Donnerstag, 5. November 2015

Seele verkaufen

Ich bin heute den ganzen Tag sehr nachdenklich. 
Es war mein letzter Arbeitstag - nach 2 Monaten nur gehe ich zurueck, nach Jerusalem. 
Was hatte dieser Abschnitt fuer eine Funktion? 
Ich bin sicher, dass er mir noch einmal vor Augen halten sollte, dass 1. Geld und ein gutes Gehalt nicht ALLES ist, und dass 2. man niemals in einer Situation ausharren sollte, die einem so offensichtlich nicht gut tut. 
Ich kann auf all das, was ich in den 2 Monaten erlebt habe von der Seite herueberschauen und bin ein wenig erschrocken, was Menschen tun, um ein gutes Gehalt zu bekommen. 
Ueber das normale Beduerfnis hinaus, sich in Wuerde ernaehren zu koennen, seinen Lebensunterhalt finanzieren zu koennen, gibt es Situationen, in denen man seine Seele verkauft, wenn man weiter macht. 

Meine Chefin gab mir heute morgen im persoenlichen Abschlussgespraech recht, als ich sagte, dass mir meine Freizeit ziemlich kostbar geworden ist, besonders nach meiner OP vor 5 Jahren. Die Wichtigkeiten verschieben sich und das Gefuehl fuer das, was man sich selbst "antun" will wird geschaerft und deutlicher. 

Unser Motto in der heutigen Gesellschaft - und das ist wohl in Deutschland und Israel aehnlich - lautet : schneller, mehr und noch mehr, keine Gelegenheit verpassen, keinen Kunden aufgeben, die Konkurrenz ist gross. Firmen stehen unter enormem Existenzdruck um weiter zu bestehen, es wird mit mehr oder weniger fairen oder unfairen Mitteln gekaempft, aber immer wird der Mitarbeiter zum Instrument.
Ich hatte schon vor ein paar Wochen resummiert: Ich war Sklavin mit schlechtem Gehalt, nun bin ich Sklavin mit einem super Gehalt. 
Aber will ich Sklavin sein? 
Eine Wahl habe ich wohl eher nicht, aber ich kann versuchen, meine Bedingungen in der Sklaverei zu vergleichen und zu entscheiden, welchen Preis ich bereit bin zu zahlen. 
In welcher Situation, bei welcher Arbeit geht es mir waehrend des Tages gut? 
Stehe ich den ganzen Tag unter innerem Druck oder kann ich arbeiten wie ein "normaler Mensch"? 
Und was ist normal?
Ich denke, jeder Mensch hat eine andere Schmerzgrenze und was fuer den einen noch normal ist, ist fuer den anderen schon grosser Stress, dem er nicht gewachsen scheint. 

Meine Chefin ist junge Mutter, Ende 20 und wacht nachts auf, weil sie Dinge vergessen hat. 
Ich selbst habe in den letzten Tagen grosse Panik entwickelt, da ich soviel vergesse waehrend des Tages wie nie zuvor. Ich habe an Demenz gedacht und wie es sein muss, wenn man die ersten Zeichen an sich entdeckt. 
Eine unserer Pflegerinnen sagte zu mir: "Meine Guete bist du aber durcheinander!" 
Meine Kollegin sagte, nachdem mir nicht einfiel was Herr X. gestern am Telefon sagte: "Na, Hauptsache, du vergisst nicht deinen Namen!" 
Und zum Lachen war mir so gar nicht zumute dabei. 
(ich musste unwillkuerlich darueber nachdenken, was Menschen mit Demenz erleben, in ihren Anfangsphasen. So muessen sie sich fuehlen. Und ich tat genau das, was diese Menschen auch oft tun - ich ueberlegte mir, wie ich aus der Vergesslichkeits-nummer rauskomme, wie ich rechtfertige, dass ich nicht mehr weiss, was X. und Y zu mir sagte.)
Ich habe immer noch grosse Sorge, was diese Vergesslichkeit der letzten Zeit betrifft, aber ich fuehle, dass mein Gehirn dicht macht. Schluss. Aus. Nichts geht mehr. 
Zuviel Info, zuviel Input, zuviele Aufgaben. Zuviel! 
Das Gehirn ist nicht in der Lage, diese Mengen an Informationen zu verarbeiten und abzuspeichern, so dass ich darauf zugreifen kann. Mein Arbeitsspeicher ist uebervoll, auf der Festplatte ist alles, aber darauf zugreifen ist mir nicht moeglich. Vor allem nicht unter Druck. 

