Montag, 25. Mai 2015

Ein eindrucksvolles Shavuot fuer mich

Wider Erwarten, habe ich wohl das groesste spirituelle Erlebnis der letzten Jahre gehabt. 
War ich noch am Freitag irgendwie gar nicht richtig "vorbereitet" fuer das Fest der Tora-uebergabe am Sinai, weder koerperlich noch seelisch auf der Hoehe, Lichtjahre von einer Feiertagsstimmung entfernt, so begann im Grunde schon am Shabbat abend in der Synagoge eine seltsame Wandlung mit mir. 
Ich war irgendie sehr empfaenglich fuer das, was um ich herum geschah und nahm wahr, dass ploetzlich ein guter Freund, der sonst ein recht "trockener" Beter ist, und keinesfalls lange Gebete mit Gesang (wie in der Jakar) liebt, in der Ramban-Synagoge ploetzlich anfing zu wippen beim Lecha Dodi. Ich konnte ihn von oben von der Frauen-galerie aus sehen und war ziemlich gefangen von seinem Anblick. Ich meinte zu sehen, wie er weint, und das passte doch so gar nicht zu ihm. Spaeter, als wir aufstanden, und uns umdrehten, bei der letzten Strophe des Lecha Dodi, sah ich wie er ein Taschentuch zueckte und sich ueber die Augen wischte. Ich hatte also richtig gesehen. 
Ein anderer Mann, etwas aelter als ich, den ich auch vom Sehen kenne, hatte schon die gesamte Zeit gestanden, als Einziger, und mit offenen Armen und geschlossenen Augen inbruenstig den Shabbat willkommen geheissen. 
Ich war fit. Komischerweise war ich fit und fuehlte mich nicht grossartig muede.
Und ich fuehlte eine seltsame Stimmung in mir, die auf etwas anderes hindeutete, als in den letzten Jahren zu Shavuot. 
In der Shabbat nacht war ich allein, weil es mir nicht so gut ging vom Magen her und ich nicht alles essen konnte, so dass ich meine Einladungen absagte. 
Und ich spuerte schon, obwohl es erst Shabbat war, einen ausserordentlichen Drang, dieses Mal endlich zum Sonnenaufgang zur Kotel zu gehen, was ich noch nie geschafft habe. 
Immer war ich muede und kaputt von der Woche, aber vielleicht wuerde es dieses Mal klappen, wenn ich mich nur gut am Shabbat ausruhen wuerde?
Andererseits wollte ich auch zu den Shiurim, die ueberall angeboten werden in der Shavuot-nacht. 

Am Beginn des Chag, also gestern abend, hatte ich mich recht gut erholt und war fit, immer noch in dieser besonderen Stimmung. Ein erhebendes Gefuehl, das ich nicht beschreiben kann. 
Vor dem Abendgebet, war ein interessanter Shiur in der Jehuda-haLevi-Synagoge ueber die zehn Gebote und was das Volk Israel am Berg Sinai hoerte. 
Danach blieb ich zum Abendgebet und rannte schnell nach Hause um die Kerzen zu zuenden. Anschliessend ass ich etwas und ging dann zu einem anderen Shiur in die Yael-Gemeinde, zum Thema Naasse veNishma. 
Zu diesem Thema koennte ich auch eine Menge erzaehlen, aber das vorrangige Gefuehl war dieser Drang und das Beduerfnis, zur Kotel zu gehen. 
Ich fragte saemtliche Leute, aber niemand wollte mit mir gehen und da ich nicht wusste, ob viele Leute diesen Gang zur Kotel machen, hatte ich ein wenig Angst, ich wuerde auf dem Weg niemanden treffen und dann doch zurueckkehren muessen, denn das waere mir zu unheimlich. 

Aber es kam ganz anders und ich danke G-tt fuer dieses Erlebnis. 
Um halb zwei kam ich nach Hause und legte mich hin, aber ohne richtig gut einzuschlafen, schliesslich wollte ich schon in etwas mehr als zwei Stunden wieder aufstehen, und losgehen. Ich war aufgeregt und hoerte vor meiner Tuer, dass Menschen unterwegs waren zu Fuss. 
Um vier Uhr dann, ohne grosse Probleme zog ich mich etwas waermer an, da es in Jerusalem nachts doch kalt ist, und ging los. 
Ich kann nicht beschreiben was auf den Strassen los war und wurde von einer derartigen Hochstimmung ergriffen, dass ich schon auf dem Weg weinen musste. 
Die Verse des Psalmes קכב 122) stiegen in meinem Innern auf. 

"שמחתי באומרים לי, בית ה" נלך" (Ich freute mich, ueber die mir sagten, lasst uns zum Hause des Herrn gehen."
Ja, so fuehlte ich mich. Wir gingen zum Hause des Herrn, auf den Har haBait zu. So mussten sich die Wallfahrer gefuehlt haben. Wie aufregend. Wir gehen zum Hause des Herrn!

"עומדות היו רגלינו בשעריך ירושלים" (unsere Fuesse stehen in deinen Toren, Jerusalem.)

