Sonntag, 4. Januar 2015

Sie hat mich wie ein Blitz getroffen...

.. die Nachricht von meinem Kollegen J. in der Whats-app-group der Sozialarbeiter in der Firma. Er schrieb uns heute morgen, dass ihm die Entscheidung nicht leicht fiel, dass er sie nicht trifft, weil er Israel den Ruecken kehren will, und nicht etwa, weil er fast umgebracht wurde, beim Pigua (Anschlag) am Giv´at haTachmoshet, wo ein Terrorist in die Menschenmenge fuhr und ein 2 jaehriges Maedchen ueberfuhr. Er erklaert uns lang und breit, dass es eine furchtbar schwierige Entscheidung war...... ja, was denn bloss? 
... zu gehen, Israel zu verlassen und mit schwangerer Frau und Kind nach USA zurueck zu gehen. 
Bummm.. 
Ich fiel aus allen Wolken und wusste erst gar nicht, warum mich diese Nachricht so trifft, dass ich fast anfangen musste zu weinen. Ich stehe ihm nicht so nahe, und trotzdem sind wir beide Einwanderer, er aus USA, ich aus Deutschland. 
Und - na klar, dann wusste ich warum. Er erinnert mich in seiner Verzweiflung an mich selbst, vor fast 4 Jahren, als ich ebenfalls meinte, ein Opfer bringen zu muessen, fuer meine Toechter. Ich hatte sie meiner Meinung nach "allein gelassen", auch wenn sie schon erwachsen waren. Und nun wollte ich fuer sie zurueck nach Deutschland, meinte, das sei die richtige Entscheidung. Mir war so schrecklich zumute, aber ich freute mich auch auf die zwei und war mir sicher, es ist besser, in ihrer Naehe zu sein, wie es sich fuer eine "gute Mutter" gehoert. 
Ein halbes Jahr spaeter schon merkte ich, dass sie mich gar nicht so richtig "brauchen", sie besuchten mich, ja, aber nicht gerade sehr oft und ich sass allein zuhause, schloss mich einer juedischen Gemeinde an, die keine richtige war und war an den Shabbatot allein. So furchtbar allein. 
Keine von den Toechtern hatte mich gebeten, zurueckzukommen und sie sahen das Unheil schon kommen. Sie wussten, dass es mir schwer fallen wuerde mich wieder in Deutschland einzuleben. Alte Freunde waren fast alle nicht mehr Freunde, aus unterschiedlichen Gruenden, und neue Freunde sassen in Israel. 

