Dienstag, 27. Oktober 2015

Reizueberflutung

Ich fange an, Handys und Smartphones zu hassen, jeder Klingelton einer eingehenden Mail oder einer Whats-app-Nachricht verursacht in mir Abwehr, SMS und Telefonate, all das ist mir unglaublich zuwider zurzeit.
Mein Arbeitsalltag sieht so aus, dass es keine Minute Ruhe gibt, kein Essen in Ruhe, keine Pause, und auch in der Freizeit keine Ruhe vor der Arbeit. 
Es ist mir schon seit den ersten Wochen klar, dass ich das nicht aushalten will und auch nicht kann. Es schadet enorm der Gesundheit und man bekommt das Gefuehl und die Angst, durchzudrehen, wenn nur noch eine einzige Nachricht herein kommt. 
So sieht Reizueberflutung aus. Netto. Man moechte sich die Ohren zuhalten und nur noch: NEIN, NEIN, NEIN rufen. 
Ist es zuviel verlangt, wenn man sich wuenscht, einfach nur wie ein ganz normaler Mensch zu arbeiten, und nicht wie ein Arbeitstier?

Die Chefin weiss, dass ich gehen will, und wieder zurueck nach Jerusalem gehen werde. 
So gab sie mir - wirklich fairerweise, muss man sagen - am Sonntag einen halben Tag frei, an dem ich in Jerusalem zwei Vorstellungsgespraeche hatte. 
Eines davon in einer aehnlichen Firma, wie die, in der ich zurzeit arbeite. Alte Menschen bekommen von der Sozialversicherung Stunden bezahlt, um israelische oder Fremdarbeiter zu bezahlen, die ihnen zuhause helfen. 
Im Grunde genommen ist dieser Bereich wirklich ein hartes Geschaeft und unterbezahlt. 
Im Moment sehe ich den Wechsel aber als Eintrittskarte nach Jerusalem an, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Ich kann Erfahrung aufweisen und so sind meine Chancen in diesen Firmen nicht schlecht, vor allem, da es eine hohe Fluktuation gibt. 
So hatte ich dann heute ein zweites Gespraech mit der Oberbossin, die in Tel Aviv sass. 
Ich habe um kurz vor 12 frei genommen um dorthin zu fahren. 
Nach einem weiteren Gespraech, bin ich ins Azrieli-Center gegangen, um etwas zu essen. 
Diese Stunden sind freie Stunden, gewissermassen ein halber Urlaubstag, fuer den ich natuerlich nicht bezahlt werde. 
Dennoch - was geschah war folgendes: meine Chefin rief mich mehrfach innerhalb einer Stunde an, meine Kollegin rief ebenfalls an, meine Chefin schickt Whats-app mit der Frage, ob ich morgen dies und das tun kann, meine Kollegin ueberflutet mich mit Informationen und neuen Faellen. 
Ich reagiere - natuerlich - und schreibe zurueck, terminiere fuer morgen Treffen mit Metaplim, Pflegerinnen, die ich zu neuen Faellen bringen muss. 
Mein veganer Hamburger wird kalt. 
Ich stuerze ihn hungrig und ohne grossen Genuss hinunter, auch kalt schmeckt er. 
Meine Entspannung ist weg. Ich bin mittendrin. 
Ich stecke mein Handy in die Tasche und gehe zur Bushaltestelle zurueck nach Raanana. Im Bus zuecke ich mein Handy und sehe, dass weitere 24 Whats-app eingegangen sind, um zu pruefen ob fuer mich etwas Wichtiges dabei ist muss ich alle durchgehen. 
Inzwischen hatte meine Chefin angerufen, konnte mich nicht erreichen, ich hatte das Klingeln unterwegs in der lauten Stadt nicht gehoert, halte mein handy nicht staendig in der Hand, da es mir nicht gut tut, koerperlich. 
Sie schreibt, sobald ich koenne, solle ich zurueck rufen. 
Ist das normal?

Gerade um 21h eine neue Mail, "ist x und y bearbeitet?"
Wenn ich jetzt nicht das handy ausstelle, geht es weiter und ich werde um 5 von der ersten Nachricht geweckt. 

