Dienstag, 4. November 2014

Shiur ueber Sehnsucht, Mangel, Finden, Erfuellung und Niggun - und mein Lied zur Nacht

Es gibt Shiurim, die einen mehr als ueber das normale Mass hinaus beseelen, erheben, erfuellen oder bereichern. 
Heute war so ein Abend. 
Die Tora (die Lehre, Weisung) des Rabbi Nachman ist ein Shiur, an dem ich seit einigen Wochen teilnehme. 
Heute sprachen wir ueber das Bild der zwei Voegel, die jeder jeweils am anderen Ende der Welt sitzen und Sehnsuchtslieder singen. Der eine sehnt sich nach dem anderen, und doch kennen sie einander nicht, sitzen ja viel zu weit entfernt voneinander, koennen auch den Sehnsuchtsgesang des anderen nicht hoeren. 
"Aber wie wissen sie dann voneinander, wenn sie sich nie sehen?" habe ich gefragt. 
"Sie spueren den Mangel an etwas (Chosser), ohne zu wissen, WAS ihnen mangelt. Wenn sie sich finden, wissen sie, was ihnen genau gefehlt hat"

Und Rabbi Nachman sagt, das, wonach wir uns sehnen, sehnt sich in derselben Intensitaet auch nach uns, und will von uns gefunden werden. 
So banal es klingt, das Buch, was uns beseelt und was uns scheinbar bisher gefehlt hat, hat sich ebenfalls nach uns "gesehnt", in der selben Intensitaet, in der wir uns nach ihm gesehnt haben, und will von uns gefunden werden. 
So geht es mit allen Sehnsuechten. 
Ploetzlich kam mir ein wunderbarer Gedanke. 
Meine Sehnsucht, - von der ich jahrelang nicht wusste, wonach ich mich genau sehnte was mir konkret fehlte, - die Sehnsucht nach dem Judentum, nach dem Volk Israel, die muesste es dann doch auch auf der anderen Seite gegeben haben, es kann also sein, dass das Volk Israel sich auch danach gesehnt hat, von mir gefunden zu werden. Ja, noch mehr, von mir "wiedergefunden" zu werden, denn das, wonach wir uns sehnen, damit sind wir anscheinend irgendwann einmal vereint gewesen, wurden dann aber getrennt. (nach Ueberwindung von Zeit und Raum). 
So wie es heisst, dass jeder Ger einmal mit dem Volk Israel am Sinai gestanden hat, als es die Tora bekam, so finden viele Gerim dann im Laufe ihres Lebens "zurueck" zu dem Volk, zu dem sie sowieso gehoerten, was sie nur im Laufe der Zeit verloren haben. 

Wir sprachen von Niggunim, Manginot, (Melodien), die von einem niedrigen Niveau kommen koennen (normale banale Pop-musik, oberflaechlich oder gar "billig") oder von einem sehr hohen Niveau. (z.B. Poesie, oder Piutim, gesungene Tehillim oder spiritueller Philosophie, G-ttesnaehe etc). 
Jeder ist mit dem Gesang verbunden, der Saenger, der Texter und der Komponist und alles gemeinsam trifft auf den, der hoert. 
Ich kann von mir persoenlich sagen, dass ich in den meisten Faellen zunaechst von der Mangina, von der Musik getroffen, erreicht werde, sie trifft auf mein Herz, oder nicht, erreicht mich oder sagt mir nicht so viel. Dann kann der Text auch nicht so aussagekraeftig sein, wenn die Melodie in mir eine Saite zum Klingen bringt, ist das massgebend, stellt sich ein gewisses Gefuehl ein. 
Kommt dann noch ein Text hinzu, der zu mir spricht, mich beruehrt, ist das Ganze perfekt im Einklang und kann mich in schwindelnde spirituelle Hoehen katapultieren. 

Dann wiederum gibt es die sogeannten Nigunnim, die keinen Text haben, sie stehen ueber den Worten, fangen da an, wo Worte aufhoeren, wo es keine Worte gibt. 
Ueber sie kann ich nicht schreiben, denn es fehlen mir selbst zur Beschreibung des Erlebnisses die Worte. Wisst ihr, was ich meine?

Und wiederum muss ich ueber meinen Weg zum Judentum nachdenken und bin mir sehr sicher, dass ich niemals wusste, was mir im Grunde fuer die Zufriedenheit meiner Seele fehlte, ja ich wusste nicht einmal, DASS mir etwas fehlte, bis ich es fand. 
Lange hat die Suche, die Reise gedauert, fast ein ganzes Leben lang, 45 Jahre genau. Erst dann traf ich auf das, was meine Seele antrieb zu suchen, auf das nach dem ich "geduerstet" hatte, so furchtbar lange Zeit.
(Zama lecha, Nafshi - meine Seele duerstet nach dir, so wie Koenig David sich in der Wueste Yehuda nach der heiligen Stadt gesehnt hat.. )
Worte und Melodie ergaenzen in diesem Lied, in dieser Niggun des Rebben einander meiner Meinung nach in der Intensitaet der Sehnsucht...

Und manchmal moechte man ganz einfach nur sitzen bleiben und weiter fuehlen, moeglichst lange - um nicht wieder in den Alltag "hinabzusteigen", sondern noch ein klein wenig in der Hoehe zu schweben.

Hier der komplette Psalm, aus dem der Text entnommen ist Psalm 63
(תהילים סג)

Psalm 63[a]

A psalm of David. When he was in the Desert of Judah.

You, God, are my God,
    earnestly I seek you;
I thirst for you,
    my whole being longs for you,
in a dry and parched land
    where there is no water.
I have seen you in the sanctuary
    and beheld your power and your glory.
Because your love is better than life,
    my lips will glorify you.
I will praise you as long as I live,
    and in your name I will lift up my hands.
I will be fully satisfied as with the richest of foods;
    with singing lips my mouth will praise you.
On my bed I remember you;
    I think of you through the watches of the night.
Because you are my help,
    I sing in the shadow of your wings.
I cling to you;
    your right hand upholds me.
Those who want to kill me will be destroyed;
    they will go down to the depths of the earth.
10 They will be given over to the sword
    and become food for jackals.
11 But the king will rejoice in God;
    all who swear by God will glory in him,
    while the mouths of liars will be silenced.

1 Kommentar:

Fetzenflug hat gesagt…

Schön... Das sind sehr schöne Bilder, vor allem das mit der Sehnsucht. Und Niggunim kann ich mir vorstellen...

Alles Liebe
Verena