Alles muss schnell gehen, alles ist nicht genug. 
Gegessen wird waehrend einer Taetigkeit, nicht in Ruhe oder wie ein normaler Mensch. Gegessen wird zwischendurch, zwischen Telefonat und Besprechungen. 
Eine Mittagspause wie es sie einst gab, ist nicht mehr erwuenscht, wird befremdlich registriert. Man geht nicht mehr fuer eine halbe Stunde hinaus, um etwas zu essen, sondern bringt alles mit ins Buero, allenfalls holt man sich Fastfood schnell ins Buero, um es dann am Schreibtisch zu essen, von Genuss kann keine Rede sein. 

Was tun wir Menschen uns da an? Welchen Einfluss hat das alles auf unsere Gesundheit? Die koerperliche und die seelische?
Ich persoenlich komme schnell an meine Grenzen, kann das alles nicht und will es auch nicht koennen!
Der Druck in unserer heutigen Gesellschaft wird groesser, aber ich bin dennoch der festen Ueberzeugung, dass wir wann immer es moeglich ist, fuer unsere Ruhenische kaempfen sollten, uns entfernen sollten aus ungesunden Situationen und Bedingungen, in unser Seelenheil investieren sollten, so lange es geht. 
Es ist nicht einfach, und ich weiss auch jetzt nicht, ob es in Jerusalem bei der neuen Arbeit besser wird, aber ich fuehle, dass allein die Rueckkehr nach Jerusalem mir Sicherheit gibt, festen Boden unter den Fuessen, den ich verloren hatte. 
Neue Arbeit, neue Wohnung, neues Umfeld, neue Stadt, all das war ein bisschen viel fuer mich. 
Ich brauche dringend etwas, was mir wieder Sicherheit gibt, etwas was ich kenne. 
Und das ist Jerusalem. 
Falls auch die neue Arbeit nicht passend fuer mich sein sollte, kann ich von dort aus weiter suchen. Aber dann bin ich wenigstens an einem Ort, den ich kenne, umgeben von den Freunden.
So geht eine Phase von zwei Monaten zuende, die ich als viel laenger erlebt habe. 
Ich versuche, zur Ruhe zu kommen, wann immer es moeglich ist und freue mich sehr auf die Rueckkehr. 
Morgen nachmittag geht es erst einmal in den Shabbat nach Jerusalem. Abschalten ist die Devise. 
Ein paar Schritte habe ich noch vor mir, bevor ich wieder versuche, Fuss zu fassen in der Heimatstadt. 
Meine Wohnung in Raanana ist noch nicht weiter vermietet und es kann sein, dass ich noch bis Ende Dezember Miete zahlen muss. 
Am Montag kommt der Moebelwagen und bringt meine Moebel in den Speicherraum eines Freundes. Erstmal.
Am Dienstag naechster Woche dann wird mein erster Arbeitstag bei der neuen Arbeitsstelle sein.
Im Grunde koennte ich 3 Wochen Urlaub mit voelligem Abschalten gebrauchen. Nichts tun. Nur leider kann ich mir das nicht leisten.
Dafuer werde ich versuchen, den Shabbat so zu gestalten, dass ich meinem Gehirn eine Auszeit gebe zur Erholung. 

1 Kommentar:

Inga hat gesagt…

Liebe Noa,
ich wünsche dir so sehr, dass du in Jerusalem wieder zur Ruhe kommst.

Das, was du in den letzten zwei Monaten alles erlebt hast, hat dir zu wichtigen Erkenntnissen verholfen und dir gezeigt, was dir wirklich wichtig ist. Nimm diese Erkenntnis mit, aber lass dich nicht von negativen Gedanken an diese Zeit hinunterziehen. Das würde dich u.U. lähmen und dir die Kraft für deine neuen Aufgaben nehmen.

Ich erinnere mich an frühere Beiträge von dir...z.B. aus deiner Mittagspause. Wie eindrücklich hast du es beschrieben, dich mit frischem Obst und Gemüse auf eine Bank zu setzen....trotz der Hektik deines Arbeitstages Zeit zu finden und zu genießen.

Ich wünsche dir von Herzen, dass du in Jerusalem all das wiederfindest, was für dein körperliches und seelisches Wohlergehen wichtig ist.

In diesem Sinne...
liebe Grüße und Shabbat Shalom,
Inga