Samstag, 31. Januar 2015

Etwas ueber Mitzwot, G-ttesnaehe und Chassidut - von Arthur Green

Arthur Green, Biograph von Rabbi Nachmann miBreslav, schreibt in der Shabbatausgabe von Makor Rishon ueber seine Sicht auf das Judentum. 
Er wuchs in einem voellig saekularen juedisch-amerikanischen Elternhaus auf. Ein Buch von Rabbi Zeitlin ueber Chassidut veraenderte sein Leben. 
Statt den "G-tt im Himmel" fand er den "G-tt auf Erden, bei uns" und er lebt seither in einem staendigen "Zusammentreffen" mit IHM.
Arthur Green erzaehlt, dass er vor einigen Jahren zu einem religionsuebergreifenden Abend eingeladen war, bei dem er eine Rede halten sollte ueber Feste im Judentum.  Mit ihm auf der Buehne sassen ein katholischer Pfarrer, ein Guru der integralen Yogabewegung und der Leiter des Zen-Zentrums New York. 
Er erzaehlt:
Ich berichtete ueber die Feste des Herbstes und des Fruehlings im Judentum und ueber den ganz persoenlichen "Maamad am Har Sinai" (man sagt, dass jeder Jude, und jeder der einmal zum Juden wird, gemeinsam mit dem ganzen Volk Israel am Sinai gestanden hat und die Tora empfing), sowie den persoenlicher Auszug aus Aegypten in mir. 
Am Ende des Vortrages stand ein junger Mann auf, der wie ein Schueler des Guru angezogen war, und sagte: "Alles was du da erzaehlst vom Berg Sinai und deinem inneren Aegypten, ist gut und schoen, aber das Judentum ist nicht so. Der G-tt des Judentums ist ein G-tt der im Himmel sitzt und jede deiner Suenden und deiner Gebote notiert und dich bestraft fuer deine Suenden."
Ich dachte bei mir: "Hier, noch ein Jude, der durch die "Hebrew-school" verdorben wurde."
"Hoer zu, " sagte ich zu ihm. "die meisten von uns beenden ihre juedische Erziehung im Alter von 13 Jahren. Und unsere Lehrer verstehen nicht so genau, was das Judentum bedeutet. Man muss im Grunde genommen, neu anfangen zu lernen, im Erwachsenenalter."
Am Ende kam der junge Mann zu mir, und erzaehlte mir, dass er die Jeshiwa kurz vor der Smicha zum Rabbiner verlassen hat. Dort lehrte man ihn, dass G-tt im Himmel sitzt und Suenden notiert. 
Den G-tt der im Himmel sitzt und Suenden notiert, verliess Arthur Green im Alter von 18 Jahren und seither ist er auf der Suche nach einem anderen G-tt. 
Heute, im Alter von 73 ist er einer der wichtigsten juedischen Theologen in der Welt. Forscher der Chassidut und der Kabbala, herausragende Figur der Neo-Chassidut in den USA, sowie geistiger Lehrer fuer viele Mesnchen.
Green ist Rektor des Beit Midrash fuer Rabbanim an der hebr. Akademie in Boston. Er ist in Israel bekannt durch die Monografie ueber Rabbi Nachmann.
Green, der in seinen Buechern ueber den G-tt spricht, der uns an jedem Ort begegnet, in der taeglichen Routine, ueberall, wird gefragt, ob das nicht ein wenig schwierig ist, wo doch oft G-tt so weit weg erscheint. 
Er antwortet, dass diese Auffassung sicher ein wenig schwierig ist, aber dass G-tt keine Auffassung ist, sondern es geht um ein Erlebnis. G-tt ist keine Idee. G-tt ist Realitaet und es ist an uns, zu lernen, wie wir uns zu dieser Realitaet hin entwickeln. Manchmal - so sagt er, spricht er mit Menschen, die bereit sind, ihr Herz zu oeffnen. und sie erzaehlen oft, dass sie einmal ein starkes erhebendes Erlebnis hatten- die Geburt eines Kindes, den Blick von einem hohen Berg, oder einen Sonnenuntergang. Sehr viele Menschen koennen ueber derartige Momente berichten, aber sie wissen dennoch nicht, wie sie diese Momente in ihren Lebensweg integrieren sollen. Wie kann ein so erhebendes Gefuehl das taegliche Leben beeinflussen, an einem Dienstagnachmittag, oder wenn die Kinder schreien?
Ich bin davon ueberzeugt, dass dafuer die Religion geschaffen wurde. Die Religion erinnert uns daran, dass wir einst am Berg Sinai gestanden haben, dass es diese Momente gibt, die dem gesamten Volk passieren oder auch dem Einzelnen. Aber die entscheidende Frage ist, wie kann man lernen, die Religion dafuer zu nutzen. 
"Das Judentum ist wie eine Kiste mit Arbeitsmitteln" pflegte Rev Zalman zu sagen, "jeder von uns hat eine solche schoene Kiste, aber wenn wir nicht wissen, wie wir diese Mittel nutzen koennen, ist sie nicht viel wert.Was machst du mit diesen Mitteln? Wie nutzt du sie richtig? Wie benutzt du sie, um dein Herz zu oeffnen? Ein inneres Leben voll von Werten zu leben? Das ist doch die Frage..."

