine Etage entfernt von deinem Zimmer."
"Und du kannst dann auch dort uebernachten?"
"Nein, ich muss zurueck mit der Bahn."
"Ach, mein G-tt, das ist ja furchtbar, dann bin ich ja allein."

Dialoge wie diese wiederholen sich und es macht traurig, wie ein Menschenleben verwelkt, wie das Gehirn degeneriert und wie sehr alte Menschen ploetzlich wieder Kleinkindern aehneln. Am Nebentisch wird die Mutter "gefuettert", (ja, ich weiss, man sagt nicht mehr fuettern "Essen reichen" klingt besser, ist aber doch egal, es ist schrecklich!!)
Ich will mit ihr Fotos anschauen. "Nein, guck du allein die Bilder an, mich macht das nur nervoes."
Ja, aber was macht sie dann den ganzen Tag?
Ich weiss von Sharon, dass das, was wir als schoen ansehen, ein Spaziergang in der Sonne, das Cafe trinken in der Cafeteria, das gemeinsame Zeitung lesen, in Wirklichkeit nur UNSER Wunsch ist. Wir meinen, das muesse doch eine Freude fuer die alten Menschen sein, wollen ihnen etwas "anderes" bieten, als die vier Waende, auf die sie tagtaeglich starren oder die Runde, die sie mit ihrem Rollstuhl von morgens bis zum Schlafen gehen, drehen.
Aber das ist UNSER Beduerfnis, nicht das der Menschen im Altenheim. Sie moechten das nicht, wollen die Sicherheit des Zimmers, manchmal auch einfach nur ins Bett. Wir koennen uns nur schwer damit abfinden, dass sie oft einfach GAR NICHTS mehr wollen.
Haben sie abgeschlossen?
Ist alles, was ueber das Zimmer hinausgeht, schon Reizueberflutung, die zu Verwirrung und grosser Angst fuehrt?
Mein Vater hat sich vor 20 Jahren, im Alter von 60 das Leben genommen. Es war ein erschuetterndes brutales Ereignis, aber oft muss ich daran denken, dass er sich dieses Vor-sich-hin-leben im Heim erspart hat. War das damals schon seine Absicht? Konnte er den Gedanken nicht ertragen, eines Tages wieder wie ein kleines Kind bevormundet zu werden?
Es ist traurig, dass ein Mensch im Altenheim in anonymer Umgebung seine letzten Jahre verbringen muss, aber wer kann diese schwere Aufgabe auf sich nehmen? Selbst wer nicht arbeiten muss, wird sich schwer tun, nicht die Geduld zu verlieren, im Umgang mit alten Menschen mit Demenz. Und die Geduld zu verlieren, wuerde auch bedeuten, dass man ihnen nicht mehr gerecht werden kann, sie an irgendeinem Punkt nicht mehr mit der Wuerde und Achtung behandelt, die sie verdient haben.
Machen es die Schwestern und Pflegerinnen aber besser?
Sie sind oft gar nicht anwesend, unterhalten sich in ihrem Aufenthaltsraum ueber die letzte Woche. Man kann es ihnen nicht verdenken, ich kenne diese Arbeit, ich habe selbst im Altenheim gearbeitet.
Das Heim, in dem meine Mutter lebt, ist freundlich, sauber, in gruener Umgebung und man hat nicht den Eindruck, dass die BewohnerInnen vernachlaessigt sind. Aber moechten wir so unseren Lebensabend verbringen?
Ich habe keine befriedigende Loesung fuer die Frage des Alterns, besonders, wenn der Kopf nicht mehr mitmacht, oder ein Schlaganfall fuer Bewegungseinschraenkung sorgt. Ich weiss es einfach nicht, wie man fuer alte Menschen ein angenehmes Leben hinbekaeme.

12 Kommentare:

Noga hat gesagt…

Jeder, der mit Demenz / Alzheimer zu tun hat, kennt Situationen wie hier geschildert. Durch die Bevölkerungsentwicklung gewinnt in den nächsten Jahren in den westlichen Gesellschaften der Umgang damit eine immer größere Bedeutung.

Ich denke, daß wir auf allen Ebenen dafür uns einsetzen müssen, dass dementiell veränderte Menschen würdig leben können.

Ihre Heimschilderung finde ich trotz der dahinter stehenden Bemühungen doch sehr trist. Ich hatte das Glück, das ich meine Mutter an einem Ort unterbringen konnte, wo ich wußte, daß sie es gut hat und sie so weitgehend wie möglich über ihren Alltag bestimmen kann. Es gab viele Anregungen und keinen Zwang. Meine Mutter hat noch kurz vor ihrem Tod das erste Mal in ihrem Leben gemalt. Das - und andere Situationen - hat mir deutlich gemacht, daß es auch in dieser Krankheit immer noch Neues gibt.

Ich habe in der Demenz auch Seiten in meiner Mutter entdeckt, die vorher verborgen waren. Wir hatten auch viele schöne gemeinsame Erlebnisse in dieser Zeit. Sehr geholfen hat mir in dieser Zeit der Aufsatz einer amerikanischen Rabbinerin.