Nein, das kann nicht gesund sein. Und ich frage mich, wie Menschen so etwas Jahrelang aushalten, ohne einen Herzinfarkt zu bekommen. 
Falls ich morgen den Job in Jerusalem bekomme, bin ich ehrlich gesagt nicht super begeistert, ich muss erstmal checken, wie diese Firma arbeitet, ob es genau so weitergeht. Nur werde ich dann schon in Jerusalem sein, und kann mich notfalls weiter umschauen. 

Im Grunde genommen wuensche ich mir, mich mal mit Positiven Dingen im Joballtag zu beschaeftigen, aber dann haette ich etwas anderes als Sozialarbeit studieren muessen. So ist das nun mal. Sozialarbeit bedeutet Arbeit mit Drogenabhaengigen (die ich 13 Jahre in Deutschland gemacht habe), mit schwer erziehbaren Kindern, mit alten Menschen, mit geistig oder koerperlich behinderten Menschen, mit Randgruppen. 

Ich werde wohl die Hoffnung dennoch nicht aufgeben und weiter suchen, ob es nicht doch am Ende noch eine zufriedenstellende Arbeit gibt, die es trotzdem ermoeglicht, sich in Wuerde zu ernaehren. 

So hoffe ich, diesen Job morgen zu bekommen, man will mich im Laufe des Morgens anrufen. 
Dann heisst es moeglichst schnell einen Nachmieter fuer meine Wohnung in Raanana zu finden. Eine Wohnmoeglichkeit in Jerusalem - notfalls reihum bei Freunden - habe ich schon bis ich eine neue Mietwohnung finde. Fuer diese freundschaftliche Hilfe bin ich sehr dankbar. 

Nein, ich gehoere nicht ins Zentrum, sondern nach Jerusalem. 
Es war ueberfluessig und ich mache mir grosse Vorwuerfe, dass ich diesen Schritt getan habe, obwohl mir unterbewusst doch klar war, dass es schief gehen wuerde. 
Ich bin in der ganzen Laenge auf die Nase gefallen und muss nun mit viel Energie noch einmal den Umzug zurueck gestalten. 
Es faellt mir schwer, dem Ganzen eine positive Seite abzugewinnen und ich sage mir staendig, dass es eventuell sein musste, um so klar zu wissen, was richtig, wichtig und gesund fuer mich ist. 
Immer wieder taucht in mir ein Gedanke auf: Wie konnte ich nur?

Kommentare:

Monika hat gesagt…

Ohne mich an die Quellen zu erinnern, dachte ich, öfter gelesen zu haben, daß genau diese Art ständiger Verfügbarkeit anerkanntermaßen ungesund ist. Soweit ich weiß, beginnt das wenigstens in Deutschland auch bei den Unternehmen bekannt zu werden.

Was Du beschreibst ist F U R C H T B A R! Wie kann man arbeiten, wenn man dauerend mit dem halben Kopf woanders ist? Entspannen geht sowieso nicht.

Hoffentlich hast Du es schnell besser.

LG

Monika

NOA hat gesagt…

Das ist es. Dauernd mit dem halben Kopf woanders. denn auch auf deine Arbeit kannst du dich ja nicht richtig konzentrieren, wenn jede Minute wwas anderes kommt. ich glaube, dass Firmen so nur verlieren, und nicht gewinnen, aber solange es immer wieder fluktuation und neue Mitarbeiter gibt, kann es ja egal sein...

Anonym hat gesagt…

Liebe Noa,
ich verfolge deinen Blog regelmäßig und nehme an deinem Schicksal Anteil! Besonders dieser Ausflug jetzt ins Zentrum und deine Rückkehr nach Jerusalem beschäftigt mich sehr. Ich wohne nicht in Jerusalem. Kannst du es irgendwie näher erklären, warum du "nach Jerusalem gehörst"? Würde mich sehr interessieren!
Viel Kraft dir für den Umzug wieder zurück und mach dir nicht allzu viel daraus! Selbstvorwürfe helfen auch nicht weiter - im Gegenteil! Du hast die Kurve gekriegt und das ist die Hauptsache!

