Donnerstag, 19. Januar 2012

Unser "persoenliches Aegypten" oder "wieviel ist noetig, um frei zu sein?"

In dieser Woche lesen wir in der Parasha ueber die Plagen, mit denen Aegypten geschlagen wurde, um Pharao unter Druck zu setzen, das Volk Israel ziehen zu lassen. Die Weisen sagen uns, dass nach all den Plagen das Volk trotzdem in Hast und Eile das Land verlassen musste. Ansonsten, so geben sie zu bedenken, haette es sein koennen, dass der richtige Zeitpunkt zum Auszug verpasst worden waere, und das Volk es sich zu guter Letzt noch anders ueberlegt haette.

Der Mensch ist von Natur aus bequem, und hat die Not erstmal ein Ende, hoert die Qual und Zwangsarbeit auf, waere es doch wirklich gar nicht so schlimm, dort zu bleiben. Ist es nicht viel zu anstrengend, aus der Gefangenschaft herauszufluechten und ein komplett neues, unsicheres Leben zu beginnen? Man konnte sich darauf verlassen, dass G-tt da sein wuerde, um beim Neubeginn zu helfen und seine schuetzende Hand ueber jeden einzelnen halten wuerde, aber war man sich da wirklich so sicher? Gab es nicht Zweifel bei vielen?

Jeder Jude - so sagt es die Aggada zu Pessach - soll sich zu jeder Zeit so fuehlen, als sei er selbst aus Aegypten ausgezogen.
Jeder von uns hat sein persoenliches Aegypten, seine Zwaenge und Abhaengigkeiten. Dies kann ein Kaufzwang sein, ein Verharren in einer unbefriedigenden oder gar gewaltvollen Partnerschaft, eine Arbeit, die uns seit Jahren keinen Spass mehr macht, von der wir uns aber aus Bequemlichkeit nicht befreien wollen, und mehr. Es gibt einen guenstigen Augenblick fuer den Befreiungsschlag, und der ist jetzt. Verpassen wir ihn, kann es sein, dass wir uns in der Unannehmlichkeit einrichten und es immer unwahrscheinlicher wird, dass wir jemals aus unserer persoenlichen Zwangslage herausfinden.
Habt keine Angst, zoegert nicht! In dem Moment, wo wir uns entscheiden, sollten wir es tun. Es wird einen Augenblick geben, wo uns klar wird, dass die richtige Entscheidung nicht bleiben, sondern "gehen" heisst, nicht resignieren und aufgeben, sondern aktiv werden und handeln. Wenn dieser gekommen ist, werden wir es spueren und sollten nicht lange hin -oder herueberlegen. ER wird uns zur Seite stehen, und uns nicht im Stich dabei lassen. ER wird fuer unser taegliches Brot sorgen, so wie er fuer die Kinder Israel Man vom Himmel fallen liess. Fuer einen Neuanfang benoetigen wir keinen Luxus. Im Gegenteil, je weniger wir an Ballast haben, desto klarer wird uns, was wir brauchen, was noetig ist fuer unser kuenftiges Leben. So, wie das Volk Israel nur sein Buendel mit dem Teig mitnahm, der nicht einmal Zeit zum Saeuern hatte, so sollten wir nur das Noetigste mitnehmen, sprichwoertlich.

Ein Weniger an materiellem "Ballast" bewirkt haeufig ein hundertfaches geistiges Wachstum, ein Mehr an innerem Reichtum, an erfuellter Seele. Aus dem Nichts entstehen Ideen und Kreativitaet, nicht wenn wir inmitten des Chaos stecken, und umgeben sind von unnoetigen Dingen.
Befreien wir uns aus dem persoenlichen Aegypten, ziehen wir Bilanz, was wir wirklich brauchen in unserem Leben. Und - verlassen wir uns so gut es geht auf Hilfe von "Oben", statt krampfhaft am Materiellen festzuhalten.
Halten wir uns an IHM fest, kann nichts schiefgehen, hingegen, wenn wir uns an falschen Werten festklammern, wird es nicht selten passieren, dass wir abstuerzen.