Ich habe heute im Buero gesessen, Akten bearbeitet, wie fast immer zu Anfang eines neuen Monats. Und J. sass mir gegenueber. Ich habe ihn beobachtet, er sieht schlecht aus, traurig, verzweifelt. 
Fuer ein paar Minuten konnte ich ihn nach draussen bitten, um zu verstehen, was denn geschehen ist. 
Mit Traenen in den Augen erzaehlte er mir von seiner schwierigen Situation. Dass wir alle nicht viel verdienen, (besonders Sozialarbeiter verdienen etwa die Haelfte des Gehaltes, was man in Deutschland bekommt) ist klar, dass wir fast alle noch mindestens einen zusaetzlichen Job haben, ist auch nichts ungewoehnliches. Aber J. ist nicht allein, hat eine schwangere Frau und ein Kleinkind. 
Seine Frau ruft ihn am nachmittag an, wenn er entweder das, was er nicht geschafft hat, noch erledigt (Hausbesuche) oder seinem zweiten Job nachgeht. 
Ausgerechnet dieser zweite Job hat ihm ziemliche Freude bereitet. Er hat eine Laufgruppe von arabischen und juedischen Frauen geleitet, die sogar finanzielle Unterstuetzung erhielt. 
J. ist Marathonlaeufer und nicht zimperlich, fordert viel von sich selbst und gibt nicht so schnell auf. 
Aber seine Frau wollte ihren Mann wenigstens am fruehen Abend zuhause haben, wenn schon ihre Eltern in den USA sitzen und die familiaere Unterstuetzung fehlt, auf die hier die meisten jungen Eltern angewiesen sind. 
Was also tun? J.s Frau wollte zurueck in die USA.
J. geriet immer mehr unter den Druck seiner Frau und fragte sich, was werden soll, wenn das 2. Kind im Mai geboren ist. 
In dieser Phase kam ein Zeichen aus den USA von einer Firma, bei der er vor der Einwanderung gearbeitet hat. Sie suchen Personal. Recht gut bezahlter Job. 
Ablehnen ging nicht. Wie haette er das seiner Frau erklaeren sollen?
Aber die Firma will ihn in 14 Tagen. 
So wird J. unsere Firma in 10 Tagen verlassen. Er hat keinen Kredit fuer eine Eigentumswohnung, wie so viele andere hier, auch sonst ist er finanziell nicht gebunden, so dass er das Land recht schnell in Richtung USA verlassen kann. 
Ich habe vor drei Jahren Aehnliches getan, habe mich von hier aus schon in Deutschland beworben, per Skype ein Vorstellungsgespraech absolviert und sogar Wohnmoeglichkeit fuer die ersten 2 Monate von der neuen Arbeitsstelle bekommen. 
Das bedeutete aber auch, hier alles hinzuwerfen, und in Deutschland einen Tag nach der Landung bereits die neue Arbeit zu beginnen. 
J. ist mit seiner Kraft am Ende, er weint, wenn er darueber spricht, wie sehr er ein wenig "Ruhe" brauchen wuerde. 
Denn auch bei der Einwanderung war er nicht "faul". Die letzten Tage vor der Einwanderung im alten Job gearbeitet, und hier angekommen nur ein paar Tage spaeter einen Vollzeitjob angenommen. Schliesslich will man dem Staat nicht unnoetig auf der Tasche liegen, weder dem Staat Israel, noch dem Land, aus dem man kommt. 
All das kommt mir so furchtbar bekannt vor und ich kann seine Erschoepfung spueren, seine Traenen weinen, und seine Verzweiflung nachfuehlen, denn er will eigentlich nicht gehen, ist mit Israel tief in seiner Seele verbunden. 
Aber er ist auch Ehemann und Vater, und will sich nicht um seine Verantwortung druecken, seine Frau braucht ihre Mutter und er will den "Hausfrieden" wahren. 

Irgendwie wird mir auch gerade klar, warum ich zu den wenigen Menschen, die sich hier ein Leben leisten koennen ohne zu arbeiten, dem nachgehen koennen, was ihnen Spass und Freude macht, ohne Verpflichtung, sich selbst ernaehren zu muessen, innerlich keine tiefe Verbindung aufbauen kann, eine Blockade spuere.
Ich goenne es ihnen von Herzen, aber ich fuehle mich mehr mit denen verbunden, die hier schwer arbeiten, um sich ihren Traum, ihre "Rueckkehr nach Zion", ihre Alyia irgendwie finanzieren zu koennen. Nicht wenige muessen mehrere Putzjobs annehmen, weil sie (noch ) keine Arbeitserlaubnis haben, wenn sie im Giur-prozess stehen, und nicht wenige nehmen mehrere Jobs an um sich ueber Wasser zu halten, auch Olim Chadashim, die Unterstuetzung vom Staat bekommen. Diese Unterstuetzung reicht naemlich nicht aus, um sich eine Mietwohnung und Lebensunterhalt finanzieren zu koennen. 
Ich verstehe die Erschoepfung der Menschen, die sich hier krummlegen so gut und wirklich aus 1. Hand. und bin tief getroffen von J.s Entscheidung. 
Ich mache mir grosse Sorgen um ihn und hoffe, dass er seelisch nicht gebrochen wird bei seiner Rueckkehr nach USA.

Und einmal mehr bin ich dankbar, dankbar, so dankbar, fuer jede Minute, die ich hier sein darf. 