NOA hat gesagt…

Nein, leider kann ich es nicht mit Worten erklaeren. Es ist ein GEfuehl. VOr allem, wenn man den direkten Vergleich hat.
Wenn du nicht in Jerusalem wohnst, und dich dort wohl fuehlst wo du bist (innerhalb Israels, oder wo??) dann wird das so stimmig sein fuer dich. Ich denke, jeder hat seinen Platz, wo er "hingehoert", und oft muss man erst weggehen, um die Anziehungskraft zu fuehlen.
Noa

Anonym hat gesagt…

Schön für dich, dass du deinen Platz gefunden hast!
Ich kann das für mich nicht unbedingt so sagen. Wir wohnen in der Nähe von Jerusalem.
Es ist ein heißes Pflaster und vieles, was mir eher negativ aufstößt - liegt wohl an dem geistlichen Kampf! Ja - wenn der Tempel wäre - würde ich die Wichtigkeit dieser Stadt verstehen - aber so? Ich verfolge sehr genau die Geschehnisse, die den Tempelberg betreffen! Ich habe immer das Gefühl, dass ich noch nicht am Ziel angekommen bin! Abraham Geiger hat Jerusalem als Grab bezeichnet, welches man verehrt. Für ihn hatte diese Stadt KEINE Zukunft! Also ähnlich wie Hebron oder Sichem - Josefs Grab - und Amos Oz sagt: es wird nie wieder so sein, wie es mal war! Aber wir beten doch: Chadesch Jamenu kekedem!!! Alle unsere heiligen Stätten haben wir den Arabern übergeben! Es ist UNSERE Politik! Da kommen mir alle Gebete wie Heuchelei vor - Mussafgebet - wir wollen die Opfer wieder bringen ... Wallfahrtsfeste - WOHIN ???

NOA hat gesagt…

Das muss jeder fuer sich selbst fuehlen und entscheiden.
Es ist in mir keine naive Liebe die nur Positives sieht in JErusalem, ganz und gar nicht.
und dennoch...

Anonym hat gesagt…

Schade! Ich war ganz hoffnungsfroh, dass das in Raanana dir gut bekommen würde!

Wenn man deine Berichte liest, kristallisieren sich für Aussenstehende vor allem drei Fakten heraus:
1) In IsraellLeben (und vor allem seinen Lebensunterhalt verdienen) ist nicht einfach
2) Als Neueinwanderer hat man es noch schwerer als andere - auch nach ein paar Jahren noch
3) Der Beruf des Sozialarbeiters geht mit ständiger Überlastung einher, was ich auch schon aus der Adoptions- und Pflegeeltern Blogwelt zu verstehen geglaubt habe (auch dort werden die Sozialarbeiter so mit Aufträgen überladen, dass sie den einzelnen Kindern unmöglich gerecht werden können)... Dazu kommt dann noch eine sehr bescheidene Entlohnung, die zum Stress des Berufes noch den Stress des Auf-Das-Geld-schauen-müssens hinzufügt...

NOA hat gesagt…

RIchtig zusammengefasst. Und trotzdem moechte ich es nicht missen, hier zu leben. komisch oder?
Ja, Sozialarbeiter verdienen hier nur im oeffentlichen Dienst etwas mehr, oder aber nach langen Dienstjahren.
In Deutschland haben wir auch oft gestoehnt und gejammert in der Drogenberatung, aber ich muss sagen, es war doch irgendwie jammern auf hohem Niveau. Denn unser Tempo konnten wir dennoch beibeihalten, niemand trieb uns an. Und das Gehalt war wirklich fast doppelt so hoch. Und die U-Tage auch, statt 10-12 wie hier, 30.
Man kann sich hier auch bis zu 22 U-Tagen "hocharbeiten" nach Jahren, aber das dauert. und bei 22 ist Schluss.
Alles in Allem, geht es Sozialarbeitern in Dtland glaube ich wirklich wesentlich besser.
BIs auf einige Bereiche, die hoch ueberlastet sind.
Noa