Ganz wichtig war mir immer im Blick zu behalten, daß auch der dementiell veränderte Mensch b`zelem elohim ist - im Ebenbild G-ttes geschaffen ist.

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Mutter jedenfalls viel Kraft für den Weg, der vor Ihnen beiden liegt. Dadurch daß Sie wieder nach Israel gehen wollen wird das sicher nicht einfacher.

Juna hat gesagt…

Ach, Liebe, was soll man da sagen? Sieh es nicht so traurig. Deine Mutter ist gut aufgehoben und wie Du selbst sagst, die Energie hat man als Angehöriger oft nicht, selbst zu pflegen. Ich empfehle aber doch mal den Besuch eines anderen Blogs: http://altenheimblogger.wordpress.com/ - dann siehst Du auch mal eine andere Seite.

NOA hat gesagt…

Das mit dem Über sich selbst bestimmen ist nicht so einfach. weder meine Mutter, noch Sharon, könnten über sich selbst bestimmen. Sie wüssten gar nicht, was sie machen sollen. höchstens in sehr sehr grossen einschraenkungen...
sie sind einfach hilflos...
(meine Mutter will nicht malen, schreiben, lesen, gemeinsam Fotos anschauen etc... das macht es schwer..)
Ja, ich weiss, sie ist so gut wie möglich aufgehoben...
Danke für den link, Juna
Noa

Juna hat gesagt…

Weißt Du, oft wird so eine Demenz durch Depressionen hervorgerufen und da man am Beginn die Demenz ja noch oft genug selbst wahr nimmt, führt das auch wieder zu Depressionen. Ein Teufelskreis.

Ich weiß jetzt nicht, was Deine Mutter für Medikamente bekommt, aber am Anfang hatten bei meiner Tante Antidepressiva noch ganz gut geholfen. Sie hatte mehr Antrieb und war für ihre Verhältnisse (es musste sich ja alles um sie drehen) auch mal an der Außenwelt interessiert.

Und ja wie gesagt, Sharon ist auch so etwas anderes gewesen. Du hast sie nicht anders gekannt, das macht es bei Deiner Mutter ungleich schwieriger.

NOA hat gesagt…

Ja, komplett anderer Fall . Meine Mutter hatte einen Schlaganfall der wohl die Erinnerungslücken ausloeste.

NOA hat gesagt…

Ja, komplett anderer Fall . Meine Mutter hatte einen Schlaganfall der wohl die Erinnerungslücken ausloeste.

Chanukkakind hat gesagt…

Liebe Noa,
ich habe gerade deinen Eintrag gelesen und war sehr erschüttert von deinem Bericht. Das tut mir sehr leid, obwohl dir das sicherlich auch nicht helfen wird. Leider weiß auch ich nicht, was ich dazu sagen soll. Aber vielleicht kannst du trotzdem hinter all den Schatten noch ein wenig Sonne an deiner Mutter sehen und vielleicht letztendlich einfach froh und dankbar sein, dass du sie noch hast, egal, in welchem Zustand.

NOA hat gesagt…

Schwieriges Verhältnis zw uns. Und apropos " dass du sie noch hast" , wenn ich mir das leben von ihr so anschaue dann Frage ich mich, wie sehr es noch eine qualitaet hat . Für mich sieht das nur aus wie "moeglichst den Tag rumkriegen. " aber ich bin ja g"tt sei dank nicht der Herrscher der Welt, der über leben u Tod entscheidet. Frage mich, warum ein Mensch so enden muss... Und es geht ja leidet vielen so wie meiner Mutter
Noa

Juna hat gesagt…

Vielleicht ganz einfach deshalb, damit sie wirklich abschließen mit dem Leben und nicht das Gefühl haben, herausgerissen worden zu sein?

Was mich immer getröstet hat, war die Gewissheit, dass ab einem gewissen Stadium kein Leid mehr da war. Es ging Tantchen gut - auch, wenn es von außen anders aussah. Das war dann nur noch Projektion meinerseits.

Yael hat gesagt…

Ich würde sich gern trösten, Noa, weiß aber nicht wie. Ich habe auch Angst davor, dass meine Mutter irgendwann Demenz bekommt und ich weiß auch nicht wie ich damit umgehen werde oder kann.

NOA hat gesagt…

Es macht mich nachdenklich u melancholisch. Trost ist nicht nötig, ich hatte meist ein schlechtes verhaeltnis zu ihr, tritzdem tut sie mir leid u gleichzeitig Kriege ich selbst Angst vor d eigenen alter u der Frage , wie wir wohl enden werden
Noa

NOA hat gesagt…

Es macht mich nachdenklich u melancholisch. Trost ist nicht nötig, ich hatte meist ein schlechtes verhaeltnis zu ihr, tritzdem tut sie mir leid u gleichzeitig Kriege ich selbst Angst vor d eigenen alter u der Frage , wie wir wohl enden werden
Noa