"Meiner Ansicht nach", sagt Arthur Green, muss jeder Mensch seinen eigenen Weg formen, lernen, wie er mit seinen zur Verfuegung stehenden Mitteln arbeiten kann. Es ist moeglich, dies selbststaendig zu lernen, mit Versuch und Irrtum. Oder auch mit Hilfe der Meditation und Betrachtung, ein Leben auf einem anderen Level von Tempo und Schnelligkeit zu fuehren. Dazu gehoert auch eine Gesellschaft mit der man gemeinsam sich "erheben" kann auf ein anderes Level, ohne dass man Angst haben muss, andere halten einen fuer verrueckt. 

Ich sehe sehr viele Menschen, die so viele "Arbeitsmittel" zur Verfuegung haben, aber nichts mit ihnen anfangen koennen, oder sie nicht richtig einsetzen. Der Baal Shem Tov lehrte uns, wie wir sie richtig benutzen. 

Arthur Green wird gefragt, wo er die Mitzwot - die Gebote - in seiner Auffassung von Religion ansiedelt. Und er antwortet: Fuer mich sind die Mitzwot spiritueller Ausdruck des Lebensstils und kein Gerichtssystem oder Erloesungssystem, eine Gelegenheit, zusammen zu sein mit G-tt. 
Nach unserer Tradition ist G-tt an jedem Ort in jedem Augenblick, aber es gibt Zimzum (den Rueckzug) Die Mizwa ist eine Art besondere Energie die in diesem Moment und bei diesen Taten vorherrscht. Von diesem Moment aus kann man sich weiter entwickeln und mehr finden... 
Das Schuetteln des Lulaw, das Shofar blasen, all das sind Gelegenheiten, G-tt nahe zu sein. 
Alles was die Gebote zwischen dem Menschen und G-tt (bein Adam laMakom) betrifft, gibt es meiner Meinung nach keine Kategorien von "Suende" - sondern von verpassten Gelegenheiten. 
Hast du gestern nicht Aravit gebetet - hast du eine Gelegenheit verpasst, aber es ist nicht so, dass du deswegen eine Suende traegst. 
Ich entwickle mich weiter gemaess der Auffassung des Baal Shem Tov, der sagt, dass das Nicht-einhalten von Geboten eine List des Satans ist, uns von G-tt zu entfernen. 
Ich persoenlich halte die Mitzwot heute auf eine ganz natuerliche Art. Ich liebe diese Welt. Aber ich stelle keine halachischen Fragen. Und ich berate mich nicht mit Rabbanim, und schlage auch nicht im Shulchan Aruch nach. Ich sehe mich als Jude, der Mitzwot haelt, ja. Aber ich denke nicht in halachischen Kategorien. Ich sorge mich nicht, "habe ich diese Mitzwot gehalten, oder halachisch erfuellt?" 
Sondern - ueber die Mitzwot druecke ich aus, was in meiner Seele ist. 

