Dienstag, 27. Januar 2015

Zum Holocaust-Gedenktag

Es wird viel ueber das Vergessen gesprochen. Dass wir nicht vergessen duerfen, und dass es noch "Ueberlebende" gibt, aber diese werden in einigen Jahren auch nicht mehr leben, um erzaehlen zu koennen. Dann muessen die Kinder dieser Menschen weitertragen, was sie von ihren Eltern gehoert haben - ueber das Schrecklichste, was man sich vorstellen kann. 
Eine Vernichtungs-maschinerie, die ausgekluegelt hat, wie man am effektivsten moeglichst viele Menschen auf einmal umbringen kann. Dieser Gedanke hat mich immer schon in grosses Entsetzen gestuerzt. Die Maschinerie, die dahinter steckte, das "systematische" Morden. 
Warum? 
Nicht, weil man etwas Schlimmes getan hatte, sondern weil man als Jude geboren war. Einfach so. Egal, ob alte Menschen oder Kinder. Wer Jude war - auf die Todesseite, in das Lager, das dazu errichtet wurde, Menschen zu quaelen, zu versklaven, und auszuhungern, und zum Schluss - oder gleich am Anfang, wenn es beliebte - in die Gaskammer zu schicken, mit Genickschuss zu toeten oder "einfach so" aus Lust und Laune umzubringen, nicht bevor man jeglichen Besitz dieser Menschen "enteignete". 
Zerstoerung, Vernichtung, Mord, Vergewaltigung. Nicht "lebenswertes" Leben, weil Menschen - bestimmte Menschen - beschlossen haben, wer es nicht wert ist zu leben. G-tt hat uns dieses Leben gegeben und der Mensch beschliesst, dass man nicht wert ist zu leben. 
Wie immer sind meine Gedanken unsortiert, vor allem bei diesem Thema. 
"Die Vorstellungskraft und leider auch kein einziger Film ueber den Holocaust reichen aus, um sich vorzustellen, was damals geschah" sagen meine Patienten, die erlebt haben, was wir hoeren, lesen und versuchen, zu begreifen. 
Ich habe Patienten, die auch heute noch nicht ohne Schlaftabletten schlafen koennen, die Bilder und Erinnerungen verfolgen ein ganzes Leben lang. 
Die Demuetigung - so schreibt Rav Israel Meir Lau, der mit seinem Bruder Naftali Lavi-Lau Buchenwald ueberlebte- sie war viel schlimmer als Schlaege, Hunger und Kaelte. 
Eine meiner Patientinnen sagte mir erst vor ein paar Wochen, dass sie das Bild ihres Opas nicht los wird, dem die Nazis seinen langen Bart in Brand steckten und sich darueber lustig machten. 
Und wer glaubt, mit der Flucht oder Einwanderung nach Israel war alles gut, der taeuscht sich. Wer nach Israel kam, hat nicht selten erst einmal geschwiegen, aus "Scham", denn von den Menschen ausserhalb Europas kamen Vorwuerfe. "Wie konntet ihr euch nur wie Schafe auf die Schlachtbank fuehren lassen?" 
Erst nach und nach erzaehlten einige - viele Jahre spaeter - was wirklich geschah und dass es sehr wohl Widerstaende gab. 

