Mittwoch, 1. Juli 2015

Die neue "alte Dame" oder "jeder traegt etwas, wovon wir nicht die geringste Ahnung haben.."

Ich habe ein paar Nachtwachen bei einer alten Dame angenommen und war am gestrigen Abend zum ersten Mal bei ihr. 
Sehr special, muss ich sagen, und ich verstand gleich, warum so viele nicht sehr gern mit ihr arbeiten wollen. 
Aber dann passierten ein paar Dinge, womit ich nicht gerechnet hatte.

Die alte Dame, 86 Jahre alt, spindelduerr mit Gehwaegelchen, hat ihren ganz eigenen Kopf. Alles muss nach einem sehr exakten Plan gehen, Abweichungen sind Drama. 
"Und bring mir ja kein Fleisch in die Wohnung! Das ist verboten!" sagte sie mir unter anderem. Na, da hatte sie ja mit der richtigen gesprochen. Ich war begeistert und fragte sie, ob sie Veganerin sei. 
"Ja, war ich," sagte sie, " bis vor kurzem. Denn der Arzt sagte mir, ich MUESSE nun Huehnersuppe essen, da meine Knochen zu weich sind. Bah! Ich mag keine Huehnersuppe!"
Also eine Gemeinsamkeit. 

Die Wohnung ist gespickt mit Zettelchen, die ueberall kleben. Saetze wie 
"This Window is to remain closed at all times
under no circumstances is it to be opened"
"Nothing is to be placed up here" 
sind in ueberall verteilt. 
Es gibt mindestens 8-10 kleine Ventilatoren, die ueberall laufen, da die Fenster kaum geoeffnet werden, die Heizung laeuft auch bei 30 Grad. 
Ein Ventilator ist gegen den Kuehlschrank gerichtet, der sich ja an der Aussenwand erwaermt. Das soll verhindert werden, sonst koennte es zum Kurzschluss kommen. 

"Ich moechte nicht, dass man neben mir sitzt und mir staendig was erzaehlt, ich moechte, dass du am Tisch dort drueben sitzt und ich werde hier auf der Couch klassische Musik hoeren oder lesen. Nur wenn ich dich brauche, rufe ich dich."

Ich habe damit eher kein Problem, denn auch ich moechte ungern zugetextet werden, kann mich allein beschaeftigen. 
Schoen und gut, alles hat seine Ordnung und alles seinen Zeitpunkt.  

"Und komm nicht auf die Idee, das Handy hier aufzuladen, denn ich bin empfindlich gegen elektromagnetische Felder."
Oh, noch eine Gemeinsamkeit, abgesehen von den weissen Haaren, die wir beide haben. 

Ich habe mit grossen Schwierigkeiten gerechnet, nach der Einfuehrung, die doch etwas seltsam zwanghaft klang. 
Letzten Endes jedoch, kann ich manche Dinge, die die alte Dame mir erzaehlte, durchaus nachvollziehen. 
Es scheint Menschen zu geben, die zur Pflege und Aufsicht kommen, und ihr staendig sagen, "Tu dies nicht" oder "Das ist nicht gut fuer dich". 
Dass ein alter Mensch physisch auf Hilfe angewiesen ist, heisst ja nicht, dass er nicht immer noch sein eigenes Leben fuehren moechte, mit seinen Vorlieben und Vorstellungen. Alte Leute werden schnell zu Kindern gemacht, man spricht mit ihnen als seien sie 5 Jahre alt. 
Warum sollte ein alter Mensch nicht immer noch wissen, was gut fuer ihn ist? Oder das, was nicht gut fuer ihn ist, dennoch tun? Schliesslich gibt es genug junge Menschen, die den ganzen Tag nur das tun, was ihnen nicht gut tut. Auch ein alter Mensch hat dazu das Recht. 

Was mich an Begegnungen am meisten beruehrt, ist immer der Blick in die Seele des Menschen, das Aufflackern der Neshama. 
Und genau solche Augenblicke habe ich mit ihr erlebt. 
Sie liebt es, das "Shma Israel" am Morgen im Radio zu hoeren, was um kurz vor 6 auf einem Sender gesprochen wird. 
Und sie liebt klassische Musik, vor allem Klavierkonzerte. (noch eine Gemeinsamkeit, denn ich liebe an klassischer Musik vor allem Klavierkonzerte)
Heute morgen erzaehlte sie mir dann, dass sie frueher 4 Stunden am Klavier sass, spielte, komponierte. 
Und jetzt? 
Sie schaut auf ihre Finger, die von Arthritis deformiert sind. 
Und lauscht mit einem wehmuetigen Blick der Musik. Ich kann fuehlen, wie sie das, was wir hoeren, in Gedanken spielt, sie kennt jeden Ton, setzt die Finger ... sitzt selbst am Klavier. 
Wie traurig. Da ist er, der Blick in ihre Neschama, ein weicher Gesichtsausdruck, nichts verbiestertes mehr. Sie laechelt mich an. Und ich verstehe. 
Wir haben nicht die geringste Ahnung von dem, was der Nachbar auf seinen Schultern mit sich traegt. Und wenn wir es erfahren, wird ploetzlich alles klar. 
Ich bin dankbar fuer den Blick hinter die Kulissen ihrer Art mit Menschen umzugehen. 
Und auch sie war zufrieden mit "unserer ersten Nacht". 
Als ihre Tochter eine Sms schrieb, nach ihr fragte, sagte sie mir: 
"Schreib ihr, wir sind ein gutes Team." 

Kommentare:

Brigitte hat gesagt…

Vielleicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?☺️

Anonym hat gesagt…

Dass ein alter Mensch physisch auf Hilfe angewiesen ist, heisst ja nicht, dass er nicht immer noch sein eigenes Leben fuehren moechte, mit seinen Vorlieben und Vorstellungen. Alte Leute werden schnell zu Kindern gemacht, man spricht mit ihnen als seien sie 5 Jahre alt.
Warum sollte ein alter Mensch nicht immer noch wissen, was gut fuer ihn ist? Oder das, was nicht gut fuer ihn ist, dennoch tun? Schliesslich gibt es genug junge Menschen, die den ganzen Tag nur das tun, was ihnen nicht gut tut. Auch ein alter Mensch hat dazu das Recht.

Genau so ist es - leider.Für Angehörige, Pflegepersonal, Nachbarn ist es oft nicht leicht, sich mit dem Drang zur Selbstbestimmung der "Pfleglinge" abzufinden, und sie entwickeln regelrechte Strategien, um sich die Oberhand zu sichern.Bei manchen Sozialarbeitern wächst sich das zu einer Berufskrankheit aus.