Sonntag, 18. Januar 2015

Zum "Bibeltext" - Gefuehl und Verstand

Bei Buber/Rosenzweig habe ich vor Jahren etwas Interessantes gelesen. Sie empfehlen, den Bibeltext moeglichst so zu lesen, als wuerde man ihn zum ersten Male lesen, die Unvoreingenommenheit bewahren, soweit das moeglich ist. 
Man solle den Text auf sich wirken lassen, und wachsam sein, welche Worte "zu einem sprechen", einen ansprechen. 
Ich habe beim Lesen der Tora, des Textes 1. mehrere Stufen erfahren und 2. je nachdem ob ich den Text in deutscher oder hebraeischer Sprache lese, grosse Unterschiede festgestellt, wie die Worte auf mich wirken. 

Zunaechst einmal muss man sagen, dass jeder Anfang, den Bibeltext in seiner Originalsprache - hebraeisch - zu lesen, nicht einfach ist. Man schlaegt sich so durch und ist an irgendeinem Punkt maechtig stolz, wenn man der Toralesung am Shabbat ueberhaupt folgen kann. Man kann folgen, was noch lange nicht heisst, dass man versteht, was dort geschrieben steht. 
Je mehr man sich vertieft, und je mehr man der Sprache maechtig wird, desto mehr kann man folgen UND verstehen. Ein weiterer Schritt, der einen sehr gluecklich machen kann, wie ich aus Erfahrung sagen kann. 
Irgendwann kommt die Phase, wo man immer weniger den deutschen Text liest und immer haeufiger den hebraeischen, das Original. So werden einem ploetzlich Wortverwandtschaften, Wurzelverwandtschaften aufgehen. (und man weiss ploetzlich, warum Jishmael so genannt wird, da G-tt hoerte... auf deutsch macht das keinen Sinn und es gibt keinerlei Zusammenhang)

Es gibt leichtere und schwierigere Kapitel, sowie Parashot, auf die Sprache bezogen. 
Und irgendwann benutzt man den deutschen Text nur noch dann, wenn man unsicher ist, wie ein bestimmtes Wort wohl im Deutschen uebersetzt wurde. 

In Verbindung mit dem, was Buber und Rosenzweig sagen, kann ich folgendes fuer mich verzeichnen. 
Wenn ich den Toratext in deutscher Sprache lese, folge ich mit dem Verstand, folge dem Geschehen. Lese ich den hebraeischen Text sprechen mich ganz andere Worte und Saetze an, und in der Regel kann ich mit Worten nicht erklaeren, warum. 
Es ist keine kognitive Verbindung, sondern eine tiefe gefuehlsmaessige. 
Worte wie "Elokej Awraham, Elokej Jitzchak veElokej Jaakob..." z.B. machen in mir etwas, ich fuehle eine emotionale Verbindung, es spricht mich an, der Text spricht zu mir. 
Warum?
Mit Worten kann ich das nicht erklaeren, denn die Erklaerung liegt jenseits aller Worte. 
Hebraeisch scheint also in jeder Hinsicht die Sprache meiner Seele zu sein. Nicht nur einmal habe ich ja behauptet, es ist die "Muttersprache meiner Seele", kommt mir bekannt und vertraut vor, obwohl ich es mir muehsam erarbeiten musste. 
Zurueck zu den Urspruengen, zu den Urspruengen jeder Seele eines jeden Menschen. Das ist mein Gefuehl dazu. 
Auf jeden Fall bin ich in jeder Hinsicht dankbar, dass ich mich in den Text der Tora hineinbegeben durfte, seine Geheimnisse Schritt fuer Schritt erleben und entdecken darf, Tag fuer Tag, Monat fuer Monat und Jahr fuer Jahr, hoffentlich noch viele viele Jahre...
Denn ein guter Freund brachte es letztens auf den Punkt: "Je mehr du erfaehrst und lernst," so sagte er, "desto mehr weisst du, wie wenig du wirklich weisst..."

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