Kommentare:

שושנה hat gesagt…

Hi! Ich war schon lange nicht mehr "bei Dir" - interessant, dass Du Rav Bennis Initiative in den deutschsprachigen Raum bringen möchtest.
!כל הכבוד
Zu den Hoffnungen und Enttäuschgen der Olim...jede Story ist anders. Auch wenn Du vielleicht eine Seelenverwandtschaft mit diesem Kollegen siehst, ich sehe die Geschichte anders anhand dessen, was Du schreibst. Mir scheint da der Unterschied darin zu liegen, daß er ja nicht für sich alleine verantwortlich ist (wie Du, auch wenn Du es wohl eine Zeitlang anders dachtest) und daß er bzw. seine Frau das Problem hatte, daß sie sich einsam fühlt. Ein nicht seltenes Problem in Israel für Neueinwanderer - wenn man ohne Familie kommt bzw. dort nicht schon Familie hat oder wenigstens eine Gruppe von Freunden, kann es ganz schön hart sein. Eine Frau, die z.B. nicht arbeitet, weil sie kleine Kinder hat, hat unter Umständen nicht viel Austtausch mit anderen. Dazu kommt die neue Umgebung, die dann vielleicht doch nicht so ist, wie man sie sich idealerweise erträumt hat.
Meiner Meinung nach ist es kein Weltuntergang, wenn manche Leute wieder zurückgehen in die Länder, aus denen sie kamen - sei es nur temporär oder dauerhaft. Wir kennen Hashems Pläne nicht, wer weiß, für was es gut ist. Zunächst einmal kann es gut für die Psyche der Leute sein - das Gefühl zu haben, seine Familie besser ernähren zu können bzw. mehr Zeit für sie zu haben, kann immens entlastend sein, und die Seele zum Aufblühen bringen. Man ist ja nicht allein. Es gibt die Verantwortung für den Anderen (wie in diesem Fall für die Frau). Vielleicht haben die Beiden dann andere Möglichkeiten für Israel zu arbeiten oder Gutes zu tun. Und wer weiß, vielleicht kommen sie zurück, mit einer anderen Perspektive und einer anderen Kraft.
Dazu gibt es noch zu sagen: nicht jeder kann wirklich in Israel leben. Es gab immer eine Diaspora ausserhalb von Israel und sie war und ist bis auf den heutigen Tag auf ihre Weise wirkungsvoll.
Der Bavli hätte ohne Golus Bowel nicht geschrieben werden können...

Dir weiterhin alles Gute und immer viele ברכות von הקב''ה!
שושנה

Anonym hat gesagt…

Ich kenne ähnliche Geschichten. Viele Israelis kommen nach Berlin und manche staunen wie die kleinen Kinder über die Sozialleistungen, die es hier (noch) gibt, angefangen über Mutterschutz, Erziehungsgeld bis hin zum Kindergeld. Andere haben es einfach satt, von Politikern in Israel vertreten zu werden, die nur ihre Klientel versorgen und sonst an nichts denken. Nur wenigen fällt es leicht, das Land Israel zu verlassen.
Jonathan

NOA hat gesagt…

Shoshana danke fuer deinen Kommentar
Ja, ich sehe auch die Unterschiede, es ist wohl mehr "psychologisch", dass ich da so auf meine eigene Geschichte stosse.
Und natuerlich ist mir klar, dass er eine immens grosse Verantwortung traegt, ich dagegen fuer mich allein entscheiden konnte.
vom kopf her ist das alles klar. aber mein gefuehl fuhr einmal kurz Achterbahn, als ich sah wie er weinte.
Danke fuer deine Unterstuetzung, leider kann ich beim Projekt von Rav Benni immer nur einen - manchmal evtl. auch zwei Beitraege bringen, ist sonst zuviel. Aber ich finde es so schoen. Ein schoener Gedanke, dass wir alle gemeinsam das Gleiche lernen, jeden Tag.
Dachte, es koennte auch menschen in Deutschland bereichern und zum Lernen des Tanach weiter anregen.
Bis dann, freut mich dass du mal wieder "bei mir vorbeigeschaut hast"
Noa

NOA hat gesagt…

Jonathan
Ja, das will ich glauben, dass es den meisten nicht leicht faellt, Israel zu verlassen.
Ich kann manche junge Menschen auch verstehen, die im Interview sagen, sie moechten einfach nur mal EINER Arbeit nachgehen, von der sie sich ernaehren koennen. Das ist ja nicht zuviel verlangt.
Noa