Der groesste Gegner der Chassidischen Bewegung sind wohl die Rituale, die Routine. Auch Chazal - unser Weisen - haben sich schon mit dieser Schwierigkeit beschaeftigt und haben eine wunderbare Loesung gefunden. 100 Segenssprueche pro Tag - und so wird G-tt in jedem Moment gegenwaertig sein. 

Wir Juden sind ein schlaues Volk, und es hat 1500 Jahre gedauert, bis wir lernten, wie man 100 Brachot pro Tag zusammen bekommt und DABEI AN G-TT NICHT EIN EINZIGES MAL ZU DENKEN!!
Die Chassidut hat versucht, die abgestorbenen Merkmale wieder zu beleben. Die Tradition lebendig zu machen, und nicht zu einem Automatismus werden zu lassen. 
Die Disziplin aber ist wichtig, um dein Herz zu trainieren, offener zu sein. 

In unserem schnellen hektischen Leben hat das Herz wenig Gelegenheit sich zu oeffnen daher bedarf es viel Training. Daher glaube ich an die Regelmaessigkeit der Mitzwot. Jeder Mensch muss seine eigene Ausgeglichenheit in diesem Punkt finden. Denn die Regelmaessigkeit kann auch zur Degeneration fuehren. 
Jeder Mensch ist fuer sein spirituelles Weiterkommen selbst verantwortlich. Nicht der Rabbi, nicht die Gemeinde und niemand anderer kann das fuer einen Menschen uebernehmen. 
Der erwachsene Mensch muss fuer sein Innenleben Verantwortung uebernehmen. Was tue ich und warum? Ist das gut oder gesund? Mit all diesen Fragen sollte er sehr offen umgehen. 
Awraham Joshua Heshel sagte einmal: "Wie viele Antworten gibt es auf die Frage: Darf man einen Kuehlschrank am Shabbat oeffnen? und wieviele Antworten gibt es auf die Frage: ist es erlaubt, an einem Atomkrieg teilzunehmen?" Er verstand, dass das Gewicht der Welt der Halacha einfach verrueckt ist.... einfach verrueckt.."

"Was mich berueht am Chassidismus", so sagt Arthur Green, "ist das Gefuehl, dass das Leben eine Art spirituelles Abenteuer ist, in dem es moeglich ist, G-tt an jedem Ort zu finden, Funken der Heiligkeit an jeder Ecke des Lebens zu suchen und sie zu "erheben". 

Der Artikel und die Worte von Arthur Green haben mich sehr angesprochen, denn oft spuere ich, dass es ein intensiveres und ehrlicheres Erleben ist, wenn ich - z.B. in der Synagoge beim Gebet - mich in einen Satz vertiefe, statt im Tempo der anderen mitzuhasten. 
Das bezieht sich uebrigens auch auf das taegliche Stress-tempo. Um mitzuhalten und gleichzeitig G-ttesnaehe zu spueren muss man sich Augenblicke des Innehaltens schenken, still stehen. Spueren. 
Das ist nicht einfach, in unserer schnelllebigen Zeit, wo man hier und dorthin gezerrt wird, jeden Shiur mitnehmen "sollte" und obwohl ich viele Shiurim sehr gerne auch "mitnehmen" wuerde, spuere ich doch immer mehr auch meine Begrenztheit, diese tatsaechlich zu "er-leben" und nicht nur technisch aufzunehmen. 

Es bringt mir mehr, mich manchmal allein in einen Artikel oder einen Satz der Tora zu vertiefen, darueber nachzulesen und nicht sofort der naechsten Taetigkeit nachzugehen. Das, was Arthur Green als "Herz oeffnen" bezeichnet, ist mir wohl bekannt, doch um das zu erreichen, muss ich Zeit und Ruhe haben. 
Auch die Mitzwot gehoeren dazu, besonders die, die mir ebenfalls Zeit lassen, mich zu vertiefen, wie etwa das Zuenden der Shabbatkerzen. In diesem Moment kann man - wenn man sich Zeit und Ruhe nimmt - viel G-ttesnaehe spueren und das Herz weit oeffnen fuer dieses Erlebnis.

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