Mittwoch, 22. April 2015

Yom haSikaron - wer versteht wen?

Ich fuehle mich unverstanden, wenn ich mit Deutschland spreche - heute. In Deutschland geht alles seinen normalen Gang, es ist Alltag. Niemand weiss, dass in Israel, 4000 km entfernt, das ganze Land trauert und gedenkt. 
Ist unwichtig. Und das ist gar kein Vorwurf. Fuer den Alltag in Deutschland ist es unwichtig. Israel trauert, gedenkt, senkt sein Haupt, weint, fuehlt. 
Verstehe ich den Schmerz der Hinterbliebenen? Den Schmerz der Familie, die einige Angehoerige beim Terroranschlag verlor? Den Schmerz der Verlobten, die ihren baldigen Ehemann im Krieg verlor?
Den Schmerz des Bruders, der seinen Bruder im Krieg verlor?
Den Schmerz der Schwester, die ihren Bruder verlor?
Wie es im Radio die Familien beschreiben, verstehen sich manchmal selbst in der Familie die einzelnen Mitglieder nicht vollstaendig. 
Wer versteht schon wirklich in der Tiefe den anderen Menschen?

Ich kann sicher nicht den Schmerz der Familien in aller Tiefe nachvollziehen. Aber ich trauere. Auch eher fuer mich allein. Denn wer sollte MEINEN Schmerz vestehen, ich, die ich keinen Angehoerigen (G-tt sei dank) in irgendwelchen Kriegen verlor, die niemanden (G-tt sei dank) zu betrauern hat, der dem Terror zum Opfer fiel? 
Es ist laecherlich was ich empfinde  - aber ich empfinde es. Die Trauer um jeden Soldaten, jedes Terroropfer, Har Nof ist noch so nahe und es ist meine Gegend, wo ich Patienten habe, und auch einige die Augenzeugen waren. Ihre Beschreibungen sind grauenvoll. 
Jeder geht anders mit der Trauer um. Jeder. Auch jede Familie. 
Manche nehmen an Gedenkveranstaltungen teil. Erzaehlen ueber den Sohn, den Ehemann, und den Tag, an dem an ihre Tuere geklopft wurde und sie es bereits ahnten. 
Manche schliessen sich ein zuhause, wollen nicht sprechen. Mit niemandem. 
Selbst Familienangehoerige koennen nicht immer mit ihren naechsten Verwandten reden. Wollen es nicht. Koennen es nicht. Was auch immer. 
Die gemeinsame Seele des Volkes aber ist heute spuerbar. Ohne Worte. Ohne Sprechen. In der Atmosphaere. 
Sie verbindet uns und gleichzeitig trennt sie uns doch sehr deutlich von den Gefuehlen im Ausland, in Deutschland. Nur sehr wenige in Deutschland (ausser den juedischen Gemeinden natuerlich) werden wissen, was heute die juedische, die israelische Seele bewegt. 
Nur wenige verfolgen im Internet im israelischen Radio die Veranstaltungen, das Kaddish, das Aw haRachamim. Die meisten koennen ja auch kein hebraeisch. 
Einige wenige Menschen, ehrlich gesagt in meinem Fall nur ein Mensch, der es versteht, der die Sendungen mitverfolgt, der auch hebraeisch immer besser versteht, verstehen will. 
Ich habe mich oft in meinem Leben NICHT verstanden gefuehlt, mehr als ich mich verstanden fuehlte. Ehrlich gesagt. Daher ist es nicht fremd, dieses Gefuehl. 
Was mich troestet ist die Tatsache, dass es heute vielen vielen Menschen hier im Land nicht anders geht. Aus ganz unterschiedlichen Gruenden. 
Ganz tief in unserem Innern wird sich ohne unser Bewusstsein unsere Seele mit der grossen gemeinsamen Seele des Volkes Israel verbinden. Da bin ich sicher. 
Und dafuer brauchen wir keine Worte, keine unnuetzen Beteuerungen, kein Verstaendnis. Es ist einfach da und wir fuehlen es. 
Ein schwieriger Tag.

Aber ein riesiger Trost - es gibt jemanden, der immer bei uns ist, mit uns geht, und er versteht uns. Da ist es weniger wichtig, ob Menschen uns verstehen.
In diesem Sinne ein Video von Ofra Chaza. "Jemand geht immer mit mir..."
 

1 Kommentar:

Brigitte hat gesagt…

Ein sehr schöner, berührender Text, liebe Noah. Und dann noch das Lied von Ofra Chaza. Warum musste diese wunderbare Sängerin nur so früh gehen?
In Gedanken heute ganz oft in Israel,
Liebe Grüße an dich,
Brigitte