Es gibt viele Volontaere aus Deutschland, die etwas "ausgleichen" wollen, was damals in Europa passierte. "Wiedergutmachung" ist in diesem Zusammenhang ein Wort, was mir nicht so ohne weiteres ueber die Lippen kommt, denn wie auch? Wie soll man ein fabrikmaessiges Massenmorden, was Kinder, Frauen, alte Menschen einschloss "wieder gut machen"? 
Ist es wieder gut, wenn Menschen ein Volontariat machen und sich um alte Menschen kuemmern? Ist dann alles wieder gut? Abgehakt? Ausgewischt? 
Wer sich entscheidet, eine Zeitlang in Israel zu verbringen, um Menschen zu pflegen, die damals in Deutschland in einem Lager waren, die vielleicht ihre gesamte Familie verloren haben, der sollte nicht den Fehler machen, zu denken, es sei leicht. 
Nicht immer sind Ueberlebende der Shoa liebe freundliche "arme alte Menschen", die man in den Arm nehmen kann und troesten moechte fuer das, was ihnen geschah. 
Viele sind ueberhaupt nicht einfach im Umgang, sind verbittert und oft gar aggressiv. Hat man vor, solch eine Arbeit zu tun, sollte man eine sehr stabile Persoenlichkeit sein und sich auf Probleme und Schwierigkeiten einstellen. 
Ich habe eine Patienten, die mir zu diesem Thema einfaellt, die ich so gut wie nie lachen oder laecheln sehe. Sie hat eine Frau aus der Tschechoslowakei, die seit 15 Jahren als foreign worker bei ihr wohnt. 
15 Jahre, ohne einen einzigen Tag frei, nicht einmal ein paar Stunden. Wenn sie einkauft, sagt sie einer Nachbarin bescheid, denn Frau F. kann nicht allein bleiben, da sie an Panik-attacken leidet. 
(15 Jahre an der Seite einer verbitterten, gebrochenen Frau. Wie diese junge Frau das schafft, weiss ich nicht, denn es ist schon eine Art "Eingesperrtsein". Aber die Fremdarbeiter, die ins Land kommen, wollen Geld verdienen, um ihren Familien ein besseres Leben zu ermoeglichen, Geld nach Hause schicken, damit die Kinder etwas lernen koennen. 
Sie opfern ihr eigenes Leben, um dieses Ziel zu erreichen). 

Mit jedem Zeitzeugen, der stirbt, wird die Chance geringer, aus erster Hand zu hoeren, was damals geschah. Und ueberhaupt - gibt es Menschen, die ihr Leben lang nicht sprechen. Nicht jeder laesst sich im TV interviewen und ist bereit zu berichten. 
Ein guter Freund von mir sagte: "Meine Eltern waren beide in Ausschwitz. Sie haben es ueberlebt und mir das Leben geschenkt. Aber gesprochen - gesprochen wurde in unserem Haus nicht darueber. Wir Kinder haben auch nicht gefragt, denn es war ein unausgesprochenes Gesetz - nicht fragen!"
So haben beide Eltern das mit ins Grab genommen, was sie erlebt haben. 

Was man hier in Israel aber weniger erlebt, ist Schuldzuweisung an jeden, der aus Deutschland kommt. Diese Vorstellung gibt es in Deutschland und manche fragen, wie sich denn "die Juden den Deutschen gegenueber verhalten?" 
Ich kann nur sagen - ganz normal. Die meisten Menschen, die ich kenne, moegen Deutschland, fahren auch dorthin, denn manche sind ja dort geboren oder die Vorfahren kamen aus Deutschland. 
Die Deutschen, die nach Israel kommen, werden nicht angeklagt oder beschuldigt. Manchmal hoert man die Frage: "Was haben deine Eltern im Krieg gemacht?" 
Diese Frage muss man verstehen und sich wohl auch gefallen lassen. 
Aber eine pauschale Schuldzuweisung an alle Deutschen gibt es so gut wie nicht. 

Was es gibt, ist die Verweigerung Deutsch sprechen zu wollen. Manche Menschen moechten niemals nach Deutschland fliegen, zu sehr fuerchten sie sich vor dem Schmerz, vor der Angst, die wieder hochkommen wuerde.
Andere wiederum moegen Deutschland und sprechen gern Deutsch, ihre Enkel machen in Austauschprogrammen mit und korrespondieren mit deutschen Schuelern. 
Der Wunsch, Deutsch zu lernen, ist gerade in der letzten Zeit wieder vermehrt zu hoeren. 

Wovor ich Angst habe? 
Vor dem Tag, an dem der letzte Ueberlebende der Shoa unsere Welt verlaesst. 

1 Kommentar:

fetzenflug hat gesagt…

Liebe Noa,

ich lese, die neuen Themen sind sehr anregend... insgesamt bin ich einfach sehr beunruhigt ob Israel. Ich mag es einfach nicht, dass es überhaupt in Frage gestellt wird, und es tut mir leid, meine Sympathien mit den Palis sind am Ende.

Es ist schwer für mich, zumal jener Mensch, der mir fast am wichtigsten, dort... und der Krieg hat unsere Kommunikation wirklich beeinträchtigt. Ich kann es einfach nicht so verorten, was ihr dort gut brauchen könnt...

Aber I stand with Israel.

Fetz