Sonntag, 1. November 2015

Vorwuerfe

Ja, ich weiss, ich habe einen Fehler gemacht. Ja, ich weiss, dass "alle es mir schon vorher gesagt haben", wie mir eine Bekannte gestern vorwarf. (Aber ganz ehrlich, alle haben das gar nicht gesagt, sondern mir teilweise sogar Mut gemacht, etwas zu wagen)
Diese Vorwuerfe, die jetzt (nur von einigen Bekannten) kommen, tun mir nicht sehr gut. Als wuerde ich nicht schon am Boden liegen! 
Wenn ich alles auf die leichte Schulter nehmen wuerde, koennte ich den Unmut noch verstehen. 

Wenn ich ganz ehrlich bin, mache ich mir Vorwuerfe und denke "Wie konnte ich nur.." aber ist es nicht so, dass man manchmal etwas wagen muss, um etwas zu erreichen? 
Erreicht man es dann nicht, sondern scheitert, ist das bitter und nicht leicht zu ertragen, aber genauso gut haette es ja klappen koennen. Wie sagt man doch? Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. 
Aber wer nicht wagt, kann auch nicht verlieren. Das ist wohl wahr. 
Wuerde mich jemand fragen, ob er wagen soll, einen Schritt zu wagen, der evtl. zur Verbesserung fuehren kann, ich glaube ich wuerde ihm zuraten. 
Ich habe einmal einen Satz gehoert: "Schiffe die im Hafen liegen, koennen nicht untergehen, aber dazu sind Schiffe nicht gemacht..." 
Schiffe sind dazu da, auf hoher See, in manchem Unwetter ihre Wege zu machen, Neuland kennen zu lernen. 

Wir Menschen versuchen, unsere Lage zu verbessern und machen dabei oft neue Erfahrungen, manchmal auch bittere. 
Aber im Nachhinein wird es fuer irgend etwas gut sein, der Irrweg wird seinen Grund haben. 
Ich glaube nicht, dass es verwerflich ist, sich Erleichterung und bessere Bedingungen zu erhoffen.

Als ich damals nach Israel einwanderte, haette auch das furchtbar schief gehen koennen. Und wie ich den Mut aufgebracht habe, mit einem kleinen Geldpolster und nur 2 Koffern hier in Israel neu anzufangen, weiss ich heute nicht mehr. 
Ich kam ohne das soziale Netz an Freunden, das ich heute habe und wirklich - es haette absolut daneben gehen koennen. 
Aber ich war voller Freude und Tatendrang und mir sicher, dass ich Arbeit finde, die mich irgendwie ernaehren kann. Woher ich diese Gewissheit und Zuversicht nahm ist mir heute fast schleierhaft. 
Aber es haette schief gehen koennen. 
Ich bin sehr froh, dass ich es gewagt habe. Es war der groesste Schritt in meinem Leben, den ich je gewagt habe. Und es geht mir gut. 
Vorwuerfe sind also objektiv gesehen wirklich nicht angebracht, und fuehren auch zu nichts. Sind so wenig konstruktiv. Was soll ich jetzt mit diesen Weisheiten wie "das hat man dir doch schon gesagt!" anfangen? 
Herzlich wenig. 
Ich brauche jetzt Aufmunterung und Trost, und zum grossen Teil bekomme ich das ja auch. 
Euch moechte ich auch danken, fuer Eure lieben Worte in den Kommentaren. 
Danke, dass Ihr meinen Weg begleitet und mit mir bangt und fiebert. 
Wie sagt man hier so schoen:
"Nichts ist eine katholische Hochzeit!" womit man sagen will, dass alle wieder rueckgaengig gemacht werden kann. 
Worte wie diese nehmen die Schwere aus Entscheidungen, die Last. Und die Angst, etwas falsch zu machen, was man nicht mehr reparieren kann. 
Je mehr Fehler wir machen, desto mehr lernen wir. 
Ich wuensche mir wirklich etwas mehr Ruhe, wenn ich zurueck bin in Jerusalem, aber diese Ruhe hatte ich mir auch hier fuer die Arbeit in Hod haSharon erhofft und es sah fast danach aus. 
Das, was dann passierte, konnte ich vorher nicht wissen. 
Leichter waere es natuerlich gewesen, haette ich dieses Wagnis in Jerusalem gemacht, und waere nicht gleich so weit weg gezogen. 