Ich konnte es kaum fassen. Ich hab es geschafft, ich gehe zur Kotel. Mitten in der Nacht. Ich werde die Sonne aufgehen sehen, dort, ganz nahe beim Haus des Herrn, wo der Tempel stand. 
Massen an Menschen waren unterwegs und stroemten zielstrebig in nur eine Richtung. Ich musste weinen. Hatte Gaensehaut und ging immer schneller. 
Und als wir die Steigung zum Shaar Zion (Zionstor) hochgingen fuehlte ich noch etwas anderes in mir. So muss es gewesen sein, als die Menschen endlich endlich 1967, nach fast 20 Jahren wieder an der Kotel beten durften, am dem Tag haben viele geweint vor Glueck und Aufregung. 

Durch das Zionstor weiter, hinunter zum Parkplatz und an der Hurva-Synaoge vorbei, wo auf dem grossen Platz die Menschen an jeder Ecke standen. 
Als ich dann die Treppen hinunter zur Kotel ging, und an der Jeshiwa Ben Porat Josef vorbeikam, sah ich schon auf dem Vorplatz der Kotel und an der Kotel Tausende von Menschen, wirklich Tausende, so wie beim Birkat haKohanim zu Sukkot und Pessach am Tag. Aber es war noch dunkel. 
Ich entschloss mich, zunaechst auf dem kleinen Vorplatz hoch ueber der Kotel zu bleiben, wo die grosse Nachbildung der goldenen Menora steht. 
Von da aus konnte ich gen Osten schauen zum Oelberg und etwas mehr rechts in Richtung Judaeische Wueste, totes Meer. 
Dort stand ich mit einigen Menschen. Die Voegel stimmten in einem Baum ein lautes Konzert an. 
Und ueber dem Oelberg hob sich ganz langsam ein wenig Licht, nur ein kleiner Streifen, der langsam heller wurde. Das Tageslicht. (Alot HaShachar)
Und als ich noch haderte, ob ich nicht doch herunter an die Kotel gehen soll, kam von oben singend ein Rav mit seinen Jeshiwa-studenten auf den Vorplatz, wo ich mich befand. 
Ich war ploetzlich sicher, den bestern Platz zu haben, den man sich vorstellen kann fuer einen solchen Morgen. 
Die Menschen um die Jeshiwaschueler und auch ich gesellten sich zum Gebet. Und das Tageslicht wurde heller ueber dem Berg. Ich konnte meinen Blick kaum abwenden. 
Sie sangen und tanzten und hakten sich beim Rav unter, der sich nicht so bewegen konnte wie sie. Er stand wie ein Fels in der Brandung und betete. Sang. 
Um mich herum waren viele "verzueckt", beruehrt, aufgeregt. Ich war nicht allein mit meinen Gefuehlen. 

Schliesslich kam der grosse ueberwaeltigende Augenblick und Anblick. 
Direkt zu "Gaal Israel", der letzten Bracha vor dem Shmone-Esre-Gebet lugte die rote Sonne ueber dem Oelberg hervor. (Beten mit Netz hachama)
Ich muss schon wieder weinen, wenn ich davon schreibe. Wie ergreifend doch dieser Morgen war. Und wie tief man sich mit der Natur verbinden kann, mit den Tageszeiten, dem beginnenden noch ganz jungen Tag. 
Ich konnte auch die Jeshivastudenten in ihrer Euphorie verstehen. Sie lagen sich in den Armen und waren in einer anderen Welt. Gemeinsam. 
Wir alle waren in einer anderen hoehren Welt und doch ganz hier. 
Und beim Shmone-Esre war alles still. Die Sonne. Und wir. Und unser Gebet, das zum Himmel aufstieg. Die tiefen Emotionen und unsere Traenen. 
Seelen die verbunden sind. 
..... und schliesslich, das Hallel. Grosser Lobpreis, tiefe Dankbarkeit, Liebe und neue Hoffnung.
אנא ה' הושיע נא
אנא ה' הצליחה נא
G-tt, hilf uns!
G-tt, lass es gelingen!

Nach dem Gebet stieg ich herunter zur Kotel. Wenigstens wollte ich einmal die Steine beruehren und ein paar Worte sprechen. 
Es war gar nicht so einfach, sich ihr zu naehern, denn alles war voller Menschen. 
Die Schwalben zogen ihre Kreise ueber den Gebeten der Menschen und alles war irgendwie anders. Die Welt erwacht zum Leben. 

Spaeter wurden auf dem Vorplatz kleine Paeckchen mit einer kleinen Flasche Wasser und 2 Muffins verteilt. Staerkung nach einem anstrengenden, die Seele und den Koerper erfuellenden Erlebnis. 
Ich habe noch nie so etwas Schoenes erlebt. 
Danke, dass du mir die Kraft gegeben hast, den Shavuot-Morgen so zu beginnen.


Kommentare:

Brigitte hat gesagt…

Liebe Noa, ich freu mich, dass du dieses wunderbare Erlebnis hattest und genießen konntest. Es wird dir Kraft geben für die neue (Arbeitss-) Woche.
Shavua tov!

pamesch hat gesagt…

... danke, Noa,
dass Du uns Anteil gegeben hast,
ich konnte es miterleben!