Kommentare:

Inga hat gesagt…

Liebe Noa,
machen Sie sich keine Selbstvorwürfe und lassen Sie sich auch nicht von anderen hinunterziehen. Sie haben nichts falsch gemacht! Sie haben etwas gewagt, um Ihre damalige Situation zu verbessern und konnten nicht wissen, dass letztendlich Ihre Arbeit und Ihr Umfeld nicht hielt was sie zu versprechen schienen. Nicht mehr und nicht weniger. Und nun versuchen Sie, einen für Sie besseren Weg zu finden. Es erfordert Mut, Dinge zu ändern.

Und was die Vorwürfe anderer angeht: machmal machen sich Menschen, die einem nahe stehen große Sorgen, wenn man etwas ändert: Arbeitsstelle wechseln, Umzug in eine andere Stadt oder was auch immer. In ihrer Sorge schießen manche einfach übers Ziel hinaus und äußern sich später so wie es manche Ihrer Freunde oder Bekannten tun und kommen dann mit Weißheiten die kein Mensch braucht. Vielleicht ist es Besserwisserei vielleicht aber auch 'nur' Ausdruck der Sorge um Sie und Ihr Wohlbefinden. Oder aber auch die etwas seltsame (weil verletzende) Art zu sagen: schön dass du wieder bei uns bist.....

Ich wünsche Ihnen einen guten Start im neuen Job und wenn dieser nicht der richtige sein sollte....dann erneut den Mut und die Stärke zu wechseln, egal was andere denken oder sagen. Und natürlich, dass Sie eine schöne, neue Wohnung finden in der Sie sich wohl fühlen.

Liebe Grüße,
Inga

NOA hat gesagt…

vielen vielen Dank, liebe Inga
(kannst ruhig DU sagen.
:-)
Noa

Inga hat gesagt…

Danke, liebe Noa, das mache ich gerne..... :-)
Liebe Grüße,
Inga

Juna Grossmann hat gesagt…

Liebe Noa,

Du hast doch alles gesagt: es war ein Versuch und jetzt weißt Du, dass es nicht ging und musst Dich nicht Dein Leben lang fragen, ob Du nicht doch sollen hättest.

Ich wünsche Dir von Herzen, das beste. Ich weiß aber auch, dass Du geschützt bist, eben weil Du den Weg gehst, den Du gehst. Und falls Du nicht mehr weißt, woher Du damals die Energie für die Aliya fandest. Ich weiß es noch und werde es Dir immer wieder sagen.

Also, lass Dir nichts erzählen. Besserwisser gibt es immer, besonders, wenn etwas schief ging. Die gleichen Leute würden auch behaupten, dass sie Dir schon immer gesagt haben, Du solltest den anderen Weg gehen, wenn es gut gegangen wäre ;-)

Ich umarme Dich. Alles wird gut, Du weißt, warum.
Deine Juna

Chajm hat gesagt…

Ach was :-) Du hast Dich zu einem großen Schritt entschlossen und hast den Mut, die Entscheidung dann anschließend für falsch zu erklären. Das spricht aus meiner Sicht FÜR Dich. Wer hat schon den Mut und die Kraft, eigene Entscheidungen so klar zu bewerten? Ich finde es gut und wünsche Dir noch mehr »Koach« für das Weitermachen.
Bisher hatte ich Dich als »gam ze leTovah« Menschen gesehen und ich würde sagen, so wirst Du das hinterher sehen ;-)

NOA hat gesagt…

Danke Chajm
ja, schon jetzt spuere ich sowas wie "gam ze leTowah," aber es ist gerade schwer, wenn man mitten drin ssteckt und noch viiiel Energie aufbringen muss, das so zu sehen.
klar, ist IMMER letowa ..
dank an Juna auch, fuer die Worte
ihr seid klasse!
Noa